Evangelisches Frankfurt

Zeitung für Mitglieder der evangelischen Kirche in Frankfurt am Main

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Pro & Contra: Speisevorschriften
Ausgabe
Oktober 2009

Provokatives Wurstessen

Fast alle Religionen kennen Speisevorschriften – mit Ausnahme des Protestantismus. Aber auch ohne feste Regeln ist es sinnvoll, sich bewusst zu machen, was und wann man isst.

Das Christentum kennt Speisevorschriften am ehesten aus dem Katholizismus, wo vor Ostern zum Fasten angehalten wird und freitags Fisch auf den Tisch kommt. Wesentlich genauer wird im Judentum und im Islam auf das Essen geschaut. Der jüdische Begriff „koscher“ besagt, dass ein Lebensmittel rein, tauglich, geeignet ist und damit als essbar gilt. Die für Muslime erlaubten Speisen sind „halal“ und umfassen alles, was nicht im Koran ausdrücklich verboten ist oder den Menschen schadet. Im Monat Ramadan ist Muslimen zudem tagsüber Essen und Trinken untersagt.

Brot und Wein haben im Christentum sakramentale Bedeutung. Gegen feste Speisegesetze haben Reformierte schon früh protestiert – etwa beim demonstrativen „Wurstessen“ in Zürich im Jahr 1522. | Foto: Fotolia.com / Arturo Limón
Brot und Wein haben im Christentum sakramentale Bedeutung. Gegen feste Speisegesetze haben Reformierte schon früh protestiert – etwa beim demonstrativen „Wurstessen“ in Zürich im Jahr 1522.
Foto: Fotolia.com / Arturo Limón

Im Christentum hat Jesus rituellen Speisevorschriften einen Riegel vorgeschoben, indem er (im Markusevangelium 7, 14ff) erklärt, dass alle Speisen rein sind: Unrein wird der Mensch nicht durch das Essen, sondern durch „böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord Ehebruch, Habgier, Bosheit“.

Verzicht auf bestimmte Speisen im Sinne einer Askese kennt aber auch das Christentum. Da Jesus in der Wüste vierzig Tage gefastet hat, hat schon die alte Kirche eine entsprechend lange Fastenzeit vor Ostern festgelegt. Dabei geht es um die Einsicht in die Notwendigkeit der Buße und das Bewusstsein der eigenen Hinfälligkeit. Mit der Tradition, am Freitag statt Fleisch Fisch zu essen, wird an das Opfer Jesu erinnert, der an Karfreitag am Kreuz gestorben ist. Zum Fisch hatte das Christentum schon immer eine besondere Nähe: Er war nicht nur Lebensmittel, sondern auch Geheimzeichen, weil das griechische Wort für „Fisch“ die Anfangsbuchstaben des frühchristlichen Glaubensbekenntnisses vorgibt: „Jesus Christus ist Gottes Sohn und Heiland“.

Der Protestantismus hat sich von Anfang an davon distanziert, das Fasten zu einem Gebot zu erheben. Das provokative Züricher „Wurstessen“ am ersten Fastensonntag im Jahr 1522 demonstrierte die Auffassung, dass die Einhaltung von Speisevorschriften nicht als gutes Werk zu sehen ist: Der Mensch hat keine Möglichkeit, sich mit irgendeiner Leistung vor Gott zu rühmen, sondern ist immer auf Gnade und Barmherzigkeit angewiesen. Worauf es ankommt ist, sich auf diese eigene Fehlbarkeit und Erlösungsbedürftigkeit zu besinnen. Gleichwohl halten es viele Evangelische für nützlich, hin und wieder zu fasten und auf bestimmte Dinge und Tätigkeiten zu verzichten, etwa mit der Aktion „Sieben Wochen ohne“ in der Passionszeit vor Ostern. Außerdem folgt aus der Erfahrung der Liebe Gottes eine achtsame und liebevolle Haltung gegenüber der Schöpfung, die sich auch ohne allgemeinverbindliche Vorschriften im Verzicht auf bestimmte Lebensmittel (zum Beispiel bedrohte Tierarten oder genmanipulierte Pflanzen) und in einer ressourcenschonenden Lebensweise äußern kann.

Während das Christentum keine verbotenen Speisen kennt, so gibt es doch zwei elementar wichtige: Brot und Wein. Beide gelten als sakramentale, also heilschaffende Speisen, die im Abendmahl die Gläubigen mit Jesus Christus verbinden.

Wilfried Steller

Darf man alles essen?

Felix Henneberg (25), Heilpraktiker in Ausbildung

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Ich fand Fleisch schon als Kind eklig und wollte Tiere, die ich toll fand, nicht zum Mittagessen verspeisen. Mit sechs Jahren war ich Vegetarier, jetzt lebe ich seit drei Jahren vegan. Ich esse also kei­nerlei tierische Produkte, auch keinen Käse, keine Eier und trinke keine Milch. Ich will nicht von Tieren leben. Diese Ernährung ist trotzdem gesund: Alle Bausteine, die in tierischen Produkten enthalten sind, wie zum Beispiel Eiweiß, findet man auch in pflanzlichen Produkten. Man muss sich auch mal klarmachen, dass man hundert Kilo Rohstoff braucht, um ein Kilo Fleisch zu produzieren. Wenn man auf den Futtermittel-Flächen Nahrung für Menschen anbauen würde, gäbe es keinen Hunger mehr. Fleisch kann im Übrigen nur billig sein, weil Tiere das billigste Futter bekommen, oft genmanipuliert. Bei Greenpeace oder Foodwatch kann man sich informieren.

Catarina Bürklin (44), Künstler- und Konzertmanagerin

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Ich esse grundsätzlich alles, es sei denn, es schmeckt mir nicht. Ich genieße gutes Essen und lasse es mir auf der Zunge zergehen – wie die Franzosen. Am liebsten esse ich in Gesellschaft mit viel Zeit. Dann kann es ein mehrgängiges Menu sein, bei dem man stundenlang zusammensitzt, oder auch einfache Gerichte aus der Region, wie zum Beispiel Pfälzer Leberwurstbrot – Hauptsache, der Geschmack stimmt. Und dann noch ein guter Wein dazu – mmh! Manchmal habe ich aber auch Lust auf Junk Food: Ein schneller Hamburger auf der Autobahn – herrlich. Fleisch esse ich lieber als Fisch, und das darf dann auch mal teurer sein: Ich kaufe es immer bei meinem Metzger, dem ich vertraue. Ich kaufe auch gerne in kleinen Läden mit einer guten Käsetheke ein, wenn ich Zeit habe oder Freunde verwöhnen will. Schließlich darf man sich ruhig ab und zu was gönnen!

Gabriela Schlick-Bamberger (43), Historikerin

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Wir Juden haben fest geschriebene Speiseregeln, die uns Gott in der Thora gegeben hat und an die man sich im Idealfall halten sollte. Koscher, also „richtig“ essen heißt, zwischen Milchigem und Fleischigem zu trennen, Stichwort: „Das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen“ – ursprünglich also ein tierschonender Gedanke. Koscher ist auch, kein Schweinefleisch und keine Meeresfrüchte zu essen. Wiederkäuer, Tiere mit gespaltenen Hufen und Geflügel müssen geschächtet werden. Früher war das die schonendste Art, ein Tier zu töten. Im Kaschrut, unserem „Lebensmittelgesetz“, steht auch, dass man Maß halten soll, also zum Beispiel nicht mehr Tiere töten als nötig. Da koscheres Fleisch ziemlich teuer ist, ist man sich seines Wertes auch mehr bewusst. Überhaupt geht man durch die Regeln bewusster mit Lebensmitteln um.

Ute Simon (40), Lehrerin

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Ich habe mich drei Jahre aus ethischen Gründen vegetarisch ernährt, jetzt esse ich wieder Fleisch. Es ist mir aber wichtig, darauf zu achten, wo es her kommt: artgerechte Tierhaltung, Bio, keine langen Transportwege. Wenn möglich kaufe ich auch sonst Bio und fair gehandelte Produkte: Tee, Kaffee, Gewürze, Schokolade. Gut, dass jetzt auch Discounter solche Produkte anbieten. So wird „fair“ auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglich. Schwierig finde ich, wenn: „Was esse ich oder nicht?“ zu einer Religion wird und das ganze Leben bestimmt. Im Religionsunterricht plane ich gerade ein Projekt zum Thema „Fairer Handel“. Dabei geht es mir darum, mein Ess- und Einkaufsverhalten immer wieder zu hinterfragen, aber ohne schlechtes Gewissen. Viel wichtiger ist es, mit, wie ich es nenne, „gereifter Mündigkeit“ Entscheidungen zu treffen.

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