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Von – 1. Februar 2010

„Bei uns ist alles unter einem Dach“

In einer Interviewreihe stellt „Evangelisches Frankfurt“ die Mitglieder des Frankfurter Rates der Religionen vor. Esther Ellrodt-Freiman von der Jüdischen Gemeinde arbeitete bereits in dem Initiativkreis mit, der das Konzept für den Rat entwickelt hat.

Esther Ellrodt-Freiman vermittelt bei Vorträgen und auf Podien das Wissen über jüdische Traditionen: Hier bei einer Führung in der Westendsynagoge. Foto: Ilona Surrey

Frau Ellrodt-Freiman, Sie vertreten im Rat die Jüdische Gemeinde Frankfurt. Haben Sie dort eine bestimmte Funktion?

Ich bin Beauftragte für interreligiösen Dialog, ansonsten aber ganz normales Gemeindemitglied. Ich habe über 30 Jahre lang die Kindergärten der Gemeinde geleitet und in der jüdischen Volkshochschule unterrichtet. Schon damals habe ich viele Vorträge über das Judentum gehalten und war auf Podien zum interreligiösen Dialog eingeladen. Heute mache ich auch Führungen in der Westendsynagoge.

Wie viele Mitglieder hat die Gemeinde und wie ist sie organisiert?

Wir haben ungefähr 7000 Mitglieder und sind eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit einem gewählten Gemeinderat von 17 Personen. Der wählt aus sich einen Vorstand mit fünf Personen, die die Dezernate leiten: Kindergarten, Altersheim, Schulzentrum, Finanzen, Kultus. Wie bei den Kirchen wird die Mitgliedersteuer vom Finanzamt eingezogen.

Und wie ist das Gemeindeleben strukturiert? Sicher haben Sie regelmäßige Gottesdienste?

Ja, es gibt Gottesdienst, jeden Tag drei Mal.

Jeden Tag drei Mal?

Ja, morgens, nachmittags und abends. Dazu bedarf es eines Gremiums von mindestens zehn Männern, das ist der so genannte Minjan. Früher musste man oft herumlaufen und klingeln: Kannst du mal kommen, uns fehlt noch einer. Jetzt haben wir aber ein College in der Synagoge, eine Jeschiwa, mit 12 bis 16 jungen Männern aus der ganzen Welt, die die heiligen Schriften studieren. Also sind es immer schon zehn.

Und wie viele kommen dann noch dazu?

Morgens und nachmittags wenige, aber wenn ich manchmal abends Führungen in der Synagoge habe, sehe ich, dass recht viele Männer da sind, vielleicht zwanzig oder dreißig. Frauen gehen nicht zu diesen Wochentagsgebeten. Am Freitagabend, wenn der Sabbat anfängt, und am Samstagvormittag kommen mehrere hundert Menschen in die Synagoge. Dann auch Frauen, die sich oben auf der Empore versammeln.

Die Synagoge im Westend ist also orthodox?

Ja, heute. Als sie am Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurde, war es eine liberale Synagoge, was sich allerdings noch nicht auf die theologische Emanzipation der Frau bezog. Es gab damals drei Gemeinden in Frankfurt. Durch die Verfolgung hat sich die Struktur der jüdischen Bevölkerung sehr verändert. Die Überlebenden aus den Lagern stammten hauptsächlich aus Polen, sie kannten also nur die orthodoxen Got­tesdienste. Und das aufgeklärte, liberale deutsche Judentum war ja nicht mehr da. Inzwischen gibt es aber einen egalitären Minjan, wo Frauen absolut gleichberechtigt sind. Sie haben auch eine Rabbinerin angestellt.

Ist dieser egalitäre Minjan ein offizieller Teil der Gemeinde?

Natürlich! Das ist ja das Interessante. Solche egalitären Gruppen gibt es heute ganz viele in Deutschland, und sehr viele Gemeinden haben deshalb mit Abspaltungen zu tun. Aber unsere Gemeinde hat alles unter einem Dach, von den ganz Liberalen bis zu den Ultraorthodoxen. Das ist ein großes Kunststück, das Ignaz Bubis damals noch fertiggebracht hat. Der egalitäre Minjan hatte sich zunächst in Cafés und Bürgerhäusern getroffen, aber Bubis sagte: Die gehören doch auch zu uns! Geben wir ihnen einen Raum! Es gibt übrigens noch eine andere Synagoge, im Baumweg, da haben sich besonders orthodoxe junge Familien angesiedelt. Sie sitzen nicht nur im Gottesdienst, sondern sogar beim anschließenden Imbiss nach Geschlechtern getrennt. Das gab es früher gar nicht.

Und zu welcher Gruppe gehören Sie selbst?

Wir sind in unserer Familie traditionell eingestellt, also nicht egalitär, aber auch nicht orthodox. Wir wohnen in Eckenheim, ich könnte also gar nicht in die Synagoge gehen, wenn ich orthodox wäre, weil ich nicht fahren dürfte und es auch eine Grenze gibt, wie weit man am Sabbat laufen darf. Wenn ich orthodox wäre, müsste ich auch meine Haare bedecken. Wir halten zuhause aber viele Traditionen, wir kochen koscher, mischen also nicht Milch mit Fleisch und essen kein Schweinefleisch, und feiern die jüdischen Feste. Manchmal bin ich bei den Egalitären eingeladen, aber ich fühle mich in der orthodoxen Synagoge wohler. Ich bin bestimmt ein sehr aufgeklärter Mensch, und mit der Ratio würde ich auch sagen, man müsste eigentlich zu den Liberalen gehen. Aber das Gefühl sagt mir, nein. Es macht mir auch überhaupt nichts aus, oben auf der Empore zu sitzen.

Sind Sie von klein auf religiös erzogen?

Nein, überhaupt nicht. Meine Mutter wollte gar nichts damit zu tun haben, weil sie ihre ganze Familie verloren hatte. Erst als ich 13 oder 14 Jahre alt war, hat sie mich zum ersten Mal mit in die Synagoge genommen. Da wusste ich sofort: Das ist es.

Wie schätzen Sie den Stand des interreligiösen Dialogs ein?

Ich bin besorgt, dass man die Islamfeindlichkeit in Deutschland immer stärker schürt. Wir vom Rat werden oft als blauäugig und naiv beschimpft. Aber ich kenne das Schema: Wenn ein Jude etwas gemacht hat, dann geht man auf alle Juden los. Über den Islam diskutiere ich aber auch oft mit jüdischen Leuten, weil sie natürlich auch Vorurteile haben.

Was beschäftigt Sie in der Jüdischen Gemeinde zurzeit?

Frankfurt hat nach 1990 auf 5000 Gemeindemitglieder ungefähr 2500 Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion dazubekommen. Das war eine ganz schöne Herausforderung. Plötzlich war der Kindergarten zu klein, die Schule zu klein und so weiter. Es gab natürlich auch Vorbehalte gegen „die Russen“, da musste man erstmal Aufklärungsarbeit leisten. Dazu kam, dass im Kommunismus ja die Religionsausübung verboten war. Das heißt, die Leute wollten zwar ihr Judentum leben, hatten aber keine Ahnung. Wir haben bald gemerkt, dass da tolle Leute dabei waren. In der Gemeinde gab es Konzerte von Musikern, die eigentlich in die Alte Oper gehören. Die Kinder haben sich teilweise zu brillanten Studenten entwickelt, es gab viele Hochzeiten. Für die Gemeinde heißt das, dass wir jetzt sehr viele junge Leute haben.

Sie haben also, anders als der Rest von Deutschland und auch die Kirchen, kein Problem mit der demografischen Entwicklung?

Ja, genau. Migration ist die einzige Lösung. Ohne Zuwanderung wären wir in Deutschland höchs­tens noch 14?000 Juden, und die Mehrzahl davon in der Altersgruppe 60 plus. So aber sind wir 104?000. Trotz der hohen Geburtenzahlen überwiegen aber auch bei uns die Sterbefälle, da ist die jüdische Gemeinschaft doch ein Mikrokosmos der übrigen Gesellschaft.

 

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Februar 2010 in der Rubrik Gott & Glauben, Menschen, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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