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Von – 1. Februar 2010

Ohne Ethik auch keine Rendite

Religiös orientierte Geldinstitute, die ethische Maßstäbe anlegen, haben die Finanzkrise meist besser überstanden als Banken, die allein auf Profitmaximierung aus waren. In der Evangelischen Stadtakademie tauschten sich christliche und muslimische Ökonomen über das Verhältnis von Ethik und Rendite aus.

„Es gibt keine Alternative“ – mit dieser Behauptung wurde jahrelang eine neoliberale Politik gerechtfertigt, die alle Entscheidungen der Orientierung auf materiellen Profit untergeordnet hat. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise sind die schädlichen Folgen dieses Denkens auf dem Tisch. Doch während die Allgemeinheit auf unabsehbare Zeit gigantische Lasten zu schultern hat, knallen in den Investmentetagen schon wieder die Champagnerkorken. Die amerikanische Großbank Goldman-Sachs zum Beispiel fuhr dank Steuermittelspritzen im Jahr 2009 erneut Gewinne ein und schüttete satte Boni aus. Ihr Chef Lloyd Blankfein besaß unlängst gar die Chuzpe zu behaupten, Banken würden „Gottes Werk“ verrichten.

Doch wie verhält es sich wirklich mit der Religion und der Wirtschaft? Schon seit Jahrzehnten entwickeln religiös inspirierte Finanzinstitute Erfahrungen mit alternativen Wirtschaftsformen und bieten Geldanlagen an, die Ethik und Rentabilität zusammenbringen. So wurde 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen die internationale Genossenschaft Oikocredit gegründet. In Deutschland feierte die Evangelische Kreditgenossenschaft kürzlich ihr 40jähriges Jubiläum, 1983 eröffneten die Schwestern des katholischen „Notre-Dame-Ordens“ Frankreichs ersten Ethik-Fonds. Die von Anthroposophen gegründete GSL Gemeinschaftsbank bietet seit 1974 nachhaltige Geldanlagen an, und ebenfalls Anfang der 1970er Jahre betrat „Islamic Finance“ das globale Finanzmarktparkett. Bezeichnenderweise haben all diese Geldinstitute die Krise auch ohne öffentliche Gelder gemeistert.

Dass Rendite und Ethik keine Gegensätze sein müssen, machte auch die Tagung „Mit Gott aus der Krise“ klar. Expertinnen und Experten diskutierten in der Evangelischen Stadtakademie am Römerberg über „Wirtschaften aus islamischer und christlicher Perspektive“. Georg Horntrich vom katholischen Zentrum Rabanus Maurus bescheinigte dabei dem vorherrschenden Finanz- und Wirtschaftssystem einen „durch und durch faulen Boden“. Skrupelloses Verhalten, laxer Umgang mit Risiken, neuartige Finanzierungsinstrumente, die im Modell funktionieren, aber nicht in der Realität, sowie fehlende Kontrollen sind nach Ansicht des Wirtschaftsethikers in ein „komplexes Phänomen-Geflecht“ gemündet, das sich nicht mehr steuern lässt. Die Asienkrise in den 1990er Jahren und die geplatzte „Dotcom-Blase“ im März 2000 seien hierfür schon eindeutige Warnzeichen gewesen. Die habe man jedoch wissentlich ignoriert. An internationalen Regulierungsmechanismen und ethischen Standards führt für den Theologen kein Weg vorbei. Zumal mit dem Klimawandel bereits die nächste Katastrophe vor der Haustür stehe.

Vor solchen Hintergründen erinnerte Sigrid Reihs, ehemalige Landessozialpfarrerin der Evangelischen Kirche von Westfalen, an den frühen Mahnruf des Ökumenischen Rates der Kirchen. Der sei bereits 1948 davon ausgegangen, dass „der Kapitalismus die Völker ruinieren wird“. Waren „protestantische Prägekräfte“ noch an der Entwicklung des deutschen Sozialstaates und dem Konzept der sozialen Marktwirtschaft maßgeblich beteiligt, so spielten sie heute kaum mehr eine Rolle. „Das Wettbewerbsprinzip hat alle Bereiche des Lebens erfasst“, bedauert die Theologin. Die Gesellschaft brauche jetzt Instanzen, die darauf achten, dass Grundwerte wie Freiheit, Menschenwürde und Gerechtigkeit gewährleistet sind. Dabei gehe es nicht darum, die bestehende Wirtschaftspolitik in das Mäntelchen christlicher Ethik zu hüllen. Vielmehr sei ein „starker und neutraler Staat“ gefragt, der die Rahmenordnung für wirtschaftliches Handeln setzt und es auf seine „dienende Funktion“ begrenzt.

Zaid el-Mogadeddi, der Gründer des Frankfurter „Institute for Islamic Banking and Finance“, wünscht sich eine gemeinsame Antwort der Religionen auf die Krise: „Wir müssen den interreligiösen Dialog verstärken, um in dieser Hinsicht mehr Einfluss zu gewinnen. Judentum, Christentum und Islam teilten schließlich zentrale Glaubenselemente, unter anderem das Zinsverbot. Während drei Viertel der Weltbevölkerung unter Schuldzinsen leiden, gestatteten diese dem verbleibenden Viertel, sich ohne Eigenleistung zu bereichern. Derlei Erträge seien deshalb im „Islamic Banking“ ebenso tabu wie Hedge-Fonds oder Leerverkäufe bei Devisentermingeschäften (siehe Box oben). Würde der Finanzmarkt insgesamt nach solchen Vorgaben funktionieren, „wäre der Welt die Krise erspart geblieben“, ist Mogadeddi überzeugt.

Der muslimische Ökonom will die Banken „nicht generell verteufeln“, wünscht sich aber, dass sie sich wieder auf ihre eigentliche Funktion besinnen. In den vergangen Jahren sei hier vieles aus dem Ruder gelaufen. Islamische Finanzwirtschaft sei von ähnlichen Grundsätzen geleitet wie christlich oder ökologisch ausgerichtete Geldinstitute und könne daher unter „nachhaltiges Wirtschaften“ subsumiert werden. Jetzt sei es wichtig, gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen: „Es gibt nur ein gemeinsames Wirtschaften in die richtige Richtung“, stellte der Institutsdirektor klar: „Wir haben keine zweite Welt im Kofferraum“.

„Islamische“ Banken boomen

Die grundsätzliche Ausrichtung von „Islamic Finance“ und „Islamic Banking“ wurde bereits im 8. Jahrhundert entwickelt. Als soziales Regulativ verhinderte das Zinsverbot (das sich auch in der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament, findet), dass Bauern bei Ernteausfällen in die Schuldknechtschaft gerieten.

Auf dem globalen Markt ist das islamische Wirtschaftsmodell seit Mitte der 1970er Jahre präsent. „Islamic Finance“ und „Islamic Banking“ verbieten alle Arten von Spekulation und die Erhebung von Zinsen. Darlehen werden gegen diverse Formen der Beteiligung gewährt, was unter anderem bedeutet, dass der Darlehensgeber auch etwaige Verluste mittragen muss. Jedes Finanzgeschäft wird überdies von eine Ethik-Kommission kontrolliert. Investitionen in Waffen-, Alkohol- oder Schweinefleischproduktion, in Prostitution und Pornografie, in Banken und Versicherungen sowie Unternehmen, die Kinderarbeit dulden, sind kategorisch ausgeschlossen.

Die an den Regeln des Islam und der Scharia ausgerichteten Finanzdienstleistungen und Bankgeschäfte stehen auch Nichtmuslimen offen. „Islamic Finance“ und „Islamic Banking“ sind nach wie vor Nischenmärkte, die allerdings starken Aufwind erfahren.

In jüngster Zeit bewegte sich der jährliche Zuwachs zwischen 10 und 20 Prozent, seit der Finanz- und Wirtschaftskrise verzeichnet der Bereich einen regelrechten Nachfrage-Boom – unter anderem, weil hier die Krise relativ unbeschadet überstanden worden ist. Das Interesse am islamischen Finanzsektor ist aber auch aus sozialen und ethischen Gründen gestiegen. Der Vatikan etwa forderte voriges Jahr die westlichen Banken auf, von den islamischen Geldinstituten zu lernen. In Groß-Britannien halten sich inzwischen fünf Banken an die Regeln der Scharia, in Deutschland startet in diesem Jahr der erste islamische Aktienfonds, und auch immer mehr ganz normale Banken bieten „islamische“ Finanzprodukte an.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Februar 2010 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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