Evangelisches Frankfurt

Zeitung für Mitglieder der evangelischen Kirche in Frankfurt am Main

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Interviews
Ausgabe
April 2010

„Es gibt zeitlose Wahrheiten, die funktionieren“

In einer Interviewreihe stellt „Evangelisches Frankfurt“ die Mitglieder des Frankfurter Rates der Religionen vor. Der 33 Jahre alte Sozialanthropologe Khushwant Singh vertritt dort die Religionsgemeinschaft der Sikhs.

Die Sikh-Religion ist in Deutschland wenig bekannt. Können Sie kurz erklären, woran Sie glauben?

Bei uns steht gelebte Weisheit im Mittelpunkt, weniger der Glaube. Denn es sind gerade rivalisierende Glaubensvorstellungen und Ideologien, die Menschen trennen. Ich spreche lieber von Spiritualität. Es gibt zeitlose Weisheiten, die ich in meinem Leben integrieren kann, unabhängig davon, welchen Hintergrund ich habe. Wenn ich Jugendliche unterrichte, sage ich manchmal provokativ: „Ich glaube an meine Mutter.“ Dann fangen alle an zu lachen, weil das komisch klingt. Denn meine Mutter existiert ja, ich muss nicht an sie glauben. Und genau so ist es auch mit der Schöpfung. Spiritualität hilft, ein Leben im Einklang mit sich und der Umwelt zu führen. Und dafür gibt es Weisheiten, die wir überall anwenden können. Daran muss ich nicht glauben, sondern sie funktionieren eben. Ich finde diesen Ausgangspunkt für den interreligiösen und kulturellen Dialog sehr hilfreich.

Khushwant Singh unterrichtet die Lebensweise der Sikhs in ihrer Gebetsstätte in Frankfurt Höchst. | Foto: Rolf Oeser
Khushwant Singh unterrichtet die Lebensweise der Sikhs in ihrer Gebetsstätte in Frankfurt Höchst.
Foto: Rolf Oeser

Wann und wo ist die Sikh-Religion entstanden?

Ihr Begründer, Guru Nanak, wurde 1469 im Panjab geboren. Er hat schon im Kindesalter jede Dogmatik, jedes Ritual, jede Glaubensvorstellung hinterfragt. Guru Nanak hat keine Theorien und Regeln verfasst, sondern war Poet, Musiker, Reisender und ein sehr guter Redner. Hindus, Muslime, Asketen und andere fanden seine religionsübergreifende Botschaft inspirierend. Ihm folgten neun Gurus, also religiöse Meister. Heute gibt es über zwanzig Millionen Sikhs. Sikhi ist die fünftgrößte monotheistische Weltreligion. Die meisten Sikhs leben im Panjab, in Nordindien, aber auch in anderen Teilen Indiens, in Nordamerika und England. In Festlandeuropa sind es einige Zehntausend.

Gibt es auch eine Heilige Schrift?

Ja, die Gurus haben ihre Einsichten sowie die anderer Heiliger in einer sehr poetischen Schrift aufgeschrieben, die Guru Granth Sahib heißt. Das Buch ist 1430 Seiten dick. Es enthält keine Geschichten oder Dogmen, sondern metaphorische Weisheiten und Lobpreisungen der Schöpfung. Die Verse sind so geschrieben, dass man sie in einer bestimmten Melodienfolge rezitieren kann. Sie bieten also auch einen gefühlsmäßigen Zugang zur Spiritualität. Der Guru Granth Sahib genießt bei uns die allerhöchste Autorität. Im Gurdwara, also der religiösen Schul- und Gebetsstätte, sitzen wir alle auf dem Boden, Frauen und Männer gemeinsam, aber der Guru Granth Sahib ist höher aufbewahrt. Fast jeder Sikh hat aber auch noch eine kleine Ausgabe mit den geläufigsten Versen zuhause.

Wie wird man denn Sikh, durch Geburt?

Nein. Die Sikh-Religion basiert ja darauf, dass ich Zuflucht zur Weisheit nehme und versuche, mein Ego hinten anzustellen. Ein Kind kann das in der Regel noch nicht. Es gibt eine freiwillige Erwachsenentaufe, die der zehnte und letzte Guru eingeführt hat. Die Taufe war ein öffentlicher Akt, sich vom Kastensystem und bisherigen Glaubensvorstellungen loszusagen. Sie hob hervor, dass ein Sikh eine direkte Verbindung zu dem Mysterium, das wir Gott, Allah, Jahwe oder Waheguru nennen, sucht. Ohne eine Mittlerfigur. Die Taufe betonte auch die Bedeutung einer egalitären Lebensweise, die Einheit der Menschen und die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.

Schon damals im 15. Jahrhundert?

Ja, das wurde damals schon in Ansätzen umgesetzt in den Gurdwara, wo Frauen genauso teilnehmen konnten wie Männer. In den religiösen Zentren gab und gibt es freies Essen für alle, und man sitzt dabei auf dem Boden, um die Gleichheit aller Menschen auszudrücken. Alle getauften Sikhs begannen, einheitliche Nachnamen zu tragen. Frauen Kaur, Männer Singh. Mit der Etablierung dieser Lebensweise haben die Sikhs auch für Unmut gesorgt bei Leuten, die ihr soziales Gefüge gefährdet sahen. Dadurch kam es dann auch zu Unterdrückung und zu Verteidigungskriegen.

Wie ist Ihre Gemeinde hier in Frankfurt organisiert?

Unsere Gemeinde ist in einer ehemaligen Fabrikhalle in Höchst neben der Jahrhunderthalle untergebracht. Organisiert ist sie als Verein, und sie finanziert sich aus Spenden. Man trifft sich sonntags, weil dann die Leute frei haben. Der Gurdwara ist aber immer offen, jeder kann ihn besuchen. Am Sonntag kommen weit über fünfhundert Sikhs. Der Ablauf ist weitgehend festgelegt. Es fängt damit an, dass Kinder in Begleitung von Instrumenten aus dem Guru Granth Sahib rezitieren. Dann werden Verse oder historische Ereignisse erläutert. Anschließend gibt es Essen.

Rezitiert wird ja in der Sprache Panjabi – verstehen das denn die Jugendlichen, die in Deutschland aufgewachsen sind?

Ja, die meisten können das noch, vielleicht nicht die Schrift der Sikhs, Gurmukhi, lesen, aber zumindest sprechen. Den Unterricht für religiös orientierte Lebenskunde, den ich ehrenamtlich anbiete, halte ich aber bewusst auch auf Deutsch, damit die Jugendlichen lernen, wie man über religiöse Inhalte auf Deutsch spricht. Zum Beispiel sagen sie oft, wir hätten „zehn Götter“. Dann erkläre ich ihnen, dass wir ja nicht über Zeus oder Dionysus sprechen und es so eine falsche Wendung nimmt. Solche Vergleiche helfen.

Sie tragen einen Turban, warum?

Der Turban steht für ein tugendhaftes, würdevolles und emanzipiertes Leben. In Indien haben ja vor allem Fürsten einen kunstvollen Turban getragen. Und wir tragen ihn auch, um die ungeschnittenen Haare schön zusammenzuhalten. Im Einklang mit der Schöpfung zu leben heißt für uns auch, den Körper möglichst so zu belassen, wie er ist. Es gibt aber auch Sikhs, die sich die Haare schneiden. In Deutschland zum Teil auch, weil sie sonst Probleme haben, eine Anstellung zu finden. Es gibt andererseits auch Frauen, die einen Turban tragen, ich habe eine Schülerin, die das tut.

Wie sind Sie persönlich ein religiöser Mensch geworden?

Das ist ein tiefes und unerklärliches Gefühl. Ich habe viel durch meine Eltern gelernt. Schon als Jugendlicher habe ich Bücher über verschiedene Religionen und Philosophien gelesen und dann Sozialanthropologie und Erziehungswissenschaften studiert. Dabei wurden mir auch kritische Fragen zur Sikh-Religion gestellt. Das hat mich anfangs irritiert, aber letztlich sehr bereichert, und ich konnte daran innerlich wachsen. Sikh heißt ja, Schüler zu sein. Wenn man mit unterschiedlichen Einsichten zusammenkommt, merkt man, was im Kern gleich ist. Das ist es, was mich an Religion fasziniert.

Interview: Antje Schrupp

Bewährungsprobe bestanden

Im Streit um israelfeindliche Äußerungen eines Frankfurter Imams, der inzwischen zurücktreten musste, hat der Rat der Religionen eine Bewährungsprobe zu bestehen gehabt. Auslöser war eine Sendung des Hessischen Rundfunks, die den Imam der Hazrat Fatima-Gemeinde bei einer israelfeindlichen Demonstration zeigte. Ünal Kaymakci vom Vorstand dieser Gemeinde ist zugleich stellvertretender Vorsitzender des Rates.

„Der Konflikt hatte viele verschiedene Ebenen“, sagt Pfarrerin Ilona Klemens, die die Geschäfte des Rates führt. „Wir haben einerseits die Tendenz der Sendung kritisiert, die aus unserer Sicht zum Ziel hatte, die Einführung eines konfessionellen islamischen Religionsunterricht zu torpedieren“, so Klemens. „Genauso haben wir aber unmiss­verständlich alle israelfeindlichen Tendenzen abgelehnt.“

In der öffentlichen Diskussion seien die beiden Aspekte oft vermischt worden. Als Rabbiner Menachem Klein von der Jüdischen Gemeinde seine Mitarbeit im Rat ruhen ließ, sei das als Anzeichen gewertet worden, dass der Rat an einem internen Konflikt zerbrechen könnte. „Das war aber zu keiner Zeit ein Thema“, versichert Klemens. Der Rücktritt des Rabbiners habe nichts mit einem Konflikt zwischen jüdischen und muslimischen Ratsmitgliedern zu tun gehabt. „Seiner Ansicht nach sollte im Rat nur über religiöse, aber nicht über politische Themen gesprochen werden“, so Klemens.

Insgesamt ist der Rat aus dieser Debatte nach Einschätzung von Klemens gestärkt hervorgegangen. „Es war klar, dass es irgendwann zu einem Dissens kommen würde. Konflikte gehören zu einem Diaog eben dazu.“

Antje Schrupp

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