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Von – 1. April 2010

„Es gibt zeitlose Weisheiten, die wirken“

In einer Interviewreihe stellt „Evangelisches Frankfurt“ die Mitglieder des Frankfurter Rates der Religionen vor. Der 33 Jahre alte Sozialanthropologe Khushwant Singh vertritt dort die Religionsgemeinschaft der Sikhs.

Sikhi Unterricht in Frankfurt. Foto: Rolf Oeser

Herr Singh, die Sikh-Religion ist in Deutschland wenig bekannt. Können Sie kurz erklären, woran Sie glauben?

In der Sikh-Religion steht die Einheit der Schöpfung und gelebte Weisheit im Mittelpunkt, weniger der Glaube. Denn es sind gerade rivalisierende Glaubensvorstellungen und Ideologien, die Menschen trennen. Vereinfacht gesagt, betont die Sikh-Religion dem Menschen inne wohnende, zeitlose spirituelle Weisheit. Dabei ist die Seele metaphorisch der Tropfen der Weisheit, der die Tiefgründigkeit und Unermesslichkeit des Meeres der Urkenntnis in sich trägt. Um sich der Weisheit hingeben zu können, ist es notwendig, dass wir unsere Identität und die materielle Welt dekonstruieren. Die Fähigkeit der Innenschau ist uns unabhängig vom Hintergrund mitgegeben. Es spielt keine Rolle, welche Hautfarbe wir haben, ob wir materiell arm oder reicht sind, in Frankfurt leben oder irgendwann auf einem anderen Planeten. Wir entwickeln uns geistig und technisch fortwährend im Zuge der Evolution. Es stellen sich daher immer wieder neue ethische Fragen. Gleichwohl bleiben Grundfragen der Existenz unsere stetigen Begleiter: Wie entsteht das Ich? Was ist der Geist und die Seele? Wer ist der Denker und Entscheider in mir? Wer bin ich jenseits meiner sozialen Identität und des Körpers? In welcher Beziehung stehe ich zu den Mitmenschen, der Umwelt und dem Leben insgesamt? Wie kann ich ein innerlich freies, kreatives, frommes, tugendhaftes und soziales Leben führen? Wie kann Frieden sichergestellt werden? Die übereinstimmenden Erkenntnisse der Heiligen, auf die die Lebensweise der Sikhs zurückgeht, helfen bei der Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Sie inspirieren dazu, die höchste Vision unserer selbst und im Einklang mit der Schöpfung zu leben. Es geht also um die langfristige Wirkung von Spiritualität, wenn wir uns ihr hingeben. Ich finde diesen Ausgangspunkt auch für den interreligiösen und kulturellen Dialog sehr hilfreich.

Wann und wo ist die Sikh-Religion entstanden?

Sikhi, wie die Religion von Sikhs genannt wird, geht auf nordindische Heilige zurück. Der einflussreichte unter ihnen war Nanak. Er wird von Sikhs respektvoll mit Guru, Meister, angeredet. Guru Nanak wurde 1469 im Panjab geboren. Er hat bereits in seiner Jugend verbreitete Dogmen, Glaubensvorstellungen, Mythen, Rituale, Körper und Geist zentrierte religiöse Praktiken, diskriminierende Handlungen und die Autorität etablierter religiöser und weltlicher Ämter hinterfragt. Guru Nanak hob hervor, dass jeder eine innere Beziehung zu dem Mysterium, das wir Gott, Allah, Jahweh, Ram oder Waheguru nennen, aufbauen kann. Ohne Mittlerfigur und körperlich vollzogene Handlungen. Guru Nanak verfasste keine Theorien und Regeln. Sondern er war durchdrungen von einer tiefen ästhetischen Weisheit. Guru Nanak war nicht nur ein begnadeter Poet, Redner und Musiker, sondern auch Familienvater und Bauer. Er unternahm weitläufige Reisen um sich mit Vertretern verschiedenster religiöser Traditionen auseinanderzusetzen. Hindus, Muslime, Asketen und andere waren von seinen religionsübergreifenden Einsichten und seiner Weisheit beeindruckt. Guru Nanak gingen zahlreiche Heilige voran und ihm folgten neuen religiöse Meister. Heute gibt es über zwanzig Millionen Sikhs. Sikhi gilt als fünftgrößte Weltreligion. Die meisten Sikhs leben im Panjab, in Nordindien, aber auch in anderen Teilen Indiens sowie in Südasien, Australien, Nordamerika, England und Afrika. In Europa sind es einige Zehntausend.

Gibt es auch eine Heilige Schrift?

Ja, die Meister haben ihre Einsichten sowie die der vorhergehenden Heiligen in der eigens entwickelten Schriftsprache Gurmukhi aufgeschrieben. Das 1430-seitige Werk mit den gesammelten Originalschriften heißt Guru Granth Sahib. Es enthält metaphorisch verkleidete Weisheiten und Lobpreisungen der Schöpfung. Geschichten, Regeln oder Mythologien fanden keinen Eingang darin. Die Verse sind so geschrieben, dass man sie melodisch rezitieren kann. Sie bieten also auch einen gefühlsmäßigen Zugang und erleichtern das Auswendiglernen. Der Guru Granth Sahib genießt bei uns die allerhöchste Autorität. Fast jeder Sikh hat auch noch eine kleine Ausgabe mit den geläufigsten Versen zuhause.

Wie wird man denn Sikh, durch Geburt?

Nein. Ein Sikh zu werden, ist eine Lebensaufgabe. Die Sikh-Religion basiert darauf, dass ich Zuflucht zur Weisheit nehme und versuche, mein Ego, welches durch Sinneserfahrungen erzeugt wird, bewusst zu durchschauen. Das Verständnis der Schriften ist dabei eine wichtige Hilfe. Laut den Meistern sind Sikhs Suchende, die aufrichtig nach Erkenntnis streben und deren Alltag ganzheitlich durch Weisheit inspiriert ist.

Gibt es eine Taufe?

Es gibt eine freiwillige Taufe für mündige Sikhs. Der zehnte und letzte Meister führte sie im 17. Jahrhundert ein. Die Taufe dient seither dazu, die egalitäre und unabhängige Lebensweise der Sikhi zu betonen, sich öffentlich von bisherigen Glaubensvorstellungen loszusagen und das Verantwortungsgefühl der Gemeinschaft zu stärken. Getaufte Sikhs begannen einheitliche Nachnamen zu tragen. Frauen Kaur, Männer Singh. Schon zu Zeiten der ersten Meister konnten Frauen an religiösen Zusammenkünften teilhaben. Es gab freies Essen für Menschen jeglicher sozialen und religiösen Herkunft. Diese Tradition besteht bis heute. Kinder, Frauen und Männer sitzen im Gurduara, der religiösen Schulstätte, gemeinsam auf dem Boden. Dies betont den gemeinsamen Ursprung und die Gleichheit der Menschen. Mit der Etablierung ihrer Lebensweise sorgten Sikhs allerdings auch für Unmut. Vor allem bei denen, die ihre religiöse und weltliche Vormachtstellung gefährdet sahen. Sikhs wurden im Verlaufe der Geschichte daher immer wieder unterdrückt und es kam zu Verteidigungskriegen.

Wie ist Ihre Gemeinde hier in Frankfurt organisiert?

Wie viele Zuwanderergemeinden ist auch unsere in einem Industriegebiet angesiedelt. Der Gurduara befindet sich in einer ehemaligen Fabrikhalle in Höchst neben der Jahrhunderthalle. Organisiert ist der Gurduara als Verein und finanziert sich wie die Sikh-Gemeinden weltweit aus Spenden. Zumeist trifft man sich dort sonntags, weil dann die meisten einen arbeitsfreien Tag haben. Die Schulstätte ist täglich geöffnet, jeder kann sie besuchen. An Sonntagen kommen weit über fünfhundert Sikhs. Der Ablauf ist weitgehend festgelegt. Zunächst rezitieren Kinder und Erwachsene in Begleitung von Instrumenten Verse aus dem Guru Granth Sahib. Dann finden Erläuterungen der Verse oder historischer Ereignisse statt. Abschließend wohnen alle dem Gemeinschaftsmahl bei.

Rezitiert wird ja in Panjabi – verstehen das denn die Jugendlichen, die in Deutschland aufgewachsen sind?

Ja, die meisten können es gut sprechen. Die Schriftsprache Gurmukhi allerdings bleibt nicht nur für Jugendliche eine Herausforderung. Es gibt einen hohen Bedarf an religiöser und geschichtlicher Orientierung. Die religiöse Unterweisung, die ich ehrenamtlich anbiete, halte ich bewusst auch auf Deutsch, damit Jugendliche lernen, wie man über religiöse Inhalte auf Deutsch spricht. Zum Beispiel sagen Jugendliche oft, wir hätten „zehn Götter“. Dann erkläre ich, dass wir ja nicht über Zeus oder Dionysus sprechen und es so eine falsche Wendung nimmt. Solche Vergleiche helfen. Förderlich ist, die Sprache der Jugendlichen zu sprechen und auf unterhaltsame Weise Bezüge zu ihrem Leben herzustellen.

Sie tragen einen Turban, warum?

Der Turban steht für ein würdevolles, tugendhaftes und emanzipiertes Leben. Die Begründer haben jedem Menschen Würde und Nobelhaftigkeit zugesprochen. Sikhs tragen den Turban auch, um die ungeschnittenen Haare zu schmücken. Im Einklang mit der Schöpfung zu leben heißt für uns auch, den Körper möglichst so zu respektieren, wie er geschaffen wurde. Es gibt aber auch Sikhs, die sich die Haare schneiden. Zum Teil auch, weil sie sonst Probleme haben, eine Anstellung zu finden. Es gibt andererseits Frauen, die einen Turban tragen.

Wie sind Sie persönlich ein religiöser Mensch geworden?

Das ist ein tiefes und unerklärliches Gefühl. Ich habe viel durch meine Eltern gelernt. Schon als Jugendlicher habe ich Bücher über verschiedene Religionen und Philosophien gelesen. Nach dem Abitur studierte ich Erziehungswissenschaften, Ethnologie und Sozialanthropologie. Dabei wurden mir auch kritische Fragen zur Sikh-Religion gestellt. Das hat mich anfangs irritiert. Dann jedoch hat es mich angespornt, mich mit dem Guru Granth Sahib zu befassen. Letztlich hat es mich sehr bereichert. Sikh heißt Schüler. Dies beinhaltet eine stetige Offenheit für Neues. Aufrichtige Schüler versuchen aus ihren Fehlern zu lernen. Sie tauchen immer tiefer ein in die Inhalte, mit denen sie sich befassen. Als Sikh geht es darum, im Laufe der Zeit ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Haltungen in einer spirituellen und damit universellen Tiefgründigkeit wurzeln. Das ist es, was mich an Religion und am Leben fasziniert.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. April 2010 in der Rubrik Gott & Glauben, Menschen, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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