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1. April 2010

Regenbogen des Klangs

p(einleitung). Obertonmusik in der Friedenskirche im Gallus

Vom ersten Moment an hat man das Gefühl, bei der Entdeckung eines Phänomens dabei zu sein. So beginnt der Künstler in der Friedenskirche im Gallus, sich immer wieder wiederholende Töne zu spielen, zudem auf nicht definierbare Vokale eine an die Gregorianik erinnernde Melodie mit schleppender Mehrtonfolge zu singen – und plötzlich hört man von irgendwo her im weiten Kirchenraum einen zarten und feinen Klang wie von Flöten erzeugt, der die gesungene Melodie in zauberhaften Klangfarben umspielt und den Hörer förmlich bannt.

Der Bremer Obertonsänger, Klangforscher und Multiinstrumentalist Reinhard Schimmelpfeng gab der Faszination und dem Staunen durch die Länge seiner Stücke großen Raum. Als „Regenbogen des Klanges“ definierte er die Obertonmusik. So wie der Regenbogen das Bild der Spektralfarben des Lichtes ist, wird durch die Obertonmusik der Klang gleichsam in seine Spektraltöne zerlegt. Ein Oberton schwingt mit einem Vielfachen der Frequenz eines Grundtons. Grundton und harmonische Obertöne zusammen nennt man dann harmonische Teiltöne oder kurz Harmonische, vor allem in Verbindung mit Blechblasinstrumenten auch Naturtöne.

Im Konzert erlebte man jedoch mehr als die Demonstration dieses physikalischen Phänomens. Schimmelpfeng hat die Technik des Obertongesangs und des Spielens auf obertonreichen Instrumenten – Äolsharfe oder auch indische Tamboura – perfektioniert. Was man anfangs nur als zufälliges Produkt des Spiels empfinden konnte, entpuppte sich als kompositorisches und improvisierendes Schaffen. Die Konzentration des Musikers und die absolute Beherrschung der Technik vermochte sich der dem Zufall überlassenen Verselbständigung von Klangessenzen entgegenzusetzen. Ein Beispiel dafür war ein Stück, bei dem Schimmelpfeng einen Symphonic Gong nicht anschlug, sondern ihn mit den Schlegeln strich. Mehrstimmig kam die Antwort aus dem Kirchenschiff, und man hatte das Gefühl, ein ganzes Orchester würde spielen.

Bei diesem Stück waren auch Untertöne zu hören, quasi das Spiegelbild der Obertöne. Die Saiten einer chinesischen Windharfe brachte der Musiker zum Klingen, indem er sie im Raum hin und her bewegte, kurz anblies, zupfte oder mit den Kielen von Pfauenfedern strich und so ein polyphones Klangerlebnis kreierte. Klanglich fesselnd auch die variablen Töne einer Keramik-Didgeridoo, die durch das Umherlaufen im Kirchenraum praktisch in jede Nische drang. Ein Höhepunkt dann das Spiel auf einer indischen Langhalslaute mit einem Resonanzkörper aus einem hohlen Kürbis. Nach mehreren Wiederholungen eines Motivs erklangen die Obertöne als Ostinato, das sich dann zu einer eigenen Melodik formte. Ein unkonventionelles und unvergessliches Konzert experimentellen Charakters.

p(autor). Joachim Schreiner

Artikelinformationen

Beitrag veröffentlicht am 1. April 2010 in der Rubrik Kultur, erschienen in der Ausgabe .

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