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Von , – 1. Mai 2010

Alles mal ein paar Tage auf Stopp

In Island brach ein Vulkan aus, und dann ging erstmal nichts mehr: Mehrere hundert Menschen aus aller Welt verbrachten eine ganze Woche im Transitbereich des Flughafens. Eine Zeit des Innehaltens – im wahrsten Sinn des Wortes.

Anfangs waren es Tausende, am Ende noch etwa 300 Menschen, die im Transitbereich auf ihren Weiterflug warten mussten. Sie kamen aus allen Ecken der Welt, die unterschiedlichsten Typen waren dabei, vom Manager bis zur ländlichen Großfamilie. Die meisten trugen es mit Fassung, andere waren aufgeregt, manche einfach nur verzweifelt über den erzwungenen Stopp. Doch das gemeinsame Schicksal machte sie zu Verbündeten.

„Auch in so kurzer Zeit entstehen Bindungen“, sagt Flughafenpfarrerin Ulrike Johanns. Wie etwa zu jener Reisegruppe russischer Frauen, mit denen sie sich nicht unterhalten konnte. „Immer wenn ich an ihnen vorbei ging, riefen sie mir zu: We don’t speak English! Und ich antwortete: I don’t speak Russian!“

Für Feldbetten, Essen und Trinken, frische Unterwäsche, Kleidung und Waschutensilien hatten der Flughafenbetreiber Fraport, das Catering der Lufthansa und der kirchliche Flughafensozialdienst gesorgt. Viele Ehrenamtliche halfen mit, schnell gingen Spenden und sogar Übernachtungsangebote ein.

Doch unabhängig von solchen organisatorischen Dingen gab es auch das Bedürfnis nach Gesprächen, nach Sinnsuche. „Immer wieder habe ich den Satz gehört: Die Natur zeigt uns hier unsere Grenzen“, erzählt Johanns. Viele Menschen hätten diesem unfreiwilligen Stopp einen Sinn geben wollen. Ist die immer schnellere Mobilität, die Globalisierung, die Hektik des Fortschrittes wirklich gut für uns und die Welt? Wie sehr haben wir uns davon abhängig gemacht, immer alles kontrollieren zu können, davon, dass immer alles irgendwie „funktioniert“?

Eine politische Frage, und für manche auch eine persönliche. Wie für jenen Manager, der auf dem Flug von Saudi Arabien in die USA in Frankfurt strandete und jetzt die ganz, ganz wichtige Konferenz verpasste, von der doch so viel abhing. Nicht nur er nutzte die Zeit, um über den eigenen Lebensentwurf nachzudenken.

Zu einem solchen Innehalten konnte dieses Naturereignis auch deshalb werden, weil es nicht zerstörerisch war. Es gab keine Toten und Verletzten wie bei anderen Naturkatastrophen, nur Ausgebremste. Und, ein ebenso wichtiger Faktor: Niemand war schuld. „Als der Flughafen im Winter wegen Schnee und Eis den Betrieb einstellen musste, waren die Fluggäste sehr viel ungehaltener“, erzählt Johanns. „Damals machten sie die Betreiber verantwortlich. Jetzt war klar, dass niemand etwas dafür kann.“ Wenn man keine Schuldigen suchen muss, ist die Gelassenheit, Unbill zu ertragen, deutlich größer.

Und für viele war es eine gute Erfahrung, dass Menschen füreinander sorgen, wenn es drauf ankommt. So wie für das iranische Ehepaar im Rollstuhl, um das sich Landsleute kümmerten. Oder wie für jene junge Frau, die Mitreisende immer wieder fragten, ob sie ihre Mutter inzwischen erreicht habe. „Die Menschen blieben nicht mehr anonym, sie hatten einander im Blick“, sagt Johanns. Wildfremde Menschen erzählten sich ihre Lebensgeschichten, es sei „fast eine Art Camp-Atmosphäre“ entstanden. Sogar manche Familien lernten sich besser kennen. Ein eritreisches Ehepaar, das in einem Flüchtlingslager im Sudan war, bevor es in die USA ausgewandern konnte, hatte kein Problem mit einem Feldbettenlager – ganz anders als ihr erwachsener Sohn, der sein ganzes Leben eine komfortable und funktionierende Welt erlebt hatte.

Pfarrerin Johanns war vor allem in den Nachmittags- und Abendstunden im Transit, wenn der Tagesbetrieb abflaute und immer noch nicht klar war, wie es nun weiterging. „Wir haben dann Gottesdienste abgehalten, Abendlieder gesungen, Psalmen gebetet.“ In afrikanischer, orthodoxer, indischer, lateinamerikanischer Art und Weise, je nachdem. „Man sollte ja eigentlich nicht meinen, dass Menschen in so einer Lage vordringlich das Bedürfnis haben, Gottesdienst zu feiern“, sagt sie, „aber es war so“.

Nachdenklich machte sie auch ein Gespräch mit einem Flughafenmanager, der klagte, dass er so wenig habe tun können. „Ich habe ihm gesagt, dass das nicht stimmt. Schließlich hat die Fraport ungeheuer viel für die Fluggäste getan. Klar, sie konnte die Flugzeuge nicht in die Luft bringen. Aber in diesem Sinne können wir Menschen eigentlich immer nur sehr wenig füreinander tun. Wir können den anderen nicht alle Wünsche erfüllen. Aber wir können einander helfen, die Situationen, vor die das Leben uns stellt, gut durchzustehen. Und genau das hat er ja gemacht.“

Am besten habe das Ganze den Kindern gefallen. „Sie konnten herumlaufen, sie hatten Spielzeug und einen Schminktisch“, erzählt Johanns. Vielleicht war es aber nicht nur das. Vielleicht wissen Kinder einfach besser, dass die Welt auch dann nicht untergeht, wenn sie mit ihren eigenen Anstrengungen einmal nichts ausrichten können.

Zwischen Ohnmacht und Abenteuer

„Hast du einen Rückflug?“ Ich schüttele den Kopf. Die uniformierte Dame hinter dem Schalter hat mich weggeschickt: „Alle Flüge nach Deutschland gestrichen.“ Der fragende Dresdner steckt wie ich am Flughafen in Chicago fest. Seine Begleiter geben mir einen Tipp: Die Fluggesellschaft verteilt Gutscheine für Hotel übernachtungen. Ich rufe bei der Hotline an, notiere die Registrierungsnummer in meine Hand.

Ich bin enttäuscht, müde, hungrig und will meine schwere Reisetasche loswerden. Abends im Hotel beruhige ich via Internettelefon meine Familie.

Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Shuttle zum Flughafen zurück und stelle mich in die Warteschlange. Zwei Münchnerinnen stehen hinter mir an und berichten, dass sie schon seit Tagen versuchen, nach Hause zu kommen. Die Frau hinter dem Schalter kann mir nicht helfen: Selbst wenn die Sperre aufgehoben würde, seien die Flüge der nächsten Tage alle ausgebucht. Noch eine Nacht in Chicago. Ich hole mir einen weiteren rosa Hotel-Gutschein. Die Concièrge begrüßt mich: „Da ist sie wieder.“

Gegenüber der uniformierten Front, die für meine Situation kaum Mitgefühl zeigt, fühle ich mich machtlos. Aber die Unterstützung der Mitleidenden gibt mir Mut. Die Dresdner Reisegruppe bietet sogar an, das Hotelzimmer mit ihnen zu teilen, falls ich keins bekomme. Ich bin nicht allein. In einer ruhigen Minute freue mich sogar da­rauf, das Abenteuer zu Hause zu erzählen: nicht nur lesend oder vor dem Fernseher, sondern tatsächlich dabei gewesen zu sein.

Tag drei. Die beiden Münchnerinnen winken aus einer Warteschlange und verkünden, eine Fluggesellschaft fliege wieder nach Deutschland. Drei Stunden zu früh sitze ich am Gate. Ich höre Deutsch, Englisch, Russisch durcheinander und kann die Stimme aus dem Lautsprecher kaum verstehen. Undeutlich erkenne ich meinen Namen und springe auf. Ich fliege nach Hause.

Artikelinformationen

Beitrag von , , veröffentlicht am 1. Mai 2010 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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