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Von – 1. Mai 2010

Nicht Fremde, Mitmenschen

Oft prägt Misstrauen die gegenseitige Wahrnehmung. Wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammenleben, befürchten schnell die einen, von den anderen verdrängt zu werden oder sich gegen Übergriffe verteidigen zu müssen. Die christliche Botschaft lautet anders.

Holger Kamlah ist Pfarrer in Unterliederbach. Foto: Ilona Surrey

Im Februar war ich zusammen mit anderen Pfarrerinnen und Pfarrern auf einer Studienreise in Indien. In der Millionenstadt Hyderabad begegneten wir den unterschiedlichen Religionen Indiens und besuchten auch ein Projekt des dort ansässigen christlichen Henry-Martin-Institutes. Vor einigen Jahren hatte es im Stadtzentrum blutige Auseinandersetzungen zwischen Menschen hinduistischen und muslimischen Glaubens gegeben. Lange aufgestautes Misstrauen gegeneinander entlud sich in Gewalt, sodass Menschen, die jahrelang in unmittelbarer Nachbarschaft gewohnt hatten, aufeinander einschlugen.

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass diese Ereignisse das Zusammenleben von Hindus und Moslems in diesem Teil der Stadt fast unmöglich gemacht hatten. Niemand wollte mehr etwas zu tun haben mit den „Andersgläubigen“. In dieser sehr verfahrenen Situation kam der Leiter des Institutes auf die Idee, mitten in diesem Stadtteil eine Schule zu errichten, in denen Kinder hinduistischen Glaubens und Kinder muslimischen Glaubens gemeinsam unterrichtet werden – auch in ihren jeweiligen Religionen.

Zunächst stieß die Idee auf massiven Widerstand, und es brauchte alle Überzeugungskraft, die Schule zu verwirklichen. Als wir das Projekt besuchten, begegneten uns dort Kinder und Jugendliche beider Religionen, die miteinander lernen, spielen und lachen, die freundlich und respektvoll miteinander umgehen, und die in der Schule auch die Religion der anderen kennenlernen. Diese jungen Menschen, so können wir hoffen, werden sich wohl nie wieder aufgrund von religiösen Konflikten die Köpfe einschlagen.

Gute Laune herrschte am Pfingstmontag im vergangenen Jahr. Für den 24. Mai lädt die evangelische Kirche wieder gemeinsam mit ausländischen Gemeinden zu einem „Ökumenischen Pfingstfest“ mit Open-Air-Gottesdienst auf dem Römerberg ein. Los geht es um 11 Uhr unter dem Motto „Farbe bekennen.“ Die Predigt hält Pröpstin Gabriele Scherle. Nachmittags geht es weiter mit einem internationalen Fest im Dominikanerkloster am Börneplatz. Foto: Rolf Oeser

Gott sei Dank haben wir in Frankfurt keine gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens. Es wäre aber auch nicht ehrlich zu behaupten, dass das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen und Menschen anderen oder keinen Glaubens spannungsfrei wäre. Die Diskussionen um den Bau von Moscheen sind nur ein Beispiel für das Misstrauen, das die gegenseitige Wahrnehmung bestimmt. Man befürchtet, vom anderen verdrängt zu werden. Man glaubt, sich gegen mögliche Übergriffe verteidigen zu müssen.

Durch den Besuch der Schule in Indien ist mir wieder einmal deutlich worden, dass ein Ausweg aus solchen Konfrontationen nicht darin bestehen kann, dem anderen die Möglichkeiten zu entziehen, den eigenen Glauben zu leben. Das schürt nur immer mehr Misstrauen. Es kann nur darum gehen, sich gegenseitig in Respekt und Anerkennung zu begegnen, und dies gelingt immer dann am besten, wenn mir der Andere nicht fremd bleibt. In der persönlichen Begegnung besteht die Chance, im Anderen den Menschen zu sehen, der wie ich selbst Hoffnungen und Ängste, Sehnsüchte und Sorgen hat. Oder, um es mit christlichen Worten zu sagen: der wie ich ein Geschöpf Gottes ist.

Noch etwas anderes ist mir an der Begegnung in Indien wichtig. Dort haben Christinnen und Christen ein Haus gebaut, in dem Frieden wachsen kann zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens. Sie haben damit ohne viel Worte eine zentrale Botschaft christlichen Glaubens erfahrbar werden lassen: Selig sind die, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. So hat es Jesus gesagt.

Am Pfingstmontag lädt die evangelische Kirche traditionell zu einem internationalen Fest am Römerberg ein. In einer
multikulturellen und multireligiösen Stadt wie Frankfurt brauchen wir solche Orte der Begegnung auch mit Menschen anderen Glaubens. Sie helfen, im anderen nicht den Fremden, sondern den Mitmenschen zu erkennen.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Mai 2010 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Holger Kamlah ist Pfarrer in Unterliederbach.

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