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Von – 1. Juli 2010

„Unsern kranken Nachbar auch“

Musikalisches Nachtmahl für Matthias Claudius in der Diakoniekirche

Die lange Tafel ist gedeckt: Das Brot direkt auf den Tisch, auf jeden Platz ein Rotweinglas, ein Programmheft mit einem Porträt von Matthias Claudius auf der Titelseite und ein Gesangbuch. Aufgeschlagen ist Lied Nr. 482: „Der Mond ist aufgegangen“. Das Klavier steht bereit.

So einfach und überzeugend lud Kurator Gerald Hintze zum Nachtmahl für Matthias Claudius in die Weißfrauen Diakoniekirche ein. „Der Dichter“, sagte er in seiner Begrüßung, „war ein aufgeklärter Mensch und gleichzeitig sehr fromm. Er passt zu diesem Ort nahe Weser 5, wo Wohnsitzlose auf ganz unterschiedliche Weise vom Sternenzelt beschützt werden.“

Matthias Claudius wurde 1740 in Holstein in eine Familie geboren, in der der Beruf des protestantischen Pfarrers seit 150 Jahren gängig war. Er studierte also Theologie, dann Jura und Wirtschaft, verließ die Universität jedoch ohne Abschluss und hatte sein Leben lang keine feste Stelle. Aber der „Wandsbeker Bothe“, ein vierseitiges Blatt, wurde unter seiner Federführung in ganz Deutschland bekannt. Darin veröffentlichte er Gedichte und Lieder, Rezensionen, philosophische Abhandlungen und religiöse Betrachtungen sowie einen fiktiven Briefwechsel mit einem Vetter, in dem er die Tagesereignisse weise und humorvoll kommentierte. In Wandsbek bei Hamburg heiratete er auch Rebekka, die 17-jährige Tochter eines Schreinermeisters und führte eine überaus glückliche Ehe mit ihr, aus der zwölf Kinder hervorgingen. Dabei waren die materiellen Lebensbedingungen bescheiden. Das änderte sich erst, als der dänische Kronprinz ihm eine Jahrespension gewährte. Das Leben dieses menschenfreundlichen Dichters skizzierte Michael Berg beim Nachtmahl und hob dabei dessen Glauben an die Brüderlichkeit aller Menschen hervor.

Zunächst aber wurde Claudius berühmtes Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ nicht gesungen, sondern von Schauspieler Matthias Scheuring vorgelesen. Dadurch erhielten die bekannten Verse neuen Glanz. Weniger bekannte, aber nicht minder anrührende, vertonte Texte desDichters trugen die Baritone Thomas Charrois und Gerhard Singer zusammen mit den Sopranistinnen Steffi Freidank und Simone Paus vor. Begleitet von Michael Berg am Klavier gelang es ihnen, die tiefe Frömmigkeit und das heitere Gottvertrauen des Dichters zum Ausdruck zu bringen: „Ich danke Gott und freue mich/Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,/ Daß ich bin, bin! Und daß ich dich, /Schön menschlich Antlitz habe“, heißt es etwa in „Täglich zu singen“. Zwischendurch las Scheuering immer wieder kleine Prosatexte aus dem „Wandsbeker Bothen“, die die rund 30 Menschen, die sich zum Nachtmahl eingefunden hatten, oft erheiterten. Zum gut ausgedachten Schluss durften dann doch noch alle gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ singen – mit schönen Solopartien der Sänger. Kurator Hintze erhob sein Glas auf den „kranken Nachbar“, der im Abendlied, aber auch in Weser 5, so brüderlich bedacht wird.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juli 2010 in der Rubrik Kultur, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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