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Von – 1. Juli 2010

Demokratische Tugend

Als er 1940 ins Warschauer Ghetto deportiert wurde, habe er nicht geglaubt, dass er noch länger als ein halbes Jahr zu leben habe, sagte Marcel Reich-Ranicki bei der Eröffnung der Ausstellung zu Ehren seines 90.Geburtstages im Museum Judengasse. Dass er jetzt dieses hohe Alter erreicht habe, könne er eigentlich nicht fassen. Dann blitzte sein Temperament auf: „Ich kann Ihnen sagen, es war sehr anstrengend, aber es hat sich gelohnt!“

Fotos und Zitate dokumentieren im Museum Judengasse die Lebensstationen Reich-Ranickis, die er auch in seiner Autobiographie „Mein Leben“ festgehalten hat. Reich-Ranicki betont immer wieder, dass er sich weder als Pole noch als Deutscher fühle, dafür aber als Jude, schon aus Trotz gegen den Antisemitismus. Jedoch als säkularer Jude, der nicht an Gott glaubt .

Die Ausstellung „Für Marcel“ würdigt Leben und Werk dieses bedeutenden jüdischen Intellek-tuellen der Nachkriegszeit. Sie zeigt Bücher, die er rezensiert hat, mit Widmungen von Autoren versehen, darunter viele große Namen wie Ingeborg Bachmann, Günther Grass oder John Updike. Auch ihm gewidmete Zeichnungen und Karikaturen sind zu sehen. Seine Rolle als Kritiker wird durch die Erstsendung des „Literarischen Quartetts“, Ausschnitte ihres Vorläufers, der NDR-Radiosendung „Das literarische Kaffeehaus“ aus den 1960er Jahren, sowie Zitate und Karikaturen dargestellt. Die Schau, die noch bis 5. September zu sehen ist, möchte ausdrücklich dem Klischee vom bösartigen Verreißer und Literaturpapst, der keinen Widerspruch duldet, begegnen.

Seit Goethes berühmter Verszeile „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent!“ gilt Literaturkritik in Deutschland als ein unlauteres Geschäft, dessen Vertretern es angeblich allein um Macht und Verrisse geht. Das Unbehagen an der Kritik lässt sich nicht allein aus der gekränkten Eitelkeit betroffener Autoren erklären. Reich-Ranicki hält Kritik für eine demokratische Tugend und antwortet seinen Gegnern: „Sie wollen und können nicht begreifen, dass literarisches Leben ohne Kritik ebenso undenkbar ist wie parlamentarisches Leben ohne Opposition.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juli 2010 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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