Der Evangelische Regionalverband Frankfurt, der Zusammenschluss der Frankfurter Gemeinden und Dekanate, überarbeitet zurzeit sein vor zehn Jahren entstandenes Leitbild. Dabei geht es an erster Stelle um die besonderen Stärken und Eigenheiten der evangelischen Kirche in der Stadtgesellschaft.

Das Facettenkreuz der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau symbolisiert auch die Vielfältigkeit kirchlicher Arbeit. Hier präsentiert vom Kommunikationsbeauftragten der EKHN, Pfarrer Wolfgang Weinrich. Auch Ihre Meinung zur evangelischen Kirche in Frankfurt ist gefragt. Was ist ihr Profil? Schreiben Sie an: kommunikation@ervffm.de. Foto: epd Bild
„Das Unternehmensleitbild ist der sichtbar gemachte Unternehmensgeist, sozusagen die geistige Signatur der Organisation. Es ist vom ersten Tag an da, auch wenn es nirgends geschrieben steht, es ist die gelebte Philosophie der Menschen, die das Unternehmen repräsentieren.“ So jedenfalls sieht es die Unternehmensberaterin Brigitte Wolter. Die Kultur eines Unternehmens zeige sich eben in der Art und Weise, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter miteinander umgehen und kommunizieren, wie sie im Team zusammen arbeiten, wie sie gemeinsam Herausforderungen bewältigen. Auch darin, wie sie sich nach außen verhalten, zum Beispiel im Umgang mit Kunden und Geschäftspartnern, wie sie über das Unternehmen sprechen und welche Geschichten sie darüber in ihrem privaten Umfeld erzählen. Diese Kultur sei Ausdruck des praktizierten Führungsstils und in allen unternehmerischen Entscheidungen und auf allen Ebenen des unternehmerischen Handelns sichtbar.
Man könnte denken, dass diese Fragen für eine Kirche gelöst sind. Schließlich gibt es hier sogar ein – wenn auch sehr altes – Regelwerk: die Bibel. Und doch ist Kirche nicht nur Verwalterin der Lehre, sondern auch ein Unternehmen mit sehr weltlichen Anforderungen, Konflikten und Widersprüchen. Auch darum ist es wichtig, ein Leitbild zu haben und ständig weiterzuentwickeln. Die gerade wiedergewählte Vorsitzende des Vorstandes, Esther Gebhardt, hat einen solchen Prozess angestoßen.
Alle sind eingeladen mitzumachen, gleich wie nah oder fern sie der Kirche stehen. Dabei hat es schon die erste Frage in sich: „Was schätzen Sie an der evangelischen Kirche in Frankfurt am meisten im Vergleich zu anderen Institutionen und Verbänden in der Stadt?“ Ist die Kirche nur ein Verein, eine Organisation, die Gutes tut? Oder gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der evangelischen Kirche, dem Roten Kreuz oder Amnesty international? Die Frage ist: Gibt es so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal der evangelischen Kirche? Das gilt es jetzt herauszufinden.
Was schätzen Sie an der evangelischen Kirche?
Tjalda von Ilberg, (42), Bewerbungstrainerin
Kernaufgabe der evangelischen Kirche ist die Verkündigung: Menschen darauf hinweisen, dass Spiritualität im Gegensatz zur materiellen Welt elementar ist. Wer sich in Gott geborgen fühlt, den trägt der Glaube, wenn es ihm schlecht geht, und der ist dankbar, wenn es ihm gut geht. Auf diesem Fundament setzen Christen sich auch in dieser Stadt für Benachteiligte und Randgruppen ein und tragen so zum gesellschaftlichen Frieden bei. Ich schätze die demokratischen Strukturen der evangelischen Kirche, natürlich auch, dass Männer und Frauen gleichgestellt sind. Ich schätze ihre Vielfalt und Offenheit. Dennoch muss sie sich mehr auf ihre Kernaufgabe besinnen, statt sich in administrativen Streitigkeiten zwischen Dekanaten, Regionalverband und Gemeinden aufzureiben: Das erlebe ich in meinem Kirchenvorstand leider allzu oft.
Heinrich Schneider, (48), Biologe
Wenn ich in einer Kirche wäre, dann in der evangelischen, sie ist noch am freiheitlichsten. Ich bin aber gerade ausgetreten – der Missbrauchsskandal hat das Maß endgültig voll gemacht. Religion ist ein Anachronismus, Folklore, mit schönen Ritualen, die aber keinen Einfluß auf mein Leben haben. Im Gegenteil: Der Glaube, dass da jemand sein könnte, der mir letztlich alles abnimmt, macht mich unfrei. Ich will ganz und gar Verantwortung für mein Leben übernehmen. Nichts, was das Denken begrenzt, den Erkenntnisgewinn. Ich bin Wissenschaftler: Man kann evolutionsbiologisch erklären, warum Menschen Religion erfunden haben, es hat viel mit Angst zu tun, zuerst vor den Naturgewalten. Was die sozialen Leistungen der Kirche betrifft: Menschen könnten sich auch anders organisieren. Ein spiritueller Überbau ist dazu doch gar nicht nötig.
Susanne Gläßel, (29), Kundenberaterin
Ich bin nicht mehr in der Kirche, fände es aber schrecklich, wenn es sie nicht gäbe. Kirche gehört zur Kultur in Deutschland. Werte wie Nächstenliebe oder soziale Gerechtigkeit gehören zu unserer Gesellschaft. Andere, wie zum Beispiel Amnesty International oder das Rote Kreuz, stehen nur für eine Sache, aber die evangelische Kirche ist in sehr vielen sozialen Bereichen aktiv. Außerdem: In der Kirche ist man ja zunächst nicht, um zu helfen, sondern um etwas zu bekommen: Gemeinschaft zum Beispiel oder Seelentrost. Ich arbeite in der Werbung und wir haben schon einige Filme zusammen mit dem Diakonischen Werk Frankfurt gemacht. Ich finde es toll, wie alle, die da arbeiten, sich für ihre Werte einsetzen, mit wieviel unglaublicher Energie und Mut zu Neuem. „Nothing is impossible“ ist ja auch das Motto von Saatchi & Saatchi.
Holger Roenitz, (48), Kommunikationsberater
Fernöstliche Religionen, die lehren, sich in sich selbst zu versenken, geben mir mehr als uninspirierte Predigten. Ich fühle mich auch geborgen in der Natur, Kirche ist mir viel zu formell – ich bin auch nicht im Verein. Politisch gab es früher Berührungspunkte, zum Beispiel in der Friedensbewegung. Heute ist da ja nicht mehr viel. Ausnahme Käßmann. Übrigens auch gerade als geschiedene Frau, denn heute leben ja viele in Patchworkfamilien. Durch ihre Auftritte hat die evangelische Kirche für mich wieder gewonnen. Und wie sie Verantwortung für ihr Handeln übernommen hat: Respekt! In meinem beruflichen Umfeld erlebe ich, dass kirchliche Träger in Hospizen oder Krankenhäusern vorbildlich sind, der Glaube den Menschen Kraft gibt, ihre Arbeit dort zu tun. Diese Stärken müsste die Kirche aber in der Öffentlichkeit viel transparenter machen.







Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt".
Hermann-L. Trautmann schrieb am 1. August 2010
Zuerst hatte ich die Absicht einen langen Brief zu schreiben zum Thema: Alleinstellung und Leitbild der Evang.Kirche.
Doch jetzt fällt es mir recht einfach alles in Kürze zu sagen. Evang. Kirche hat einen Weg gefunden um Kirche wieder erlebbar zu machen. Sie hat einen modernen Weg zu den Menschen gefunden und sie zeigt, dass sie sich in allen Lebensbereichen auskennt und hilfreich sein kann und will.
Was Kirche aber noch mehr kann, was sie aber für die Zukunft verstärken sollte: sich einmischen. Sich Auseinandersetzen mit den vielen Weltreligionen. Diesen die Hand reichen zum stärkeren Miteinander. Um diese unsere Welt menschlicher und liebenswerter zu machen.
Auch im sozialen Bereich braucht es starke Kirche um die Bedingungen für viele z.T. sozial schwache Menschen zu Verbessern. Kirche muss sich auch politisch stärker Einmischen um unsere Gesellschaft mit zu Gestalten. Kirche muss in Zukunft mehr bieten als nur Verkündigung.