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Von – 1. September 2010

Namenlos, würdelos, herzlos

Seit Jahrhunderten gehört es zu unserer Trauerkultur, die sterblichen Überreste eines Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten und am Grab Abschied zu nehmen und loszulassen, indem man Erde auf den Sarg oder die Urne wirft oder Blumen ablegt. Bei namenlosen Bestattungen in Frankfurt wird den Angehörigen dieser letzte Liebesdienst jetzt versagt. Nach der Trauerfeier nehmen Bedienstete das Bestattungsgefäß in ihre Obhut und setzen es unter Ausschluss der Öffentlichkeit bei: Ein Mensch wird nur noch entsorgt, verscharrt. Er ist nicht mehr für wert erachtet, zu Grabe geleitet und Gottes Fürsorge anvertraut zu werden. Niemand wird sich an ihn erinnern, für sein Dasein danken und die Versäumnisse ihm gegenüber bedauern, bevor er mit Erde zugedeckt wird. Es ist, als würde mit dem Namen auch der Kreis der Familie, der Freunde, Nachbarn und Bekannten getilgt.

„Anonym soll tatsächlich auch anonym sein”, verlautet dazu aus Kreisen der Stadt schönfärberisch. Faktisch geht es hier um die Verweigerung einer christlichen Bestattung – von Christdemokraten hätte man so etwas am wenigsten erwartet. Ich will nicht leugnen, dass es Menschen gibt, denen da nichts fehlt. Aber wenn das Sparen vor der Pietät rangiert, ist das herzlos, insbesondere denen gegenüber, die nicht anders können, als ein „Wiesengrab” zu wählen – nicht zuletzt arme Menschen.

„Bitte sprechen Sie wenigstens ein paar Worte am Grab”, habe ich als Pfarrer in solchen Fällen schon oft gehört. Und hinter vielen Särgen und Urnen bin ich ganz alleine hergegangen in dem Bewusstsein: Wie auch immer dieses Leben gewesen ist, so gebührt ihm doch ein würdiges letztes Geleit. Bei anonymen Beisetzungen ohne Trauerfeier erhalte ich jetzt nicht einmal mehr eine Nachricht.

Namenlos ist nun nicht nur die Grabstätte, sondern auch der Weg dorthin und die Grablegung. Die Stadt schöpft mit dieser Neudefinition ein Sparpotenzial aus. Doch gestaltet man Bestattungen als nicht-öffentlichen Akt, so beschädigt das den Respekt vor den Toten und den Lebenden, für die auch ein namenlos Bestatteter noch immer mit einem ganz persönlichen Andenken verbunden bleibt.

„Tot ist tot” setzt die Stadt Frankfurt offensichtlich gegen solche Sentimentalitäten, und in diesem Denken ist der Tote eben ein Nichts und machen „Körperwelten” aus Menschen Phantasieobjekte, die sie als „Kunst” und „wissenschaftlich wertvoll” verkaufen. Aber spiegelt sich im Umgang mit den Toten nicht auch, wie wir über die Lebenden denken?

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. September 2010 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe .

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Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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