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Von – 1. Oktober 2010

Der Tod ist nicht behaglich

Statt auf religiöse Riten und überlieferte Traditionen zu setzen, planen immer mehr Menschen den Ablauf von Bestattungen individuell. Trauerzentren verstehen sich als Dienstleister, die möglichst alle Wünsche von Angehörigen erfüllen. Das muss nicht immer das Richtige sein.

Claudia Neffgen ist Pfarrerin in der Katharinengemeinde. Foto: Ilona Surrey

Ein Freund aus Israel war irritiert, nachdem er eine Beerdigung auf dem Hauptfriedhof miterlebt hatte: Die Angehörigen unserer ansonsten so strukturierten und verregelten Gesellschaft wirkten auf ihn hilf- und orientierungslos in Anbetracht von Tod und Abschied. Kaum jemand kannte sich offenbar mit dem Ablauf einer Beerdigung aus. Unsicherheit herrschte nicht nur bei der Platzwahl in der Trauerhalle, sondern auch am Grab: War es erwünscht, den Angehörigen zu kondolieren? Wer war willkommen beim Leichenschmaus? Und gab es jemanden, der sich danach um die Angehörigen kümmerte?

Als Pfarrerin ist mir das geläufig: Meine Aufgabe bei einer Trauerfeier ist es, in Abstimmung mit den Wünschen der Angehörigen durch Musikauswahl, Gebete, Segenshandlungen und Gesten einen Rahmen zu schaffen. Die gottesdienstliche Feier hilft dabei, dass die Gefühle von Chaos, Verlustschmerz, Ohnmacht, Schuld, Wut und Erleichterung zugelassen und zugleich begrenzt werden. Die Predigt erinnert die Beziehung zu dem Verstorbenen, die Ansprache bietet den Hinterbliebenen eine erste Struktur für eine Lebensrückschau, an die sie mit ihren eigenen Gedanken und Bildern anknüpfen können.

Auf dem Weg durch die einzelnen liturgischen Stationen kann die Trauergemeinde von dem Toten Abschied nehmen und ihn loslassen: von der Trauerhalle zum Grab und danach zur Gaststätte, wo man zusammenrückt, und wo bei Kaffee und Kuchen allmählich Alltäglichkeit, vielleicht sogar Heiterkeit in die Gespräche einzieht. So entstehen Gefühle der Geborgenheit und Bilder eines liebevollen Abschieds.

Grabkreuz auf dem Frankfurter Hauptfriedhof: Überlieferte Rituale bei Beerdigungen haben ihren Sinn. Sie geben der Trauer einen Rahmen und den Angehörigen Halt in einer ohnehin schwierigen Situation. Foto: Christine Harmert

Doch in einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder auffordert, individuelle Lebensformen und Identitätsmuster zu entwickeln, besteht der Wunsch, auch Sterben und Tod individuell zu gestalten. Damit einher ging die Abschaffung vieler bewährter Bräuche und Riten, ohne dass über Sinn und Nutzen des Tradierten nachgedacht worden wäre. Doch dem Tod sind wir allein nicht gewachsen. Wir brauchen andere Menschen, die mit uns gemeinsam wissen, was zu tun ist, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Wer hat schon die Kraft, in Zeiten der Trauer das Rad neu zu erfinden?

Viele Trauerzentren verstehen sich als reine Dienstleister, die den Angehörigen möglichst jeden Wunsch erfüllen. Ich erlebe diese neu erdachten Riten und Räume oft als banal und wenig hilfreich. Die heimelige Wohnzimmeratmosphäre, die da oft herrscht, gaukelt den Angehörigen Behaglichkeit und Geborgenheit vor, als wären sie zu Besuch in der Wohnung eines netten Bekannten und würden beim Teetrinken wie nebenher über die Formalitäten der Bestattung entscheiden.

Das heimliche Motto dahinter, „schöner Abschied nehmen“, kommt dem Wunsch nach Vertrautheit und Behaglichkeit angesichts einer bodenlosen Situation nach. Aber sie verleugnet auch die ambivalenten Gefühle und die Wahrheit, dass uns der Tod eben selten behaglich und in Pastelltönen trifft. Meines Erachtens ist es nicht jeder individuelle Wunsch eines Angehörigen wert, in die Tat umgesetzt zu werden. Wenn zum Beispiel während der Trauerfeier die Bilder des Verstorbenen wie auf einer Geburtstagsparty per Beamer an die Wand geworfen werden, widerspricht das nicht nur dem theologischen, sondern auch dem seelsorgerlichen Anliegen einer Trauerfeier. Schließlich ist der dreieinige Gott das Gegenüber unserer Gebete und nicht, wie die Bilder im Altarbereich weismachen, das lächelnde Gesicht eines Geburtstagskindes, das vergessen macht, dass es verstorben ist.

Als evangelische Kirche sollten wir uns religiös klar auf diesem „Bestattungsmarkt“ profilieren. Unsere alten Riten und Traditionen bieten einen großen Schatz in einer Gesellschaft, die auf der Suche ist nach Formen und Gesten, die Solidarität spüren lassen, die Vergewisserung geben, die Raum für Dank und Trauer, für Schmerz und Klage lassen, und die uns gemeinsam in die Hoffnungsgeschichte Gottes mit den Menschen hineinnehmen.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Oktober 2010 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Claudia Neffgen ist Pfarrerin in der Katharinengemeinde.

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