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Von – 1. Februar 2011

Die „Winterreise“ von Obdachlosen

Gesellschaftskritische Schubert-Aufführung in der Matthäuskirche

Wenn Star-Rezitator Christian Brückner von einem Mann erzählt, der immer noch zittert, obwohl er nicht mehr friert, und froh ist, in einem Obdachlosenasyl gelandet zu sein, dann geht das unter die Haut. Der Mann, der bereits Robert de Niro synchronisiert hat, bewegt sich mit Headset durch die sehr gut besuchte Matthäuskirche. Sein Auftritt ist fast schon szenisch zu nennen. Mit sonorer Stimmfärbung, die typisch für ihn ist, erzählt er von einem Mann, dessen Ehe kaputtgegangen ist, und der dann schnell die soziale Leiter herabgefallen ist. Ein dritter Fall schildert eine Frau, die nicht mehr in der Lage ist, ihre Kinder zu versorgen, zuerst in eine Klinik muss, später in der Bahnhofsmission landet.

Christian Brückner leiht seine Stimme normalerweise Kinostars wie Robert de Niro oder Robert Redford. Bei einer Benefizveranstaltung in der Matthäuskirche rezitierte er aus Erzählungen von Obdachlosen. Foto: Rolf Oeser

Die Texte von tragischen Einzelschicksalen wurden auf der Basis von Interviews mit wohnsitzlosen Menschen ausgewählt und anonymisiert. Projektinitiator Stefan Weiller, Journalist und Sozialarbeiter, stellte die Themen Heimat, Glück, Angst, Liebe und Hoffnung ins Zentrum seines Projekts „Frankfurter Winterreise“, das die Hoffnungsgemeinde und die Diakoniekirche Weser 5 realisierten. Es lag nahe, diese Texte mit einem der bekanntesten Liedzyklen der klassischen Musik zu paaren, Franz Schuberts „Winterreise“ D 911 nach der gleichnamigen Gedichtfolge von Wilhelm Müller.

Es ist die Geschichte vom betrogenen Gesellen, der seine Wanderung durch die vereiste Landschaft antritt. Das Werk beginnt mit einem der schönsten Lieder Schuberts, „Gute Nacht“, welches das romantische Motiv des Flusses vorstellt, hier Sinnbild für eisig erstarrte Liebe. Mit dem „Lindenbaum“ findet sich eines der populärsten deutschen Volkslieder, das voller Liebe und Anmut steckt. Immer weiter steigert sich der Geselle in seine Agonie, bis ihn ein „Irrlicht“ vom Weg abbringt. Immer unwirklicher gebart sich die Reise, auch ein „Frühlingstraum“ bringt keine Besserung. Nicht nur die Gegend ist unwirtlich und erfroren, auch die Tiere und die wenigen Menschen, auf die der Geselle trifft, erweisen sich als unterkühlt. Obwohl er sich „Mut“ zuspricht, wird im düsteren Lied „Nebensonnen“ deutlich, dass er zerschlagen am Boden liegt. Zum Schluss schließt er sich einem offenbar ebenso gedemütigten „Leiermann“ an. Auch wenn hier nicht der Tod am Ende steht, so ist es doch ein Ausgestoßensein aus der Gesellschaft. Damit schließt sich der Kreis zu den von Brückner abwechselnd mit den gesungenen Liedern vorgetragenen Texten.

Ausführende waren Studentinnen und Studenten der Musikhochschule Frankfurt. Dominic Hermann, Bariton, und die Sopranistin Christa Schmidt sangen emphatisch und mit gestalterischem Elan ihren Part, kongenial am Klavier begleitet von Hedayet Djeddikar. Eine Orgelouvertüre und später ein Interludium von Eva Maria Hodel sowie ein Beitrag eines Kammerchores ergänzten diese außergewöhnliche Benefizveranstaltung.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Februar 2011 in der Rubrik Kultur, erschienen in der Ausgabe .

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