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Von – 1. Februar 2011

EU-Projekt: Mehr Erzieher in Kitas

„Mehr Männer in die Kitas“ heißt ein neues Projekt der Europäischen Union. Allein in Deutschland werden 16 Millionen Euro verteilt. Mit dabei sind auch die Frankfurter evangelischen Kitas. Mag sein, dass dieses Bild in der ein oder anderen Familie schon nicht mehr stimmt, aber auf die Kindertagesstätten trifft es doch zu: Kindererziehung ist Frauensache. Lediglich zwei von hundert pädagogischen Kräften sind männlich.

Mit dem neuen Projekt „Mehr Männer in Kitas“ will man aber keinesfalls den Macho als Identifikationsfigur in die Kitas holen. Vielmehr kommt es darauf an, die Vielfalt von Interessen und Fähigkeiten auch im Personal abzubilden. Im Material des Projektes heißt es: „Viele Männer interessieren sich für andere Themen und Aktivitäten als die, die in Kindergärten bislang üblich sind, und es wäre klug, sich dafür zu öffnen. Die pädagogischen Angebote und Aktivitäten von Kindergärten sind oft sehr traditionell und entlang der Bedürfnisse und Interessen von Frauen gestaltet.“

Einer der wenigen seiner Art: Andreas Richter aus dem Team der Krabbelstube Lukas in Nied. Foto: Rolf Oeser

Ein Mann, der zum Beispiel Lust hat, eine kleine Werkstatt mit richtigen Werkzeugen und Ausrüstung einzurichten, würde den Kindern neue Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Natürlich können Profil, Inhalt und Kultur von Kindergärten auch dann variieren, wenn ausschließlich Frauen dort arbeiten. Die Sozialanthropologin Hilde Liden hat jedoch festgestellt, dass sich die Erwachsenen nicht so gerne körperlich betätigten, wie es von den Jungen erwartet wurde. Tendenziell sei den Jungen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Dies schränke die Möglichkeiten von Mädchen und Jungen ein, ihre Geschlechtsidentität zu entwickeln.

Eine besondere Innovation wurde in Frankfurt entwickelt: Junge Männer, die sich für den Beruf des Erziehers interessieren, stehen oft vor dem Problem, dass sie kaum Möglichkeiten haben, mit anderen Gleichgesinnten Kontakt aufzunehmen. Deshalb, so das Konzept aus dem Arbeitsbereich Kindertagesstätten im Diakonischen Werk für Frankfurt, sollten Erzieher das Internet nutzen.

Zentrales Medium soll ein Blog werden, in dem sie ihren Alltag – auch anonym – diskutieren können. Auf diese Weise können Männer Ansprechpartner für ihr Probleme in einem „Frauenberuf“ finden. Für den Verbleib in dem Beruf ist eine solche Rollenreflektion unabdingbar notwendig.

Sollten mehr Männer in Kitas arbeiten?

Benjamin Schreiner (28), Erzieher in der Kita Mainstrolche in Fechenheim

Ja. Zuhause haben Kinder ja auch Vater und Mutter, dann sollten sie auch im Kindergarten beide Geschlechter erleben. Und wenn sie aus Scheidungsfamilien kommen, was in einem Stadtteil wie Fechenheim oft vorkommt, dann ist es umso wichtiger, dass sie im Alltag Männer und Frauen erleben. Ich mache die Erfahrung, dass weibliche und männliche Erzieher gleich mit den Kindern umgehen. Aber die Kinder sind mit den männlichen Erziehern nicht so vorsichtig, irgendwie erwarten sie ganz einfach, dass Männer robuster sind. Ich finde, das Geschlechterverhältnis unter den Erziehern im Kindergarten sollte 50 zu 50 sein. Aber viele Männer denken vielleicht, dass der Beruf „Erzieher“ in der Gesellschaft nicht so anerkannt ist – obwohl ich persönlich das nicht so erlebe. Und die meisten finden die Bezahlung zu schlecht.

Christoph Schlesiger (44), Grundschullehrer an der Europäischen Schule

Männer haben einen anderen Blick auf Jungen und auf Mädchen. Wenn ein Mädchen sich etwa bei mir beklagt, weil ein Junge sie gehauen hat, stelle ich mich nicht automatisch auf ihre Seite, wie viele meiner Kolleginnen. Mädchen provozieren mit Worten, Jungen können sich nicht wehren und schlagen um sich. Da muss man Ausgleich schaffen. Beides ist wichtig: Der männliche und der weibliche Blick, auf Mädchen und auf Jungen. Und zwar so früh wie möglich. Spätestens in der fünften Klasse ist doch alles gelaufen, was man an Lernmotivation mitgeben kann. Aber was ist Erziehung unserer Gesellschaft wert? Der Beruf Erzieher ist ja viel zu schlecht bezahlt und auch zu wenig anerkannt. In der Schule werde ich als männlicher Lehrer von Eltern zwar geradezu hofiert, aber beim nächsten großen Abendessen gilt meine Arbeit als langweilig.

Ilka Briest, (59), Landes-frauensekretärin der Gewerkschaft ver.di

Unbedingt! Im Beruf des Er­ziehers oder der Erzieherin arbeiten derzeit überwiegend Frauen, dabei brauchen Kinder männliche und weibliche Bezugspersonen für eine gesunde Entwicklung. Kinder sind unsere Zukunft! Daher ist die Entwicklung unserer Kinder wichtig für unser Land, systemrelevant sozusagen. Leider drückt sich diese Bedeutung noch nicht aus in der Attraktivität und Wertschätzung des Erzieherberufes: Erzieherinnen und Erzieher müssen besser bezahlt, die Personalschlüssel in den Einrichtungen erhöht und die Größe der Kindergruppen reduziert werden. Eigentlich schade, dass hierfür so gekämpft werden muss und es noch nicht selbstverständlich ist, dass die Arbeit mit jungen Menschen genau soviel wert ist wie die Arbeit an einem Stück Metall, die Arbeit in der Energiewirtschaft oder die Rettung der Banken!

Marie von Ilberg (8), Hortsprecherin der KT14 in Sachsenhausen

Wir haben zwei Erzieherinnen und eine Praktikantin und einen Erzieher und einen Praktikanten. Und unsere Leiterin. Ich mag eine von den Erzieherinnen sehr gerne, aber ich finde es gut, dass auch Erzieher da sind. Sonst wäre es irgendwie langweiliger. Die Männer sind manchmal ein bisschen lockerer, und mit den Frauen kann man nicht so herumtoben. Mit dem Praktikant kann man sogar im Spaß ein bisschen kämpfen. Die Jungens finden das auch gut, wir spielen auch Fußball mit den Erziehern. Männer und Frauen machen manchmal unterschiedliche Sachen mit uns: Experimentieren haben wir bei einer Erzieherin, in der Turnhalle sind wir mit Frauen und Männern, aber Werken ist immer bei dem Erzieher: Da haben wir mal eine Hütte gebaut und Musikinstrumente. Ich finde, dass in allen Kitas und Horten Männer und Frauen sein sollten.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Februar 2011 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt".

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