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Von – 17. März 2011

„Wir stehen nicht außerhalb des Islam“

In einer Interviewreihe stellt „Evangelisches Frankfurt“ die Mitglieder des Rates der Religionen vor. Serdar Dogan vertritt dort die Aleviten.

Serdar Dogan im alevitischen Gemeindezentrum in Nied. Der 29-Jährige ist Diplom-Sozialarbeiter und arbeitet an einer Dissertation über das religiöse Selbstverständnis alevitischer Jugendlicher. Foto: Ilona Surrey

Was sind Aleviten?

Das Alevitentum ist einfach ein Weg im Islam. „Alevit“ bedeutet, dass man Anhänger Alis ist, also den Weg des Schwiegersohns des Propheten geht. Ein großes Trauma im Islam ist die Ermordung der Nachfahren des Propheten in Kerbela, bei der nur ein Enkel Alis überlebte. Durch ihn wurde die Blutlinie erhalten. Unsere religiösen Oberhäupter, die Dedes, müssen von dieser Blutlinie abstammen.

Wie ist das Alevitentum entstanden?

Es beginnt mit der rechtmäßigen Nachfolge des Propheten Mohammed, dem Kalifat, und der Lehre des Islam durch den Imam Ali. Die Nachfahren des Propheten brachten die Lehre des Islam in das Gebiet Chorasan in Zentralasien, im Gebiet der heutigen Staaten Iran, Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan. Dort verlief die Seidenstraße. Der Islam kam mit den dortigen Kulturen und Glaubensvorstellungen in Berührung. Als die Mongolen dieses Gebiet angriffen, sind die einheimischen Stämme geflüchtet und haben sich im Gebiet des heutigen Anatolien niedergelassen. In der Türkei sind zwanzig bis dreißig Prozent der Bevölkerung Aleviten. In Deutschland leben schätzungsweise zwischen 600?000 und 800?000 Aleviten, in Frankfurt etwa 15?000.

Im Vergleich zu anderen islamischen Richtungen gelten Sie als besonders liberal.

Ja. Schon im 13. Jahrhundert hat einer unserer einflussreichsten Glaubensführer, der Sufimeister Hac? Bekta Veli, die Gleichberechtigung von Mann und Frau gepredigt. Wir sagen: Jeder Weg, der nicht durch Wissen geht, endet in der Dunkelheit. Leider haben sich die osmanischen Herrscher später arabische Rechtsgelehrte geholt, die eine orthodoxe Praxis des Islam vollzogen haben. Die Aleviten haben bis heute keine Religionsfreiheit in der Türkei.

Was sind Ihre religiösen Grundlagen?

Das sind die zwei Hinterlassenschaften des Propheten: seine Familie und der Koran. Es gibt allerdings auch einige Aleviten, die sagen, sie glauben nicht an den „Koran der Araber“, weil sie vermuten, dass der Koran nicht mehr in seiner Originalfassung vorhanden ist. Aber Imam Ali und die zwölf Imame haben ja auch den Koran gelesen. Es kommt darauf an, wie man ihn auslegt.

Wie leben Sie Ihre Religion hier in Deutschland?

Da mussten wir einiges an die Verhältnisse anpassen. Zum Beispiel wird ein Dede normalerweise nicht gewählt – er hat eben seine Schüler, denen er den Weg weist. Aber hier kommen aus verschiedenen Gebieten der Türkei Menschen zusammen, und dann haben wir auf einmal drei, vier Dedes, also Nachkommen der Blutlinie des Propheten. Wer von ihnen wird jetzt Glaubensoberhaupt des Vereins? Das entscheidet dann die Mitgliedervollversammlung.

Gibt es Diskussionen darüber, ob das mit der Blutlinie noch zeitgemäß ist?

Bei uns darf über alles diskutiert werden, aber das Folgen der Blutlinie wird nicht so in Frage gestellt. Nur weil jemand von der Blutlinie abstammt, müssen ja nicht alle anderen mit dem Kopf nicken. Es gehört sogar zum Bestandteil unserer Cem-Zeremonie, dass der Dede dreimal fragt: Gibt es Einwände gegen mich? Darf ich die Zeremonie durchführen? Sind wir im Einvernehmen? Und nur wenn die versammelte Gemeinde zustimmt, darf er mit der Zeremonie anfangen.

Dieses Cem ist ein wöchentliches Ritual?

Ja. Früher hat man von Donnerstag in den Freitag hinein gebetet, das ist ja der heilige Tag der Muslime. Hier ist es dann der Donnerstagabend geworden. Wir benutzen dazu den großen Saal.

Sie haben keine Moscheen?

Nein. Moscheen gab es ja zur Zeit des Propheten auch nicht. Bei uns beten auch alle zusammen, Frauen, Männer und Kinder. Das wurde für Gerüchte missbraucht. Für uns ist es aber so, dass wir im Gebet nicht den Körper sehen, sondern den Geist.

Wie ist der Ablauf dieses Cem?

Es beginnt zwischen 18 und 19 Uhr. Es hat traditionell zwölf Posten, zum Beispiel den Türaufseher – früher war das einer, der aufpassen musste, ob die Schafe nicht geklaut werden, oder ob Leute ins Dorf kommen. Dann gibt es einen Platzanweiser, einen, der für das Licht zuständig ist, einen, der für die Reinigung zuständig ist, und so weiter.

Können das alle machen? Auch Frauen?

Ja, natürlich. Es gibt bei uns auch die Funktion einer „Glaubensoberhäuptin“. Sie muss auch von der Blutlinie abstammen und kann den Cem ausüben, obwohl es in der Realität schon noch eine Männerdomäne ist. Unlogisch ist bei uns nur, dass die Blutlinie allein über die Männer weitergegeben wird und nicht auch über die Frauen. Und das, obwohl sie doch mit einer Frau begonnen hat, nämlich mit der Tochter des Propheten.

Und was geschieht dann im Cem?

Ja, zuerst kommen eben die Fragen des Dede, dann fängt der zeremonielle Teil an. Auch das ist in zwölf Stufen geteilt: Gebete, Ritualtanz und so weiter.

Ritualtanz? Wer tanzt da?

Alle. Wer tanzen will, kann tanzen. Hier in Deutschland ist das Tanzen ein bisschen als alevitische Folklore bekannt geworden. Aber eigentlich hat es eine spirituelle Bedeutung. Alles auf der Welt ist in einem Kreislauf, das Blut fließt im Kreis, die Erde dreht sich. Und deshalb drehen sich auch Frau und Mann beim Tanz im Kreis und erlangen dadurch eine spirituelle Nähe zu Gott. Dann gibt es noch Ritualmusik und am Ende eine Opfergabe, bei der alle ihr mitgebrachtes Essen teilen.

Gibt es noch andere Feste und Veranstaltungen?

Ja, freitags grillen wir zusammen, da ist immer sehr großer Andrang, sonntags gibt es Frühstück und Folklore, montags Ritualtanz, es gibt viele Aktivitäten. Außerdem gibt es zwölf Fastentage zur Erinnerung an die Ungerechtigkeit gegenüber den Nachfahren des Propheten Mohammed in Kerbela. Und dann gibt es noch Nevruz, bekannt als Neujahrs- und Frühlingsfest, und gleichzeitig wird da die Geburt Alis gefeiert.

Wie wird man denn Alevit, durch Geburt?

Manche sagen, man wird als Alevit geboren, aber ich sehe das ein bisschen anders. Ich meine, man wird als Mensch geboren und sucht sich dann seinen Weg. Aber da spreche ich nicht im Namen des Vereins.

Aber Ihre Eltern waren auch Aleviten?

Ja, aber sie haben den Glauben nicht ausgeübt. Das ist ja, was ich meine. Mein Vater sagte immer: Schau dir alle Religionen an und nimm dir das Beste raus. Ich würde mich auch nicht von anderen Glaubensrichtungen abgrenzen. Ich verstehe mich einfach als Mensch, der den Weg zu Gott sucht.

Gibt es denn einen bestimmten Initiationsritus für Aleviten?

Ja, man muss einen spirituellen Meister auswählen, bei dem man den Wunsch äußert, in den alevitischen Weg eintreten zu dürfen. Man kann offiziell dem Islam beitreten, indem man das Bekenntnis zu Gott ablegt und sagt, dass man an den Propheten Mohammed glaubt. Aber es gibt im Islam auch Wege, etwa Orden, in denen der Beitritt durch ein Ritual ausgeführt wird. In der Türkei wurden die Aleviten verfolgt, weil wir angeblich keine Muslime sind, obwohl wir an Gott und Mohammed glauben. Und heute gibt es in Deutschland wieder teilweise Versuche, die Aleviten als eigenständige Religion außerhalb des Islam zu zeigen, eine Auffassung, der ich so nicht zustimme.

Seit wann gibt es Ihren Verein?

Dieses Zentrum hier in Nied gibt es erst seit einigen Jahren,­ den Verein seit gut zwanzig Jahren. Wir haben 700 Mitglieder und finanzieren uns durch Mitgliedsbeiträge. Hauptamtliche Mitarbeiter gibt es nicht, es ist alles ehrenamtlich, auch der Dede.

Was ist für Sie das Besondere am Alevitentum?

Für mich ist das Alevitentum eine Schule zur Reife des Menschen. Ich sehe da aber keinen Unterschied zu anderen Religionen. Ein mystischer Glaubensgelehrter hat mal gesagt, wir kommen alle aus einer Quelle, egal ob wir sie Allah oder Gott oder Buddha nennen. Es geht darum, mit der Schöpfung eins zu werden, während man noch lebt. Momentan ist das Selbstverständnis der Aleviten noch sehr von der erlittenen Verfolgung geprägt. Ich denke, es wäre wichtiger, nach vorne zu schauen und zu überlegen, was wir machen, damit es nicht noch einmal dazu kommt.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 17. März 2011 in der Rubrik Gott & Glauben, Menschen, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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