Der neue Treibstoff E 10 soll die Umwelt schonen und die Abhängigkeit vom Öl reduzieren. Doch die Angst vor möglichen Schäden am Auto lässt viele weiterhin zum teureren Super greifen. Dabei gibt es auch moralische Bedenken.

Getreide auf den Teller oder in den Tank? Nicht nur wegen möglicher Motorschäden ist der Biosprit E 10 problematisch. Noch fragwürdiger ist das Vorhaben in sozialer Hinsicht. Foto: Gerhard Seybert / Fotolia.com
Ganz abgesehen von möglichen Motorschäden muss die Frage gestellt werden, ob es ethisch verantwortbar ist, dass nun das Benzin sozusagen auf den Äckern wächst. Derzeit werden in Deutschland etwa eine Million Kubikmeter Ethanol aus Weizen, Mais und Zuckerrüben hergestellt. Die Tendenz ist stark steigend. So ist nach Angaben von Greenpeace geplant, die Kapazitäten um weitere 800 000 Kubikmeter zu erhöhen. Für die Erzeugung dieser Menge an Ethanol würden dann 4,5 Millionen Tonnen Getreide benötigt. Damit könnte man acht Prozent des Benzinkraftstoffs durch Ethanol ersetzen – oder viele Millionen Menschen ernähren.
Überall, wo sich ein rentabler Absatzmarkt erschließt, wird möglichst viel produziert. Man braucht kein Agrarökonom zu sein, um zu prophezeien, dass die notwendigen Pflanzen künftig mit hohem Dünge- und Pestizideinsatz in Monokulturen angebaut werden. Auch wird eine Verknappung der Lebensmittel befürchtet, die dann zur Verteuerung der Grundnahrungsmittel führen wird. Das trifft vor allem die Ärmsten der Armen. Nicht nur in Deutschland. Denn die Möglichkeit des Gewinns durch den Anbau von Mais und Getreide wird den Prozess der Abholzung der Regenwälder beschleunigen. Kommt es dazu, ist der Biokraftstoff E 10 auch ökologisch schlecht, da die Abholzung der letzten Urwälder den Klimakreislauf negativ beeinflusst.
In der Bibel steht, die Menschen sollen sich „die Erde untertan machen“. Das meint nach heutiger theologischer Interpretation, sie nicht auszubeuten, sondern so zu nutzen, dass die gute Schöpfung Gottes bewahrt wird. Die Einführung des neuen Kraftstoffs gibt vor, dieses Ziel zu verfolgen, trägt aber in Wahrheit dazu bei, die Erde für die nachfolgenden Generationen unbewohnbar zu machen.Seit einigen Monaten werden in Kirchengemeinden Postkarten an die Bundesregierung unterschrieben. „Niemand will Hunger tanken“, lautet die Forderung der von „Brot für die Welt“ angestoßenen Aktion. „Statt weiter über Maßnahmen zur Erfüllung politisch festgesetzter Beimischungsquoten zu diskutieren, sollte darüber nachgedacht werden, wie der immense und wachsende Energiehunger im Norden reduziert werden kann“, lautet die Forderung der evangelischen Hilfsorganisation.
Umsteuern sei dringend notwendig, sonst werde die Menge an fossilen Treibstoffen nicht absolut gesenkt. Bei diesem „Business as usual“-Ansatz dienten Agrotreibstoffe nur dazu, wachsenden Verbrauch abzufedern. Damit sei weder dem Klima gedient, noch würde man drängenden Problemen unserer Zeit gerecht, wie der Welternährung, der Beseitigung der Energiearmut in Entwicklungsländern, dem Klimaschutz und dem Erhalt der Artenvielfalt.
Um den wertvollen Rohstoff Erdöl zu schonen, verbrennt man Nahrungsmittel. Dabei könnte man quasi ad hoc den Spritverbrauch in Deutschland reduzieren. Das von Industrie und Autofahrern gleichermaßen bekämpfte Tempolimit auf Autobahnen wäre eine Möglichkeit. Oder eine Gesetzesvorgabe zur Begrenzung des Verbrauchs. Neue Techniken und Materialien werden für die Produktion von Fahrzeugen gebraucht. Ein „Weiter so“, nur mit etwas Ethanol im Tank, ist nicht zukunftsfähig und ethisch – zurückhaltend formuliert – eine Herausforderung.
Ist Kraftstoff aus Getreide sinnvoll?
Kathrin Lilienthal (45), Verlagsrepräsentantin
E 10 ist Augenwischerei. Es geht doch nicht darum, die Art des Sprits zu verändern, sondern weniger zu verbrauchen, Alternativen zum Autofahren zu finden und zu nutzen. Für den so genannten Biosprit wird konventionell angebaut, und die industrialisierte Landwirtschaft ist das Gegenteil von Bio. Sie verändert den ganzen Naturkreislauf. Ganz abgesehen davon, dass der CO²-Ausstoß durch E 10 nicht wesentlich verringert wird. Ich habe neulich gelesen, dass das Einzige, was den CO²-Ausstoß wirklich verringert, Wirtschaftskrisen sind. Mit anderen Worten: Wachstum führt zu Klimawandel. Und die Glücksforschung sagt, dass „Mehr“ ab einem gewissen Lebensstandard nicht glücklicher macht. Im Gegenteil, Übersättigung soll sogar unglücklicher machen. Also: Weniger ist mehr. Und zukunftsweisend sind allein erneuerbare Energien.
Gunter Volz (51), Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung
Ich tanke kein E 10. Von 2005 bis 2008 ist der Anteil der unterernährten Menschen um 75 Millionen auf 923 Millionen gestiegen, auch, weil weniger Nahrungsmittel produziert werden. Das Ziel der Industrieländer ist, die Beimischung von Agroenergie bis 2020 um 10 Prozent zu steigern, was 50 bis 70 Prozent unserer Agrarflächen erfordern würde. Das schafft in den Entwicklungsländern schon jetzt Begehrlichkeiten: Der Anbau von Nahrungsmitteln zieht gegenüber dem von Pflanzen für Biosprit den Kürzeren. So steigt die Nachfrage nach Nahrungsmitteln; sie werden teurer – eine Katastrophe für die Armen. Eine Tankfüllung mit E 10 entspricht dem, was ein Mexikaner im Jahr an Nahrung braucht! Ich finde, Ernährung geht klar vor Mobilität. Wir müssen unser Mobilitätsverhalten ändern: Weniger und wenn, dann mit energiesparenden Autos fahren!
Birgit Dennelere (49), Gärtnerin
Ich mache Führungen auf dem Dottenfelder Hof, einem Biobauernhof in Bad Vilbel. Soll ich etwa einem Kind erklären, dass das Weizenkorn vom Feld im Auto landet, statt zu Brot zu werden? Das wäre doch absurd. Außerdem haben wir in Deutschland keineswegs Anbauflächen für Biosprit übrig: Die konventionelle Landwirtschaft ist auf Futtermittel aus Amerika angewiesen. Und dann die Gentechnik: Wenn Nahrung für Sprit angepflanzt wird, gibt es doch keine Lebensmittelkontrolle mehr. Gentechnischer Mais kann sich mit natürlich gewachsenem kreuzen und den Boden verändern. Genau wie zuviel Unkrautvernichtungsmittel. Beides ist unberechenbar. E 10 ist doch wieder ein Hintertürchen, das ein Umdenken verhindert: Wir sollten Sprit sparen und die Autoindustrie sollte die Entwicklung von Elektro- und Hybridautos beherzt angehen.
Stefan Majer (52), Projektleiter
Ich würde sagen: Tempolimit statt E10. Sich auf EU-Ebene zu überlegen, was der Beitrag des Verkehrs zum Klimaschutz sein könnte, war ja im Prinzip richtig. Aber leider ist aus Angst vor der Autolobby dann E 10 herausgekommen, was die Verbraucher auch noch verwirrt. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung spart Sprit und schützt so unser Klima. Außerdem würde ein Tempolimit Lärmschutz bedeuten, den wir in Frankfurt und anderen Städten dringend brauchen. Also: Erstmal richtig Sprit sparen, in Windkraft und Solarenergie investieren, für vernünftige E-Mobilität und in gentechnikfreie, nachhaltige Landwirtschaft, und ganz zuletzt kann man über Biokraftstoff nachdenken, statt Öl für die LKWs zu verwenden. Die Anbauflächen, die man dann noch dafür braucht, sind da. Aber selbstverständlich haben Nahrungsmittel den Vorrang.







Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt".