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Von – 27. April 2011

„Uns ist wichtig, nie die Tradition zu verlassen“

In einer Interviewreihe stellt „Evangelisches Frankfurt“ die Mitglieder des Rates der Religionen vor. Daniel Kempin vertritt dort den egalitären Minjan der Jüdischen Gemeinde.

Was ist ein egalitärer Minjan?

„Minjan“ ist ein hebräisches Wort, es bezeichnet eine Mindestanzahl von Personen, die notwendig sind, um einen Gottesdienst zu gestalten. In den traditionellen orthodoxen Gemeinden sind das zehn Männer. „Egalitär“ bedeutet, dass auch die Frauen zur Thora aufgerufen sind. Wir haben hier eine von drei Rabbinerinnen, die es in Deutschland gibt, Elisa Klapheck.

Daniel Kempin im Gottesdienstraum des egalitären Minjan in der Westendsynagoge. Der 47-Jährige ist bekannt durch seine Konzerte mit jüdischen Liedern, die er seit 28 Jahren veranstaltet. Foto: Ilona Surrey

Wie ist Ihre Gruppe entstanden?

Als in Frankfurt noch die amerikanischen Soldaten stationiert waren, gab es dort einen konservativen jüdischen Gottesdienst, der aber egalitär war und den auch viele Frankfurter Gemeindemitglieder besuchten. Als die Soldaten abgezogen wurden, bildete sich eine jüdische Gruppe, die egalitäre Gottesdienste durchführte und viel Zulauf fand. 1998 hat dann Ignatz Bubis, seligen Andenkens, als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde sich dafür eingesetzt, dass wir hier integriert werden. Er hat damals verstanden, dass es überall in Deutschland Aufbrüche einer jüngeren Generation gibt. Während die Älteren meist darauf beharrten, auf so genannten gepackten Koffern zu sitzen, wollten wir Jüngeren jüdisches Leben in Deutschland aufbauen. Es gab damals keine Jeschiwot, also Toraschulen, keine Rabbinerausbildung, es gab überhaupt keine vernünftige jüdische Infrastruktur.

Hat auch die Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion dabei eine Rolle gespielt?

Indirekt hat sie das schon unterstützt. Es sind ja weit über 100?000 eingewanderte Juden Gemeindemitglieder geworden, wodurch es in den letzten zwanzig Jahren einen unglaublichen Aufbruch gegeben hat. Es existiert jetzt in Deutschland neben dem orthodoxen auch ein Reformjudentum und ein konservatives Judentum, und auch noch Chabad, also eine besonders orthodoxe Form. Dass viele dieser Strömungen in Frankfurt unter einem gemeinsamen Dach organisiert sind, ist in Europa einmalig. Wir haben guten Kontakt miteinander, auch wenn es noch mehr Berührungspunkte und engere Auseinandersetzungen geben könnte.

Wie viele Menschen kommen denn zu den egalitären Gottesdiensten?

Freitags und samstags kommen immer so zwischen zwanzig und dreißig Personen, das heißt, wir haben nie ein Problem, einen Minjan zusammen zu bekommen. An den hohen Feiertagen kommen um die achtzig Personen.

Wie sind Sie persönlich dazugekommen?

Das ist eine etwas komplizierte Geschichte. Ich bin jüdisch geboren, ohne es zu wissen. Meine Mutter war 1938 getauft worden und erfuhr erst 1942, als sie den gelben Stern tragen musste, dass sie Jüdin ist. Meine Eltern waren beide Kirchenmusiker, ich bin katholisch aufgewachsen. Als ich mit zwölf erfahren habe, dass ich aus einer jüdischen Familie stamme, hat mich das unglaublich gepackt. Ich habe viel gelesen und mich mit der Familien- und Leidensgeschichte auseinandergesetzt. Ich bin nach Israel gefahren und habe dort Verwandte entdeckt, von denen ich vorher gar nichts wusste, und habe Judaistik studiert. Ich habe Jiddisch gelernt und jiddische Lieder gemacht. Nach einem zehnjährigen Suchprozess habe ich dann die Entscheidung getroffen, dass ich im Alltagsleben als Jude leben will und mich nachträglich beschneiden lassen.

Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert?

Mein Vater ist schon 1980 gestorben, er hat das kaum mitbekommen. Meine Mutter hat mir ihren Segen gegeben, weil sie gemerkt hat, dass das eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung war. Am Ende ihres Lebens ist sie häufig mit zum Schabbatgottesdienst gekommen, hat auch angefangen, Hebräisch zu lernen und sich intensiv mit den jüdischen Gebeten auseinander gesetzt. So sehr, dass ich sie irgendwann gefragt habe, ob sie nicht auch Mitglied in der jüdischen Gemeinde werden will. Sinngemäß hat sie geantwortet: Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr. Aber sie hatte auch wirklich so ein weites Herz, dass sie beides verbinden konnte. Das war mir nie möglich gewesen, für mich gab es immer ein Entweder-Oder.

Und wie wurden Sie„egalitär“?

Ich gehörte ursprünglich zur Wiesbadener Gemeinde, aber dann erzählte mir ein Freund von dem, was in Frankfurt passiert. Es war für mich erstmal ein Schock, dass hier eine Frau vorbetete. Aber aus dem Schock erwuchs bald die Erkenntnis, dass es nicht nur möglich, sondern absolut notwendig ist, dass Frauen den Männern gleichgestellt werden. Gerade weil ich die ganzen halachischen, religionsgesetzlichen Diskussionen gut kenne.

Das müssen Sie etwas näher erklären.

Eine halachische Grundkonstante ist, dass Frauen alle Gebote einhalten müssen, außer denen, die zeitabhängig sind. Der Grund ist, dass Frauen, wenn sie ihre Tage haben, sozusagen in einem anderen Zustand sind, und da man nicht weiß, wann das ist, werden sie von den Pflichten befreit. Heute ist aus dieser Befreiung ein Verbot geworden. Wir legen hier Wert darauf, dass die Frauen selbst entscheiden, ob sie zur Tora aufgerufen werden wollen oder nicht, ob sie eine Kippa tragen oder nicht. Einen Talit, einen Gebetsschal, tragen sie bei uns üblicherweise.

Ist die Gleichstellung der Geschlechter das einzige Unterscheidungsmerkmal?

Ein weiterer Punkt ist, dass wir mit den Gebetstexten kreativ umgehen. Die zentralen Gottesdienstteile lassen wir natürlich unverändert. Aber uns ist die intellektuelle Auseinandersetzung mit den Texten wichtig. Zum Beispiel beten wir nicht nur „Gepriesen sei unser Gott, König der Welt, Gott unsrer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“, sondern wir fügen hinzu „der Gott Sarahs, der Gott Rivkas, also Rebekkas, der Gott Leas und der Gott Rachels“. Es ist der Thora ja ganz eindeutig zu entnehmen, dass Gott sich Frauen nochmal anders offenbart hat als Männern, und in diesem Segen geht es um das Andocken an die jüdische Geschichte, die ja auch Frauen einschließt. Uns ist es sehr wichtig, dass wir niemals die Tradition verlassen und etwa eine jüdische Sekte werden.

Sie sind nicht nur einfaches Gemeindemitglied, sondern leiten als Vorbeter auch Gottesdienste?

Ja, und zwar seit gut 15 Jahren. Als unsere Rabbinerin vor fünf Jahren kam, hat sie mich dazu ermutigt, meine Arbeit auszubauen mit einem Kantorenstudium in den USA. Diese Ausbildung wird von der überkonfessionellen Bewegung „Jewish Renewal“ angeboten, das bedeutet „jüdische Erneuerung“, und hat eine unglaubliche Spannbreite. Ich kann damit ebenso gut orthodoxe oder Reformgottesdienste leiten.

Wie ist der egalitäre Minjan organisiert?

Finanziert werden wir zu einem Großteil von der Gemeinde, zusätzlich haben wir auch Mitgliedsbeiträge und Spenden. Es gibt einen eingetragenen Verein, der für alles zuständig ist, was mit der Finanzierung zu tun hat. Und daneben gibt es ein zweites Gremium, das die politischen und religiösen Entscheidungen trifft.

Wie sehen Sie Ihre Beteiligung am Rat der Religionen?

Diese Zusammenarbeit und das gegenseitige Kennenlernen sind notwendig in einer sich zunehmend globalisierenden Welt, wo man zwangsläufig Berührungspunkte hat. Der Unterschied zum christlich-jüdischen Dialog ist hauptsächlich, dass es im Rat nicht um eine theologische Auseinandersetzung geht, sondern um ganz konkrete Themen wie etwa Krankenseelsorge. Da haben Juden und vor allem Christen ja ein sehr ausgefeiltes System, und die Muslime wollen etwas lernen. Das ist doch wunderbar!

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 27. April 2011 in der Rubrik Gott & Glauben, Menschen, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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