Manche Menschen bekommen Geld einfach so geschenkt. Manchmal sogar sehr viel Geld. Und oft sind es gerade diejenigen, die materiell ohnehin gut gepolstert sind. Die Rede ist vom Erben.

Finanzielle Hilfen seitens der Eltern oder Großeltern ist in sozial unsicheren Zeiten für viele junge Menschen wichtig. Dumm nur, dass nicht alle auf eine solche Unterstützung bauen können. Foto: Rolf Oeser
Noch nie wurde so viel Vermögen von einer Generation auf die nächste vermacht, wie heute. Schätzungsweise 200 Milliarden Euro wechseln in Deutschland auf diesem Weg jedes Jahr den Besitzer oder die Besitzerin. Nur rund 5 Milliarden davon kommen via Erbschafts- oder Schenkungssteuer wieder der Allgemeinheit zugute. Den Großteil dieses Vermögens steckt die nachfolgende Generation ein: Von 100 Personen, die etwas vererben, sind 83 alleinstehende Frauen, 10 alleinstehende Männer und 7 Ehepaare.
Auf diese Weise wird Vermögen über Generationen hinweg angesammelt und wächst. Man könnte fragen, wie das mit sozialer Gerechtigkeit und gleichen Lebenschancen für alle zusammen passt. Kinder aus wohlhabenden Familien haben ja sowieso schon wesentlich bessere Chancen auf eine gute Ausbildung als Kinder aus armen Familien. Womit ist es zu rechtfertigen, dass ihnen zusätzlich auch noch hohe Vermögen einfach so ganz ohne eigene Leistung zufallen?
Die offensichtliche soziale Ungerechtigkeit von Erbschaften ist auch in den vermögenden Kreisen selbst längst ein Thema. Immer mehr Reiche bringen einen Teil ihres Geldes noch zu Lebzeiten in Stiftungen oder wohltätige Vereine ein. Bill und Melinda Gates etwa haben mit einem Großteil der geschätzt 46 Milliarden Dollar, die die Erfindung der Microsoft-Software ihnen eingebracht hat, eine Stiftung gegründet, die Projekte in armen Ländern unterstützt. Ihre drei Kinder sollen insgesamt „nur“ zehn Millionen Dollar erben.
Andere ziehen nach: Auf der US-amerikanischen Internetseite www.givingpledge.org versprechen Reiche öffentlich, den Großteil ihres Vermögens später einmal in gemeinnützige Projekte zu stiften.
Aber auch weniger Vermögende überlegen zunehmend, ob sie mit ihrem Geld nicht etwas Sinnvolles anfangen können. Soziale Einrichtungen – auch die Kirchen – haben diese Quelle längst entdeckt. Erbschafts-Fundraising wird immer wichtiger, zumal in Zeiten, wo öffentliche Zuschüsse für soziale Arbeit immer weiter gekürzt werden. Nach den Worten von Wilfried Knapp, dem Finanzchef des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau, ist Fundraising heutzutage als zusätzliche Einnahmequelle „nicht mehr wegzudenken“.
Auch hier könnte man natürlich fragen, ob das wirklich richtig so ist: Denn schließlich entscheiden auf diese Weise Einzelne, nur weil sie reich sind, darüber, welche sozialen Hilfen es gibt, welche Initiativen und Projekte unterstützt werden – und welche nicht. Wer hingegen nichts zu vererben hat, hat diesbezüglich auch nichts mitzubestimmen.
Ist Vererben von Vermögen gerecht?
Harald Fiedler (60), DGB-Vorsitzender Frankfurt-Rhein-Main
Gerecht ist, wenn ein Kind von seinen Eltern oder Großeltern etwa ein Häuschen erbt: Wenn die sich krummgelegt haben, hat das Kind in seiner Kindheit vielleicht auch verzichtet. Nicht gerecht ist, wenn jemand reich geboren wird und ohne eigene Leistung in Saus und Braus leben kann. Die reichsten zwei Prozent aller Menschen in Deutschland vereinigen ein Drittel aller Erbschaften auf sich – das sind bis 2020 etwa 800 Milliarden Euro. Insgesamt werden bis 2020 voraussichtlich 2,6 Billionen Euro vererbt. Damit wechselt mehr als ein Viertel des Volksvermögens den Besitzer. Aber: Viele erben wenig, wenige erhalten viel. So ist die Erbschaft nur in 0,2 Prozent der Fälle mehr als 250 000 Euro wert. 28 Prozent der Erbschaften machen weniger als 25 000 Euro aus. Deshalb ist eine Erbschaftssteuer unumgänglich, die diesen Namen auch verdient.
Ingrid Alken (59), Fundraising-Managerin
Angenommen, ein Erblasser will seiner Frau fünfzig Prozent vererben, seinen Kindern aber nur den Pflichtteil, also nur je die Hälfte des gesetzlichen Erbteils. Den Rest soll eine gemeinnützige Organisation bekommen. Ist das den Kindern gegenüber ungerecht und der Allgemeinheit gegenüber gerecht? Dieses Thema ist ein weites Feld. Wichtig finde ich, dass jeder Mensch frei über das entscheiden kann, was er erworben oder selbst geerbt hat. Es ist aber auch okay, dass die Allgemeinheit, der Staat, durch die Erbschaftssteuer an jeder größeren Erbschaft Anteil hat. Meine Erfahrung als Fundraiserin im Bereich der evangelischen Kirche ist, dass viele Menschen gerne abgeben, wenn die Familie versorgt ist oder für sich selbst sorgen kann. Und wenn ein Projekt oder Ziel sie überzeugt. Zu teilen ist ein urchristlicher Gedanke.
Susanne Lieser (48), Personal-Trainer
In meinem Fall ist klar: Ich habe keine wohlhabenden Eltern oder Verwandten und werde daher nichts erben. Kein Haus, kein Geld, keinen Schmuck. Und ja, ich beneide die Leute in meiner Umgebung, die irgendwann auf etwas zurückgreifen können. Vor allem beneide ich sie um die Sorglosigkeit, mit der sie leben und in die Zukunft blicken. Und was mir noch mehr leid tut: Ich werde auch meiner Tochter nichts vererben können. Ich erziehe sie jetzt alleine. Gerecht ist das sicher nicht, aber es macht mich auch frei und autonomer: Meine Eltern schulden mir nichts, und mir ist klar, dass ich wirklich für mich und meine Tochter verantwortlich bin. Das mobilisiert Kraft. Mich beschäftigt jetzt eher, was ich an nicht materiellen Werten von meinen Eltern erbe und was ich an meine Tochter und andere Menschen weitergeben kann. Jeden Tag.
Bernolph Freiherr von Gemmingen-Guttenberg (48), Geschäftsführer
Wenn man ein Gleichheitsideal hat, natürlich nicht. Aber stellen wir uns mal eine hundertprozentige Versteuerung vor: Erblasser würden alles selbst aufbrauchen, Erben würden sich (noch) weniger um die ältere Generation kümmern. Der Fiskus würde profitieren, aber vielleicht auch die Rüstungsindustrie. Und wenn alle mittelständischen Unternehmen an den Staat fallen würden, das wäre katastrophal: Ohne Eigeninitiative passiert nicht genug. Unser System ist im Prinzip gut, wie es ist. Ich selbst wollte übrigens zuerst nicht erben: Die Staufer-Burg Guttenberg am Neckar nämlich, die meiner Familie seit 550 Jahren gehört. Ich wollte weder die Verantwortung noch die Beobachtung durch die Öffentlichkeit. Aber jetzt kümmere ich mich doch: Zur Erhaltung der Kultur, für die Betriebe in den umliegenden Dörfern und auch für meine Kinder.






