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Von – 1. Oktober 2011

Lan-Party: „Schlafen kann man später“

Drei Tage und Nächte Computerspiele in der Jugendkulturkirche Sankt Peter

Spielen macht in der Gruppe mehr Spaß: Siebzig Computerplätze wurden für die Lan-Party in Sankt Peter aufgebaut. Foto: Ilona Surrey

Auf dem Bildschirm ist der Andachtsraum der Jugendkulturkirche Sankt Peter zu sehen. Gerade erklärt Pfarrer Rasmus Bertram: „Ohne Vertrauen bringt Gott gar nichts. Das ist meine erste These, auf die ihr ab jetzt gerne reagieren könnt.“ Auf dem Bildschirm direkt daneben fliegt gerade ein virtueller Mann in die Luft. Der Lauf eines Maschinengewehrs bringt in arabisch wirkenden Gassen Terroristen zur Strecke: das Computerspiel „Counterstrike“.

Es ist Sonntag, halb zwölf, und Abschlussgottesdienst der „sublan-party 2011“. Die jungen Männer und wenigen Frauen vor den Computerbildschirmen haben mittlerweile Ringe unter den Augen, aber die Atmosphäre ist locker, entspannt.

Nicht nur aus Hessen und Rheinland-Pfalz, sogar aus Bayern und Sachsen sind Jugendliche hierher gekommen, um für 30 Euro an der einzigen Lan-Party Deutschlands teilzunehmen, die in einer Kirche stattfindet. Seit Freitagabend spielen die sechzig Teilnehmer, darunter viele Studenten, mit- und gegeneinander. Etwa in Teams bei Counterstrike, einem Gut-gegen-Böse-Spiel, bei dem es auf Schnelligkeit und Zielgenauigkeit ankommt. Oder sie spielen Mann gegen Mann bei Starcraft II, Version 2011, einem Strategiespiel. Viele sind mit ihren Freunden gekommen.

„Jetzt erreicht mich die folgende Frage“, sagt Rasmus Bertram gerade am Bildschirm. „Ich hab‘ aber kein Vertrauen in Gott. Was kann ich da tun?“ „Du musst es wagen“, antwortet der Pfarrer, „denk‘ nicht drüber nach, sondern versuche einen kleinen Schritt“.

Einige Lan-Party-Teilnehmer hören zu, andere spielen weiter. Ein Mädchen, das mit ihren Freunden aus Heidelberg gekommen ist, hat am Tisch den Kopf auf die Arme gelegt und schläft. „Ja, Lan-Partys sind anstrengend“, sagt der 29-jährige Aaron, der Kommunikationsdesign studiert hat. „Aber das ist wie bei einem Fußballturnier: Wettkampf macht Spaß, und man will der Bessere sein. Ich spiele Strategiespiele, und das ist ganz klar Können. Man muss den Gegner durchschauen und countern können, auch ganz schön Risiken eingehen. Und zwar total schnell. Schlafen kann man später.“

Viel geschlafen haben auch Rasmus Bertram und sein 25-köpfiges ehrenamtliches Team in den letzten Tagen nicht, obwohl es auch zwei Ruheräume gibt. Während der Party wurde viel gekocht und bis nachts Technik und Teilnehmer betreut. Wer aus einem Turnier ausschied, konnte Tischkicker spielen oder im unförmigen Känguru-Kostüm boxen.

„Die Location ist super“, schwärmt der 18-jährige Nicolai aus Eschborn. „Die haben sich hier voll Mühe mit uns gegeben.“ Sein Vater ist Pfarrer und er hat sich schon oft gewünscht, im Gottesdienst Fragen stellen zu können. Aaron hingegen interessiert das nicht: „Ich bin gekommen, weil ich spielen will. Die Atmosphäre ist geil. Nebenbei hört man so Lebensweisheiten, und das tut gut. Ich gehöre aber keiner Kirche mehr an.“

Gewinnen, ohne andere fertig zu machen

Fragen an Rasmus Bertram, Pfarrer von Sankt Peter

Zum Abschluss des Spiele-Marathons gab es einen Gottesdienst, ebenfalls ganz vernetzt und interaktiv. Rechts Pfarrer Rasmus Bertram. Foto: Ilona Surrey

Counterstrike ist ein Computerspiel, bei dem der Spieler mit Waffen Terroristen abschießt. Wie passt das in eine Kirche?

In Sankt Peter verschließen wir uns nicht vor den Realitäten in der Welt. Gegeneinander Kämpfen und Wetteifern gehört zum Leben dazu. Wir wollen mit den Jugendlichen in Kontakt kommen, die sich für solche Spiele begeistern. Sie erleben, wie man den anderen im Spiel besiegen kann, ohne ihn als Person fertig zu machen. Dass dies ein Sieg ist, der sich viel besser anfühlt. Wie geht man mit Verlierern so um, dass auch sie gut weiterleben können?

Dennoch: Wir alle kennen die schrecklichen Taten von Erfurt oder Winnenden. Erhöhen solche Spiele nicht die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen?

Jugendliche, die sich sportlich verausgaben, sind weniger gewaltbereit als andere. Bei den Ego-Shooter-Spielen geht es vor allem um ein geschicktes und strategisch kluges Vorgehen. Das Töten mit Maschinengewehr ist zwar auch für mich bis heute ein befremdlicher Anblick, aber das steht nicht im Vordergrund des Geschehens. Es wird auch bildlich nicht sehr plastisch dargestellt. In meiner Kindheit haben wir „Räuber und Indianer“ gespielt. Da haben wir mit Spielzeugpistolen aufeinander geschossen und sind „tot“ umgefallen. Nach dem Abi­tur bin ich dann trotzdem nicht zur Bundeswehr gegangen, um das vielleicht mal in echt ausprobieren zu können.

Was unterscheidet die einzige Kirchen-Lan-Party Deutschlands von anderen?

Das Interesse an der Persönlichkeit, die Stärkung der Persönlichkeit. Es geht darum, jemanden mit seinen Gaben Teil einer Gemeinschaft sein zu lassen. Wer beim Computerspiel verliert, gewinnt vielleicht beim Känguru-Boxen. Oder ist ein witziger Unterhalter. Das ist für mich Kirche. Aber die Sublan-Party ist keine Rattenfängerei. In einem Auswertungsbogen vom letzten Jahr hieß es: „Ihr habt mich echt die ganze Zeit spielen lassen, ohne dass ich bei irgendetwas Kirchlichem mitmachen musste. Unglaublich. Ihr habt Wort gehalten. Das hatte ich nicht erwartet.“

Gibt es denn auch Jugendliche, die über diese Party wieder Zugang zur Kirche finden?

Viele sind von der Kirche enttäuscht, oft, weil es in ihrer Heimatgemeinde nicht so gut gelaufen ist. Einige fangen hier wieder an, Fragen zu stellen: Was bringt mir der Glaube? Was ist Glaube im Unterschied zur Wissenschaft? Wir erzählen von unseren Erfahrungen.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Oktober 2011 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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