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Von – 28. November 2011

Auch kluge Männer beten

Ferry Ahrlé und Iring Fetscher zu Gast in der Andreaskirche

Der Maler Ferry Ahrlé (links) und der Politikwissenschaftler Iring Fetscher am Buß- und Bettag in der Andreaskirche in Eschersheim. Foto: Ilona Surrey

Seine Augen liegen wie zwei blau-grüne Seen in seinem Gesicht. Auf dem bunten Antlitz, das Ferry Ahrlé von Jesus Christus malte, scheinen die Augen nach innen gerichtet. Beim ökumenischen Abendgottesdienst zum Buß- und Bettag steht das Portrait vor dem Altar der Eschersheimer Andreaskirche. Und bildet den Ausgangspunkt für ein Gespräch über das Beten, zu dem Pfarrer Hans-Georg Döring zwei prominente und hochbetagte Frankfurter Männer eingeladen hat: Den Maler Ferry Ahrlé, der selbst der Andreasgemeinde angehört, und den Politikwissenschaftler Iring Fetcher. Beide sagen: „Ich bete täglich.“

Kann man denn über das Beten sprechen? Über diesen inneren Prozess, diese ganz ureigene Zwiesprache mit Gott? Iring Fetcher ist es, der den „einsamen Beter“ im stillen Kämmerlein in die Gemeinschaft stellt: Er bezeichnet das Beten als ein Gespräch „mit Gott, der in mir lebendig ist“ und im „Vater unser“ sei zugleich die Gemeinschaft mit allen anderen Gläubigen hergestellt.

Das „Vater unser“ ist auch das Gebet, das Fetcher als Soldat im Zweiten Weltkrieg „mehrmals vor sich hin sprach“. Danach hatte er „immer noch Angst“, erzählt er vor dem Altar sitzend, aber „es hat mir geholfen, gelassen zu sein und mit dem umgehen zu können, was um mich war.“ Seit dem Krieg, sagt der Katholik Fetcher, betet er wieder. Bevor er diesen extremen Erfahrungen ausgesetzt war, war er der Meinung gewesen, Beten sei nur „etwas für alte Leute oder dumme Kinder“.

Als Kind habe er noch ganz „naiv gebetet“, Gott als „überdimensionalen Vater, der alles kann“ betrachtet. Ein wünschendes Beten, das nach Ansicht des Philosophen Immanuel Kant eher Magie sei als ein „wahres Gebet“. Pfarrer Hans-Georg Döring erzählte, wie er als pubertierender Jugendlicher die Erfahrung gemacht hat, dass in Liebesdingen das Wünschen beim Beten nichts nützt. Daraus könne sich später aber ein „erwachseneres Verständnis vom Beten“ entwickeln.

Ferry Ahrlés erste Gebetserfahrungen gehen ebenfalls in die Kindheit zurück: „Mit meiner Mutter und meinem Bruder habe ich abends gebetet“, erinnert er sich. Besonders die biblischen Geschichten regten die Phantasie des Malers sein Leben lang an, und die in verschiedenen Jahrhunderten entstandenen Bilder von Christus. Für den Künstler ist das Gebet eng mit der Phantasie verknüpft. „Im Beten“, sagt der 87-Jährige, „kann man sich die ganze Welt erschließen.“

Iring Fetcher erinnert daran, dass die großen Philosophen alle „einen Sinn für das Gebet hatten.“ Selbst Karl Marx, mit dem der 89 Jahre alte frühere Uniprofessor sich in seinen Forschungen besonders intensiv auseinandergesetzt hat, „brachte seinen Kindern bei, dass Jesus ein liebevoller Mensch war, den man verehren muss.“

Beten helfe auch, besser mit Brüchen im Leben zurecht zu kommen, sind beide überzeugt: Am letzten Tag des Zweiten Weltkriegs verlor Ferry Ahrlé seinen Bruder, Iring Fetcher seinen Vater.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 28. November 2011 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Susanne Schmidt-Lüer ist Redakteurin und schreibt vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.

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