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Von – 28. November 2011

Mit dem Fremden flirten

Kinder kommen nicht erst mit Büchern in Kontakt, wenn sie lesen lernen. „Literacy“, also die Fähigkeit, mit Büchern umzugehen, üben sie schon im Krabbelalter – zum Beispiel über Bilderbücher.

Zu einer Erinnerungsreise in die Zeiten eigener kindlicher Lektüre lud eine kleine Ausstellung unter dem Titel „Gestern gelesen – heute vergessen?“ in der Bethlehemkirche in Ginnheim ein. Foto: Rolf Oeser

Was ein gutes Bilderbuch ist, lässt sich nicht so einfach definieren. Man könne aber schon bestimmen, welche Qualitäten die Begegnung zwischen einem Buch und einem kleinem Kind glücken lassen, sagte Inge Pape. Die Sozialpädagogin und Journalistin sprach bei einer Tagung zum Thema „Literacy für Kinder unter drei Jahren“ des Arbeitszentrums für Fort- und Weiterbildung der Pädagogischen Akademie Elisabethenstift in Darmstadt.

Für Kinder unter einem Jahr sind Bücher vor allem Gegenstände zum Erkunden, erklärte Pape. Sie sollten also ungiftig, ablutschbar und am Besten badewannentauglich sein. Und außerdem den „Babytalk“ der Erwachsenen fördern – etwa „Wie macht der Hund? Wo ist die Katze?“ Das sei nicht albern, sondern eine Hilfe zum Spracherwerb.

Wesentlich in jedem Alter sei, dass Bilderbücher etwas enthalten, worin Kinder sich wiedererkennen. Also die Dinge des Alltags, die kleinen Episoden, die sie erleben, ihre Gefühlswelten. Gute Literatur hole „das Kind beim Eigenen ab“, eröffne ihm aber gleichzeitig den Blick in fremde Welten. Als exemplarisch stellte sie das Bilderbuch „Kleine Eule ganz allein“ von Chris Haughton vor. Darin fällt eine kleine Eule mehr oder weniger absichtlich aus dem Nest – „Ich habe mich verfranst“ – und sucht dann ihre Mutter. Dabei hilft ihr ein Eichhörnchen. Es zeigt ihr einen Bär, einen Hasen und einen Frosch, bis die kleine Eule mit den großen Augen schließlich wieder in den weit offenen Armen von Mutter Eule landet.

In dieser Geschichte spiegelten sich die Entwicklungsthemen von Zweijährigen wider, so Pape. Ein zweijähriges Kind strebe nach Autonomie und spiele mit der Ambivalenz. Sich aus der unmittelbaren Nähe der vertrauten Bezugsperson zu entfernen sei verlockend, gleichzeitig habe das Kind aber auch Angst vor der angestrebten Selbstständigkeit: Kann ich wieder zurückfinden, wenn ich weggehe? Ist die Welt noch die selbe, wenn ich von meinem Abenteuer zurückkomme? Kann ich das „Selbermachen“ oder „Alleinkönnen“ ausprobieren und dennoch wieder in den Schoß der Mama flüchten?

Die Gewissheit, dass die Buch-Helden und -Heldinnen in einer bedrohlichen Welt am Ende siegen und wieder heimfinden, stärke das Selbstbewusstsein der Kinder und ihre Lust, in der Welt der Bücher gefahrlos mit dem Fremden zu flirten. Wenn sich ein Kind mit den eigenen Gefühlen in einer Geschichte verstanden fühlt, lerne es auch, die Gefühle anderer besser zu verstehen. Ein gutes Bilderbuch könne Empathie fördern.

In den vergangenen zwanzig Jahren seien Bilderbücher außerdem immer mehr ein Spiegel der Gegenwartskunst gewesen, an den es sich heranzuführen lohne. Wie Erwachsene hätten Kinder aber auch ein „Recht auf Kitsch“, also etwa quietschbunte Häschen-, Rehlein- oder Glitzerbücher, sagte Pape. Wenn ein kleines Kind zeitweilig einen Narren an so etwas fresse, müsse man sich keine Sorgen machen, dass es damit seinen Geschmack langfristig verderbe.

Weitere Bilderbuch-Tipps

  • Alain Serret: Jetzt. Gerstenberg Verlag, 4,95 Euro.
  • Michel Gay: Eine Dose Kussbonbons. Moritz Verlag, 12,80 Euro.
  • Barbara Schmidt: Kamfu mir helfen? Kunstmann Verlag, 14,90 Euro.
  • Isabel Pin: Die Geschichte vom kleinen Loch. Bajazzo Verlag, 14,90 Euro.
  • Ingrid und Dieter Schubert: Der rote Regenschirm (Ohne Worte). Sauerländer Verlag, 14,95 Euro.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 28. November 2011 in der Rubrik Bücher & Filme, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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