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Von – 27. Januar 2012

Rassismus kommt aus der Mitte der Gesellschaft

Ilona Klemens ist Pfarrerin für interreligiösen Dialog in Frankfurt.

Seit einiger Zeit ist bekannt, dass auch Frankfurter Institutionen und Namen auf Listen der Zwickauer Terrorzelle aufgeführt sind, die im Rahmen der Ermittlungen aufgefunden worden waren – darunter die Mehrzahl der Frankfurter Moscheegemeinden, sowie die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Das Polizeipräsidium Frankfurt hatte Ende des letzten Jahres per Brief die Einrichtungen darüber informiert und diese durch Polizeibeamte persönlich überbracht. Es lägen bisher keine Hinweise auf konkrete Anschlagspläne vor, heißt es darin. Das mag sachlich richtig und beruhigend gemeint sein. Aber angesichts der zehn Morde, die bereits geschehen sind, ist aus meiner Sicht keine Beruhigung angebracht.

Ich frage mich: Wozu, glaubt man denn, sollen die Listen gedient haben? Neonazis und Rechtsextremisten machen kein Geheimnis aus ihren Feindbildern. Spätestens jetzt muss allen klar geworden sein, was sie zu tun in der Lage und willig sind. Auf die Frage, warum sie zehn Jahre lang unentdeckt ihr Unwesen treiben konnten, gibt es bisher keine Antwort.

Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere Frage, die mich bewegt, ist die, wie die Öffentlichkeit, die Gesellschaft, wir alle mit dieser Bedrohung umgehen.

Aus verlässlicher Quelle wurde mir berichtet, dass ein Polizeibeamter bei der Übergabe des Briefes für Worte fand: „Bilden Sie sich nichts darauf ein und geben Sie nicht damit an – Sie sind nur eine von zigtausend Institutionen.“ Mir fehlen die Worte um zu beschreiben, welche Abgründe sich hier im Blick auf die Haltung dieses Staatsdieners zu den Verbrechen auftun.

Fast schon gebetsmühlenartig machen Soziologen in vielen Studien darauf aufmerksam, dass rechtsextreme Einstellungen längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Vor wenigen Tagen wurde wieder einmal bestätigt, dass jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch sei. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit trifft sozial schwache wie kulturelle und religiöse Minderheiten.

Das ist zugegebenermaßen eine unbequeme Botschaft. Man kann eben nicht so einfach mit dem Finger auf „die Neonazis“ zeigen und ihnen allein das Problem zuschieben. Es ist unbequem, weil alle aufgefordert sind, sich zu fragen, ob sie nicht Teil des Problems sind.

Wer kann schon von sich sagen, noch nie negative Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen gehegt zu haben? Hören wir alle richtig hin und wie reagieren wir, wenn in unserem Umfeld Leute zum Beispiel über „die“ Ausländer“, „die“ Juden, „die“ Muslime, „die Sozialschmarotzer“ schwadronieren?

Der zweifelhafte „Erfolg“ eines Thilo Sarrazin liegt meines Erachtens darin, dass er es geschafft hat, die Grenzen zwischen sachlicher Kritik an konkreten Missständen und pauschaler Diffamierung ganzer Bevölkerungsgruppen noch mehr zu verwischen. So wird Rassismus immer weiter gesellschaftsfähig. Entsprechend gab es auch keinen lauten öffentlichen Aufschrei, als er kürzlich einmal mehr Menschen mit Pferderassen verglich und vor den Folgen einer „Vermischung“ warnte. Ein Sozialdemokrat, der der NPD zudem bescheinigt, sie sage nur, „dass die Welt rund sei“ und er deshalb nicht behaupten wolle, sie sei flach – eine bessere Werbung kann sich die NPD kaum wünschen.

Der Satz „Wehret den Anfängen“ ist längst von der Realität eingeholt, nein, überholt worden. Die brutale Gewalt der Rechtsterroristen ist das eine – die Abwehr der Mehrheit und Mitte der Gesellschaft, sich selbst kritisch im Spiegel zu betrachten das andere. Letzteres ist schmerzhaft, aber notwendig für uns alle, wenn uns am gesellschaftlichen Frieden gelegen ist.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 27. Januar 2012 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe .

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Ilona Klemens ist Pfarrerin für interreligiösen Dialog in Frankfurt.

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