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Von – 8. Juni 2012

„Religion” an der Schule erweitert den Horizont

Ein Großteil der in diesen Tagen geschriebenen Zeugnisse werden auch eine Note in „Religion” enthalten. Die Meinungen gehen auseinander, ob das ein wichtiges Fach sei, denn im Kanon von Mathematik, Deutsch, PoWi, Biologie und Englisch gilt es vielen als vernachlässigbar. Schließlich behandele es „nur” Glaubensdinge.

Wilfried Steller ist Pfarrer in Fechenheim und Mitglied der Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“. Foto: Oeser

Dass „Religion” ordentliches Lehrfach sogar mit Verfassungsrang ist, mag tatsächlich verwundern. Aber nach der Erfahrung des Nationalsozialismus wollte die junge Bundesrepublik keine staatlich monopolisierte Weltanschauung mehr propagieren. Die dennoch unerlässliche Aufgabe, Kindern auch in der Schule Sinn und Werte zu vermitteln, übertrug sie den Religionsgemeinschaften.

So kam „Religion” als ein in seinen Inhalten von staatlicher Reglementierung freies, aber im Grunde staatstragendes Fach auf den Stundenplan. Wie Mathematik das Rechnen einübt und Deutsch die Sprache, sollte „Religion” in die Inhalte und Ziele einer Glaubensgemeinschaft hineinführen aus der Überzeugung heraus, dass ein Leben in der jüdisch-christlichen Tradition die Gesellschaft auch im Sinne der jungen Demokratie positiv prägen würde.

Heutzutage ist das Angebot an Möglichkeiten zur weltanschaulichen Identitätsfindung sehr viel breiter als es in der Nachkriegsgesellschaft war. Die großen Kirchen haben ihren prägenden Einfluss verloren, mit dem Islam ist vor allem in Ballungszentren eine in sich vielgestaltige weitere Religion auf den „Markt“ gekommen, und es gibt eine deutliche Tendenz, dass Menschen sich nicht mehr für eine einzige Glaubensrichtung entscheiden, sondern sich individuell Elemente aus verschiedenen weltanschaulichen Angeboten zu einem ganz eigenen Paket schnüren.

Dennoch hat der Religionsunterricht nicht ausgedient. Die Weltreligionen sind nach wie vor treibende Kräfte in der Dynamik globaler gesellschaftlicher Entwicklung. Sie aus der Schule zu verbannen, wäre wirklichkeitsfremd. Sie im Horizont einer gemeinsamen Verantwortung für Staat und Gesellschaft zu unterrichten, stärkt zum einen die Verständigung auf Grundwerte und macht zum anderen klar, dass es neben Vernunft, Geld und Wachstum noch eine andere Dimension des Lebens gibt.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 8. Juni 2012 in der Rubrik Gott & Glauben, Meinungen, erschienen in der Ausgabe , .

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Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Holger App schrieb am 24. Juni 2012

    Sehr geehrter Herr Steller,

    ja Religion an Schulen ist wichtig! Dennoch erlebe ich in meinem Dienst als Prädikant, wie Gemeinden darunter leiden, wenn die Pfarrstelle vakant ist. Ich sehe die Not der Landeskirche, die in absehbarer Zeit nicht mehr alle frei werdenden Pfarrstellen wird nachbesetzen können – gar nicht in erster Linie aus Geld- sondern vielmehr aus Nachwuchs-Mangel. Und in einer solchen Lage stimme ich mit der Kirchenleitung darin überein, dass die Versorgung der Gemeinden vorgeht.
    Aber ich finde, wir sollten uns von einer solchen Entwicklung nicht entmutigen lassen, sondern nach Wegen suchen, wie wir unserer Verantwortung für die Verkündigung der Botschaft Christi vielleicht sogar besser gerecht werden können.
    Mein Traum wäre es, ein Curriculum für einen konfessions- und religionsübergreifenden Religionsunterricht zu entwickeln. Wäre das nicht schön, wenn die ganze Klasse gemeinsam – unabhängig vom Bekenntnis der jeweiligen Schülerinnen und Schüler – in Religion unterrichtet würde? Ist es undenkbar, dass in einem Jahr ein römisch-katholischer Kollege „dran“ ist, im nächsten Jahr dann ein Rabbi unterrichtet, der wiederumvon einem sunnitischen Imam abgelöst wird, der dann an den evangelischen Theologen abgibt, der seinerseits den Stab an einen schiitischen oder alevitischen Theologen übergibt? Und ein Jahr könnte den asiatischen Weltreligionen gewidmet werden. Die Kinder – die von den Gemeinden weiterhin konfessionsspezifisch im Konfirmandenunterricht bzw. vergleichbaren Angeboten der anderen Religionen und Konfessionen unterwiesen werden sollten – erfahren nicht nur etwas über ihren eigenen Glauben sondern auch über die Religion und Kultur ihrer Mitschüler. Vielleicht würden manche die Konfessionszugehörigkeit wechseln – aber wäre das nicht ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes, der uns mit einer Vielfalt von Traditionen beschenkt, in denen wir ihn anbeten und verehren können? Um wie viel besser ist ein Konfessionswechsel als ein Austritt! Ein solcher Religionsunterricht würde von jeder beteiligten Konfession einen deutlich geringeren Personalaufwand abverlangen. Die Einführung des muslimischen Religionsunterrichtes könnte schneller und im Einklang mit der Tradition religiöser Toleranz eingeführt werden. Ich bete dafür, dass wir gemeinsam mit den anderen Glaubensgemeinschaften einen solchen Weg beschreiten!

  • Wilfried Steller schrieb am 26. Juni 2012

    Sehr geehrter Herr App,

    ehrlich gesagt bin ich nach einer Reihe von Dienstjahren dem konfessionsübergreifenden (und erst recht dem religionsübergreifenden) Religionsunterricht (RU) weniger zugetan als noch am Anfang.

    Ich unterrichte in der Oberstufe eines Gymnasiums. Da kann ich mir „ökumenischen“ Unterricht nicht vorstellen, weil das weder Fisch noch Fleich wäre. Aber ich praktiziere einen evangelischen RU mit ökumenischer Öffnung in der Grundschule, weil es – wie Sie richtig sagen! – zu wenige Unterrichtende gibt, aber ich merke, dass ich in dieser Zwitterrolle für die katholischen Kinder (die gerade im Kommunion-Unterricht sind) nicht katholisch genug bin und für die evangelischen nicht evangelisch genug sein kann. Die Konfessionen haben jeweils ihren eigenen „Stallgeruch“ und ihr eigenes Denken, ihre eigenen Schwerpunkte, und im Religionsunterricht geht es m. E. darum, die Kinder und Jugendlichen in ihrer konfessionellen Identität (nicht: Borniertheit!) zu stärken, damit sie in ihre Kirche hineinwachsen und wissen, warum und wozu sie evangelisch, orthodox oder katholisch sind. Und nur ein Katholik kann erklären, wie „katholisch“ geht, und nur ein Protestant, wie „protestantisch“ geht. Man kann nämlich nicht alles zugleich sein, und wenn sich die Leute ein Scheibchen Katholizismus gönnen, eine Ecke Buddhismus auf den Teller legen und als Garnierung noch etwas Engel-Esoterik obenauf geben, taugt das ja vielleicht als Appetithappen. Aber ich bezweifle, dass eine Individualreligion, der die Gemeinschaft fehlt, die religiösen Bedürfnisse auf Dauer gut befriedigen und gesellschaftliche Relevanz besitzen kann. Denn Religion ist für mich absolut keine Privatsache, sondern eine Kraft, die politische Konsequenzen fordert.

    Dabei haben die unterschiedlichen Konfessionen und Religionen ihre ganz eigenen Schwächen und Stärken entwickelt. So wenig wir Menschen nur Stärken haben können, so wenig können wir eine Konfession oder Religion konstruieren, die alles „richtig“ macht. Denn unser Wissen und Können ist nur Stückwerk, und unsere Glaubensrichtungen spiegeln das. Gott jedenfalls ist mehr als alles zusammen, was jemals in dieser Hinsicht gedacht worden ist. Eine einzige Theologie, die alles „richtig“ sieht und macht, kann es daher gar nicht geben. Aber ich kann und muss mich entscheiden, welcher Weg für mich der richtige und gemäße ist – und weiß und kann respektieren, dass andere aus guten Gründen einen anderen Weg wählen.

    Sie merken, Herr App: Ich möchte keine Verschmelzung der Konfessionen zu einem christlichen Einheitsbrei. Ich halte die Konkurrenz und das vergleichende und mitunter auch beurteilende Nebeneinander der Konfessionen für hilfreich, weil ich dadurch, dass andere etwas anders sehen und praktizieren, meine eigene Konfessionalität immer wieder kritisch hinterfrage. Ich weiß dadurch, dass ich – ganz platt ausgedrückt – gegenüber den Katholiken zu viel Kopf und zu wenig Bauch habe und gegenüber den Orthodoxen vielleicht zu viel Kreuz und zu wenig Herrlichkeit Christi. Dennoch bin ich durch und durch Protestant und kann wohl auch nichts anderes sein. Und wenn ich RU gebe, kann ich ihn nur als Protestant überzeugt und überzeugend vermitteln. Denn es ist wichtig für Kinder und Jugendliche, dass sie die Unterrichtenden so erleben, dass sie das Unterrichtete auch selbst vertreten. Was ich gerade zu den Konfessionen sagte, gilt selbstverständlich noch mehr für die Religionen.

    Das schließt ein, Vertreter anderer Religionen im Unterricht zu Gast zu haben, damit Kinder und Jugendliche unterschiedliche religiöse Identitäten erleben und nicht nur tolerieren, sondern akzeptieren – und sei es nur als kritische Korrektive. Aber es bleibt dabei: Man muss sich eines Tages für (s)einen Weg entscheiden, und dabei geben wir im RU Hilfestellung.

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