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Von – 9. Juli 2012

Auf das Gute schauen

Wer immer nur auf das schaut, was schlecht läuft, bleibt unter den Möglichkeiten. Dankbarkeit für das Geschenkte und Aufmerksamkeit für die vorhandenen Schätze setzen Kreativität frei.

Petra Lehwalder ist Schulpfarrerin an der Berta-Jourdan-Berufsschule im Nordend. Foto: Ilona Surrey

„Ressourcenorientierung“ ist ein neues Konzept, nicht nur in der Pädagogik. Gemeint ist, dass man bewusst den Blick auf das lenkt, was an Möglichkeiten, an Fähigkeiten und Fertigkeiten da ist, und diesen Reichtum wahrnimmt. In einer Kindertagesstätte zum Beispiel kann das bedeuten, die vielen verschiedenen Nationalitäten, Kulturen, Religionen und Sprachen, die die Kinder mitbringen, als Chance zu sehen und nicht als Schwierigkeit oder Konfliktherd. „Ressourcenorientierung“ ist also eine Sichtweise, die die Schätze, die Gemeinschaften und Individuen in sich tragen, in den Blick nimmt und eben nicht die Defizite, die eine Gruppe oder ein einzelner Mensch aufweist.

Auch Jesus hat die Menschen, denen er begegnete, oft auf ihre vorhandenen „Ressourcen“ angesprochen. Davon erzählt zum Beispiel die Geschichte von der „Speisung der Fünftausend“, die in allen vier Evangelien zu finden ist. Sie handelt davon, dass sich eines Tages viele Menschen versammelt hatten, um Jesus predigen zu hören. Am Abend waren sie hungrig, und die Jünger fürchteten Unruhe. Sie sagten zu Jesus: „Der Tag ist fast vorüber. Lass die Menschen gehen, damit sie in die Höfe und Dörfer gehen und sich Brot kaufen.“

Merkwürdigerweise tut Jesus das aber nicht, sondern fordert die Jünger auf: „Gebt Ihr ihnen zu essen!“ Die Jünger weisen ihn darauf hin, dass nicht genug Essen für alle da ist: Sie haben nur fünf Brote und zwei Fische. Doch Jesus schaut auf zum Himmel, dankt Gott, und bricht das Brot. Und siehe da – alle fünftausend Menschen werden satt.

Ein einfacher Perspektivenwechsel kann manchmal „Wunder“ bewirken. Wenn man bewusst auf das schaut, was da ist, und mit dem arbeitet, was man hat, vermehrt es sich sozusagen auf „wunderbare“ Weise. Weil man nur dann wirklich aufmerksam ist für alle vorhandenen Ressourcen.

Allzu oft steht im Leben jedoch eher das im Fokus, was nicht gelingt, was schief geht – bei der Arbeit, in der Familie, in der Partnerschaft, in der Stadtpolitik. Menschen sind unzufrieden, weil sie nur allzu deutlich wahrnehmen, was ihnen fehlt, was nicht gut läuft, was in ihrem Leben, an ihrer Arbeitsstelle, in ihrer Partnerschaft schlechter ist im Vergleich mit anderen.

Oder Menschen verzweifeln an sich selbst, weil ihnen dies und jenes einfach nicht gelingen will. Sie schauen auf andere, auf andere Familien und Partnerschaften nebenan, und sind neidisch, weil dort scheinbar alles glatt verläuft: Die Kinder der anderen sind pflegeleicht und begabt, der Partner, die Partnerin liebevoll, charmant und allzeit hilfsbereit, der Freundeskreis größer und viel interessanter. Die anderen haben es einfach viel besser!

Auf diese Weise wird aber das eigene Leid nur noch vergrößert. In einem evangelischen Kirchenlied heißt es: „Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.“ Die Erfahrung zeigt: Wenn Menschen dankbar auf das schauen, was gelungen ist, was ihnen geschenkt wurde, statt unzufrieden zu sein mit dem, was sie nicht haben und nicht können – dann wird große Kreativität freigesetzt, dann entstehen neue Möglichkeiten.

Zwei Fische, fünf Brote: Bodenmosaik in der „Kirche der Brotvermehrung“ in Tabgha am See Genezareth, dem Ort, wo sich die Geschichte der Speisung der Fünftausend abgespielt haben soll. Foto: Graeusel/Wikimedia Commons

Natürlich geht es nicht darum, über Ungerechtigkeiten hinweg- zusehen oder sich die Verhältnisse schönzureden. Sondern es geht gerade darum, die Welt realistisch wahrzunehmen. Also die Gaben, Fähigkeiten und Ressourcen, die tatsächlich vorhanden sind, nicht klein zu machen, sondern zu aktivieren. Dazu gehört auch, wahrzunehmen, wo Menschen sind, auf die man sich verlassen und auf deren Hilfe man vertrauen kann. Und zu sehen, welche Kraft in einem selber steckt, weil man sich daran erinnert, welche Durststrecken man schon bewältigt hat.

Das ist nicht nur ein individueller Perspektivenwechsel, sondern auch eine politische Haltung: Auch zum Beispiel auf Frankfurt bezogen lässt sich auf das schauen, was hier gelingt, welche Projekte es schon gibt, die etwas verändern und das Zusammenleben verbessern. „Schaut, was da ist!“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 9. Juli 2012 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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