Soziale Netzwerke

Soziale Netzwerke

E-Mail

E-Mail

Über jeden neuen Beitrag informieren wir Sie mit einer Nachricht per Mail.

Aktuell

Von – 8. Oktober 2012

„Wir sind ein Teil des Problems, nicht der Lösung“

Was bedeutet die multireligiöse Gesellschaft für die großen christlichen Kirchen? Ein Gespräch mit Gabriele Scherle und Joachim Valentin. 5. und letzter Teil: Die Herausforderung des interreligiösen Dialogs für die Gemeinden.

Gabriele Scherle, Pröpstin für Rhein-Main, und Joachim Valentin, Leiter des Hauses am Dom, im Gespräch mit “Evangelisches Frankfurt”. Foto: Rolf Oeser

Im interreligiösen Dialog nehmen die christlichen Kirchen heute noch immer eine besonders zentrale Rolle ein.

Valentin: Wir stehen da noch am Anfang eines Prozesses. Es gibt auch einige, die die starke Rolle der Kirchen im interreligiösen Dialog in Frage stellen.

Scherle: Ja, das ist ein heikler Punkt. Aber das gehört ja auch zum Dialog, sich asymmetrischen Situationen zu stellen. Wir Christen sind nun einmal die Mehrheit. Ich muss ehrlich sagen, da machen mir die Debatten manchmal schon Mühe. Es ist ja nicht so, dass alle Religionen dieselbe gesellschaftliche Bedeutung hätten. Wir Christen stellen in Frankfurt fünfzig Prozent der Bevölkerung, deutschlandweit sogar sechzig Prozent.

Valentin: Es gibt Journalisten, die sind ganz erstaunt, wenn man ihnen sagt, dass es in Deutschland fünfzig Millionen Kirchenmitglieder gibt und nur vier Millionen Muslime. Die Medien haben den Menschen so lange einmassiert, dass der Islam hier angeblich die Vorherrschaft übernimmt und aus der Kirche alle austreten, dass da in vielen Köpfen völlig falsche Vorstellungen entstanden sind.

Scherle: Deshalb müssen wir darauf auch immer mal wieder hinweisen, das wird ja auch den anderen Religionen und ihrer gesellschaftlichen Situation nicht gerecht. Auch im Blick auf die Einwanderungsgesellschaft dürfen wir nicht vergessen, dass 65 Prozent der Einwanderer Christen sind und nicht Muslime.

Valentin: Ja, dreißig Prozent der Katholiken in Frankfurt sind eingewandert. Vierzig Prozent der Migranten im Rhein-Main-Gebiet sind katholisch, und nur zwanzig Prozent muslimisch.

Die Zusammenarbeit zwischen den traditionell deutschen christlichen Gemeinden und den Migrationsgemeinden funktioniert allerdings auch nicht immer reibungslos.

Scherle: Vor allem wir Evangelische müssen aufpassen, dass sich nicht vermeintlich einheimische und Migrantengemeinden auf Dauer gegenüberstehen. Während die eingewanderten Katholiken automatisch zur katholischen Kirche gehören, ist das bei den Protestanten ja nicht der Fall, sie gründen zunächst ihre eigenen Gemeinden. Da kommt eine sehr große Aufgabe auf uns zu. Denn auch unter den eingewanderten Christinnen und Christen gibt es neben anderen Formen der Frömmigkeit teilweise auch ein Fundamentalismusproblem.

Valentin: Zumindest neigen sie sehr zum Konservatismus, um es etwas vorsichtiger zu sagen. Das ist ein sehr dickes Brett, an dem wir hier bohren, und zwar von beiden Seiten. Es gibt einerseits Fremdenfeindlichkeit bei den deutschen Gemeinden, aber auch fehlende Bereitschaft bei den Migranten, sich auf die Logiken hier einzulassen. Wir Katholiken reden immer gerne von Weltkirche, aber wenn wir zum Beispiel eine Veranstaltung haben mit Necla Kelek, und da wird über den Islam hergezogen, dann sehe ich die Kirchenmitglieder und Pfarrgemeinderäte in der ersten Reihe sitzen und Beifall klatschen. Wir sind zurzeit ein Teil des Problems, nicht ein Teil der Lösung.

Scherle: Ja, genau. Und deshalb muss ich als Pröpstin daran mitwirken, dass die Menschen in den Gemeinden die Multireligiosität als etwas Positives sehen, zumindest aber nicht fürchten. Wichtig ist vor allem, dass sie sich dadurch nicht in ihrem Glauben destabilisiert fühlen, sondern eine eigene neue Identität in dieser Situation entwickeln.

Valentin: Das ist ein spannendes Thema, übrigens nicht nur für uns Christen, sondern für alle, die sich im interreligiösen Dialog engagieren: Wir, die wir daran beteiligt sind, machen die Erfahrung, dass wir Neues wahrnehmen, inspiriert werden, etwas lernen, wir merken: die anderen sind ja gar nicht so schlimm, wie wir dachten. Aber alle haben wir dann das Problem, diese Erfahrung in unsere Communities hineinzutragen. Das ist eine der großen kommenden Aufgaben: Begegnungen in den Gemeinden vor Ort zu organisieren.

Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5Gesamtes Interview

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 8. Oktober 2012 in der Rubrik Gott & Glauben, Menschen, erschienen in der Ausgabe .

Artikel teilen: E-Mail Facebook Twitter Google+

Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

Meistgelesene Artikel

Kommentar schreiben

Mit * markierte Felder müssen ausgefüllt werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, Kommentare werden vor der Veröffentlichung freigeschaltet.