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Von – 30. Dezember 2012

Liturgie und Lieder werden „gebärdet“

„Spiritualität ist nicht abhängig von der Lautsprache. Sie lässt sich auch in der Gebärdensprache erleben“, sagt Pfarrer Gerhard Wegner von der Frankfurter Gehörlosengemeinde.

Im Gottesdienst der Gehörlosengemeinde sind Arme, Hände und Augen gefragt. „Spiritualität ist nicht abhängig von der Lautsprache“, sagt Pfarrer Gerhard Wegner. Foto: Ilona Surrey

Ein schmuckloses Gebäude in der Rothschildallee 16a ist die Heimat der evangelischen Gehörlosengemeinde in Frankfurt. Das mehrstöckige Haus gehört der Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige und ist zu einem Zentrum für die Gehörlosenarbeit geworden.

Dort im zweiten Stock ist das Gemeindebüro, wo Pfarrer Gerhard Wegner die Gemeindemitglieder willkommen heißt. Eine eigene Kirche hat die Gehörlosengemeinde nicht. So werden die Gottesdienste, wenn möglich, in der benachbarten Lutherkirche abgehalten. Oder die nüchterne Caféteria im Erdgeschoss des Gehörlosenzentrums wird zum Sakralraum: Ein Tisch mit Kerzenleuchten wird aufgestellt, um Atmosphäre zu schaffen. Die Gemeindemitglieder sitzen im Kreis, das Gesicht aufmerksam dem Pfarrer zugewandt. Ihre Augen verfolgen seine Mimik und die fließenden Gebärden. Wegner spricht das Vater Unser nicht in der Lautsprache, und es werden auch keine Lieder gesungen. Dennoch verstehen alle die Predigt, denn er kommuniziert das Wort Gottes in Gebärdensprache.

Gehörlose sind stolz auf ihre Sprache

„Spiritualität ist nicht abhängig von der Lautsprache. Sie lässt sich auch in der Gebärdensprache erleben“, sagt Wegner. Im Anschluss sitzen die Gemeindemitglieder an der Kaffeetafel zusammen. Sie unterhalten sich, die Stimmung ist heiter und entspannt. „Gehörlose sind stolz auf ihre Sprache und Kultur. Sie schafft Verständigung und Gemeinsamkeit, auch wenn sie in der Schule das Ablesen von den Lippen und das Sprechen gelernt haben“, so Wegner.

Die alltägliche Kommunikation mit Hörenden sei für Gehörlose oft anstrengend und schwierig. Sie müssten alles von den Lippen ablesen und könnten längst nicht alle Laute eindeutig erkennen. „Hier fühlen wir uns wohl und können uns verständigen“, sagt deswegen Kirchenvorstandsmitglied Tanya Haschke-Salerno, die von Geburt an gehörlos ist. Sie hat an diesem Tag ihre hörende Tochter mitgebracht, die beide Sprachen kann: Lautsprache und Gebärdensprache.

Gemeindemitglieder aus Groß Gerau oder Bad Nauheim

Auch die Gemeindesekretärin, die seit ihrem Ruhestand ehrenamtlich aushilft, kann gebärden und übersetzen. Doch weil die hörende und sprechende Mehrheitsgesellschaft in der Regel die Gebärdensprache nicht versteht, bleibt dort die Kommunikation eingeschränkt. Umso wichtiger ist die Gemeinschaft in der Gehörlosengemeinde. Dafür nehmen viele Mitglieder weite Wege in Kauf, kommen aus Hanau und Offenbach, aus Groß-Gerau, Bad Nauheim und aus dem Taunus. Gut angenommen wird auch der Altenclub, zu dem an jedem Donnerstag bis zu fünfzig Besucherinnen und Besucher in die Rothschildallee kommen.

Die Frankfurter Gehörlosengemeinde wurde vor dreißig Jahren als eigenständige Gemeinde mit allen Rechten und Pflichten gegründet und zählt heute etwa hundert Mitglieder. Gebärdensprachlich orientierte Seelsorge, Verkündigung, Diakonie und Bildungsarbeit ist ihr Auftrag. In der Gemeinschaft der Gehörlosen vertritt sie die Interessen der evangelischen Kirche. In Frankfurt können Kirchenmitglieder wählen, ob sie sich in die Gehörlosengemeinde ummelden oder Mitglied ihrer Wohnsitzgemeinde bleiben. Ein Wermutstropfen bleibt allein, dass es für die Gemeinde keinen eigenen Kirchraum gibt. Doch damit hat sich die Gemeinde abgefunden, und so legt Kirchenvorstandsmitglied Haschke-Salerno die Hand aufs Herz und gebärdet: „Hauptsache Gott ist dabei.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 30. Dezember 2012 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe , .

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