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Von – 21. März 2013

Platz und Zeit zum Trauern schaffen

Rituale, Toben, Gespräche führen: Die Initiative „Lacrima“ hilft Kindern, die einen nahen Angehörigen verloren haben, den Verlust zu verarbeiten.

Melanie Hinze und Puppe „Karlchen“ am Ritualkreis von „Lacrima“. Foto: Ilona Surrey

Melanie Hinze und Puppe „Karlchen“ am Ritualkreis von „Lacrima“. Foto: Ilona Surrey

„Ich bin Stephanie.“ – „Du bist Stephanie“, wiederholen die Kinder, die mit mir im Kreis sitzen. „Und ich zünde meine Kerze für meinen Vater an, der vor sieben Jahren gestorben ist.“ Ich zünde das Teelicht an und stelle es auf das blaue Tuch in der Mitte. „Wie hieß dein Vater?“ fragt die 25 Jahre alte Anja Schmidt, eine Erzieherin, die die Gruppe heute ehrenamtlich leitet. „Helmuth“, antworte ich und schlage auf die Klangschale. Der Ton füllt den Raum. „Wir denken an Helmuth“, sagt Anja. Stille.

Die Gruppe „Lacrima“ für Kinder zwischen vier und zwölf Jahren, denen ein naher Angehöriger gestorben ist, trifft sich alle vierzehn Tage und wird von der Johanniter Unfall-Hilfe finanziert. Die Kindertrauerbegleiterin Melanie Hinze, die eine Gruppe in Frankfurt und eine in Bad Nauheim leitet, hat mich, die Journalistin, gebeten, das Anfangsritual mitzumachen. Ich finde das gerecht. Wenn die Kinder von ihrer Trauer erzählen, kann ich auch etwas von mir preisgeben. Obwohl das gar nicht so einfach ist. Bevor die Reihe an mir ist, bin ich ein wenig aufgeregt. Aber nachdem ich von meinem Vater erzählt habe und alle mit mir geschwiegen haben, fühle ich mich in der Gruppe aufgehoben und irgendwie auch getröstet.

Nach mir ist Lukas* dran. Er ist zwölf und heute zum ersten Mal da. Vor zwei Monaten ist seine Mutter an Krebs gestorben. „Ich will das jetzt nicht machen“, sagt er, als ich ihm das Feuerzeug reiche. Ich kann seine Abwehr gut verstehen. Auch seine kleine Schwester schüttelt den Kopf. Aber der mittlere Bruder, zehn Jahre alt, traut sich. Er sagt, seine Mutter heißt Christina, im Präsens, obwohl sie doch gar nicht mehr lebt. Wir schweigen mit ihm.

Nachdem alle Kinder ihre Kerze angezündet haben, werden so genannte „Smarties-Karten“ gezogen – bunte Karten, auf denen eine Frage steht. Zum Beispiel: „Was würdest Du dir wünschen, wenn du drei Wünsche frei hättest?“ – „Einen Bagger, einen Kran und ein ferngesteuertes Boot“, sagt Julius. Er ist vier und heute auch zum ersten Mal da. Einige Kinder kichern.

„Ha“, ruft Max. „Ich weiß, was ich mir wünschen würde: Dass meine Mutter noch lebt. Und dass ich die Fähigkeiten von Gott hätte.“ „Ja“, sagt Anja und schaut ihn an. „Das ist ein schöner Wunsch.“ Sie hört genau zu und strahlt Ruhe aus. Später erzählt sie mir, dass Max, der jetzt elf ist, jede Nacht bei seinem Vater schläft, seit seine Mutter sich vor zwei Jahren umgebracht hat. Wie das passiert ist, muss er aber nicht mehr unbedingt heraussprudeln. „Er kann seine Trauer kontrollieren“, sagt Melanie Hinze später. „Er ist schon sehr weit gekommen.“

„Vor was hast Du Angst?“ liest Kevin von seiner Karte ab. „Vor gar nichts!“ ruft er dann laut. „Das kommt schon noch“, erklärt Renate Barhan später. Die medizinische Dokumentarin begleitet die Gruppe ebenfalls ehrenamtlich. Sie hat ihre Zwillingsschwester verloren, als sie zwei war, und noch als Erwachsene darunter gelitten, dass in ihrer Familie nie darüber gesprochen wurde. „Kinder wollen im Grunde über den Verlust reden“, sagt sie. „Aber ihre Freunde in der Schule können nicht nachvollziehen, wie es ihnen geht, und in der Familie ist die Hilflosigkeit oft groß, wenn ein Angehöriger stirbt. Hier bei Lacrima setzen wir Trauerimpulse. Bereits auf dem Nachhauseweg stellen sie dann oft weitere Fragen. Wenn die Kommunikation in der Familie in Gang kommt, ist viel gewonnen.“

„Man kann den Tod ja nicht ungeschehen machen“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Rave. „Es ist aber sehr wichtig, dass man ihn einordnen kann, damit der Tote nicht lebendiger wird als die Lebenden. Deshalb müssen Kinder, wie Erwachsene auch, ihre Gefühle ausdrücken – nicht unbedingt nur über Sprache.“

Nach dem Anfangsritual wechseln die Kinder den Ort. Sie laufen die Treppe hoch in die Krea-tivwerkstatt. Heute dürfen sie „Schmunzelsteine“ bemalen, die sie im Alltag an etwas Heiteres erinnern sollen. „Was war die Lieblingsfarbe deiner Mutter?“ fragt Renate. „Viele Farben“, antwortet Lukas ernst. Anja spürt die Unruhe der Kinder. Vor dem Abschlussritual dürfen sie deshalb noch im Keller toben und auf einen Punchingball einschlagen oder treten. Fast alle machen mit. „Zur Trauer gehört oft auch Wut darüber, dass einen der Tote so plötzlich allein gelassen hat“, erklärt die Erzieherin. Die können die Kinder hier ausleben. „Es kann auch helfen, zum Grab zu fahren und es anzuschreien. Den Rat habe ich einem Vater auch schon mal gegeben, dessen Tochter sehr verschlossen ist.“

„In manchen Fällen kann auch eine Einzeltherapie sinnvoll sein“, sagt Rave. „Aber eine Gruppe wie Lacrima ist im Prinzip sehr wertvoll. Da können die Kinder erleben, dass es anderen auch so geht wie ihnen, und sie erfahren Mitgefühl und Fürsorge.“ Während die Kinder reden, basteln und toben, unterhalten sich die Eltern in einem Nebenraum. „Das war heute sehr gut“, erzählt Melanie Hinze später. „Ein Vater hat erzählt, wie er mit seinem jüngsten Sohn umgeht, der den Tod der Mutter scheinbar leichter nimmt als die älteren Geschwister. Das war für die „Neuen“ sehr interessant. Und irgendwann ist es dann geschafft: Der Verstorbene hat einen Platz, und Freundinnen treffen oder Fußballspielen gewinnt wieder mehr Bedeutung.“

In der Kindergruppe beginnt jetzt das Abschlussritual: Wieder sitzen wir im Kreis. Diesmal zieht jeder eine Engelkarte. „Mein Engel spricht: Du hast keine Schuld, wenn die Erwachsenen schlechte Laune haben“, liest Sophie. Sie sieht nachdenklich aus. „Das ist eine Superkarte“, ruft Max. „Die hatte ich auch schonmal.“

Auch meine Karte gefällt mir. Die Gruppe wiederholt und bekräftigt, was ich vorgelesen habe: „Dein Engel spricht: Du bist dankbar für alles Gute in deinem Leben.“ Stimmt. Und diese Gruppe, in der Kinder Platz und Zeit zum Trauern haben, gehört ab sofort dazu.

Kontakt: Lacrima Rhein-Main, Melanie Hinze, Telefon 069 366006700. *Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 21. März 2013 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe , .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Verena Fischer schrieb am 19. März 2013

    Finde ich gut. Kinder reagieren in unterschiedlichem Alter verschieden. Bis neun Jahre ungefähr, sind sie mal in Trauer, und darauf grade wieder im Spiel. Sie leben sehr in der Gegenwart. Und es gibt für kleinere Kinder nicht diese Unterscheidung vom hier und vom dort. Verstorbene scheinen nur schlafen gegangen zu sein . – Ab der Pubertät kann es Probleme geben. Die Endlichkeit des Lebens hier auf Erden wird wahrgenommen. Das kann zusätzlich einsam machen, wo Teenager so schon mehr und mehr erleben, wahrnehmen, dass sie alleine sind.

    Im Buch von Hannah Lotroph werden die verschieden Trauerphasen beschrieben und auch dass Kinder in verschiedenem Alter verschieden trauern. Man hat nicht seine Trauer besser im Griff, wenn es nicht mehr so heraussprudelt aus einem. Verdrängte Trauer macht auf vielfältige Weise krank. Und ausserdem gibt es einfach sehr offene Typen, aus denen immer alles heraussprudelt. Ich bin auch so. Mein
    Trauerarsenal ist sehr gross. Trotzdem ich gerne darüber erzähle, um anderen zu helfen, beispielsweise, gibt es auch immer noch Wutgefühle auf ehemalige Lehrer meiner noch lebenden Kinder.
    Und das , obwohl ich das christliche Sein sehr lebe und ich sie verstehe, als Menschen in ihrer Schwachheit. Und es gibt wohl keinen Weg hinaus, ausser vielleicht ein Buch zu schreiben. Aber das ist aus verschiedenen Gründen sehr schwierig. So bleibt noch, diese Wut Gott hinzutragen, immer wieder.
    Viele Grüsse – Verena

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