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Von – 19. Mai 2013

Geplatzte Träume

Die große Zahl an Zuwanderern aus Osteuropa bringt Hilfseinrichtungen wie den Frankfurter Obdachlosen-Tagestreff Weser 5 an ihre Grenzen.

Die Frankfurter Einrichtungen für obdachlose Menschen – hier die Winterspeisung in der Weißfrauen Diakoniekirche im Bahnhofsviertel – spüren den Anstieg der Hilfesuchenden. Im Tagestreff Weißfrauen kommen bereits gut zwei Drittel der Besucher aus Bulgarien oder Rumänien. Die bestehenden Hilfseinrichtungen reichen längst nicht mehr aus. Foto: Rolf Oeser

Die Frankfurter Einrichtungen für obdachlose Menschen – hier die Winterspeisung in der Weißfrauen Diakoniekirche im Bahnhofsviertel – spüren den Anstieg der Hilfesuchenden. Im Tagestreff Weißfrauen kommen bereits gut zwei Drittel der Besucher aus Bulgarien oder Rumänien. Die bestehenden Hilfseinrichtungen reichen längst nicht mehr aus. Foto: Rolf Oeser

Die bulgarische Stadt Razgrad hat 38 000 Einwohnerinnen und Einwohner und ist vor allem für ihre jährliche Joghurt-Messe bekannt. Vor fünf Jahren ist ein Mann in Razgrad in einen Bus gestiegen und anderthalb Tage lang erst über Landstraßen und dann über Autobahnen gefahren. Verschlafen und zerknautscht kam er an einem frühen Märzmorgen in einer großen Stadt an, in der es viele Messen gibt, allerdings keine für Joghurt: in Frankfurt am Main, wo sich der Frühling wie Herbst anfühlen kann.

Ganz anders als in der Heimat des Mannes. Dort ist es leicht hügelig, ziemlich grün, im Sommer sengend heiß, im Winter klirrend kalt, Schmuddelwetter ist nahezu unbekannt: Die Donautiefebene im Norden Bulgariens, in der Razgrad liegt, gilt als landschaftlich idyllisch – und bettelarm.

Der Mann hat in fünf Jahren gut Deutsch gelernt, es hat ihm nichts genützt. Er, der in Razgrad als Koch in Restaurants gearbeitet hat, steht in Frankfurt jeden Mittag in einer Essensschlange und holt sich einen gut gefüllten Teller ab. Nur kurz hatte er mal Arbeit in einer Marmeladenfabrik im Odenwald. Nasko heißt der Mann, 53 Jahre ist er alt, seinen Nachnamen möchte er nicht nennen.

Nahrungsaufnahme, Körperpflege, Internet

Der breitschultrige Familienvater, dessen zwei Kinder längst ihre eigenen Wege gehen zu Hause an der Donau, ist Stammgast im Obdachlosen-Tagestreff Weser 5. Müde Augen, verwaschene Jeansjacke, schwarze Baseballmütze, frisch rasiertes Kinn, Duschgelgeruch: Wer einen Stuhl neben seinen rückt, ahnt, dass die Einrichtung des Diakonischen Werks der Dreh- und Angelpunkt seines Frankfurter Lebens ist. „Hier kann ich essen, mich waschen, meine Mails checken“, sagt er.

Nahrungsaufnahme, Körperpflege, Internet: Grundbedürfnisse des modernen Europäers. Nasko ist nicht nur Europäer, sondern Bürger der Europäischen Union. Genauso wie Rumänien ist sein südosteuropäisches Heimatland 2007 der EU beigetreten. Ein Staatsakt, der dafür gesorgt hat, dass sich der Arbeitsalltag von Renate Lutz grundlegend verändert hat. Lutz leitet das Weser 5 Diakoniezentrum und weiß nicht, wie sie Menschen wie Nasko helfen soll. Ob sie das überhaupt kann. Vieles spricht dafür, dass die Antwort lautet: Nein.

„Wir sind als Tagesanlaufstelle innerhalb des Diakoniezentrums für Menschen ohne festen Wohnsitz gedacht, die wir dabei begleiten, wieder Fuß zu fassen. Doch bei den Rumänen und Bulgaren fehlt uns die Rechtsgrundlage, um wirklich helfen zu können.“

Siebzig bis achtzig Prozent kommen aus Osteuropa

Siebzig bis achtzig Prozent der Besucher im Erdgeschossraum des Tagestreffs an der Weserstraße im Bahnhofsviertel seien mittlerweile Mittellose aus diesen Ländern, sagt Lutz. „Es findet auch eine Verdrängung statt. Viele unserer alten Stammbesucher bleiben weg. Wohnsitzlose sind häufig Einzelgänger, die Neuen treten aber meist in großen, lauten Gruppen auf.“ Renate Lutz glaubt, dass die Adresse Weserstraße 5 in rumänischen und bulgarischen Städten kursiert. In Sofia und Bukarest, Timisoara und Razgrad.

Nach dem Andrang um die Mittagszeit ist es eher ruhig in der Weserstraße. Fast alle Besucher sind Männer. Sie spielen konzentriert Schach oder warten ungeduldig auf einen freien Computer. Sie starren ins Leere oder unterhalten sich leise. Sie haben sich mit Schlafsäcken in den hinteren Teil des Raumes zurückgezogen oder halten lange einen Pappbecher mit Kaffee in der Hand. „Das, was wir hier machen können, ist eine reine Notversorgung“, sagt Renate Lutz. „Das hat mit unserer eigentlichen Arbeit nichts mehr zu tun. Aber was bleibt uns anderes übrig? Wir können die Leute doch nicht wegschicken.“

Nasko will nicht reich sein. Bloß nicht mehr arm

Menschen wie Nasko haben Träume, und ja, sie sind häufig unrealistisch. Und dabei so bescheiden, eigentlich. Nasko möchte in einer Küche arbeiten. Geld zur Seite legen. Zurückgehen, irgendwann. In Razgrad nicht mehr arm sein. Er will nicht reich sein. Bloß nicht mehr arm.

Ein Kaffeebecher kippt um, eine Mitarbeiterin eilt mit einem Lappen herbei. Es ist sauber hier, funktional und durchdacht – die Rückzugsmöglichkeiten sind zahlreich. Nicht nur Hilfseinrichtungen wie Weser 5 schlagen Alarm. Auch die Kommunen haben das Problem erkannt. In Dortmund, Berlin oder Köln sind die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter genauso ratlos wie in Frankfurt.

„Manchmal haben wir mittags 230 Besucher, Platz ist aber nur für 70“, sagt Renate Lutz. „Wir müssen dem in irgendeiner Form begegnen. Wir haben aber noch keine Lösung gefunden.“ Auch nicht für Nasko, der gerne als Koch arbeiten will – und doch Tag für Tag wieder in der Essensschlange steht.

Hintergrund: Armut treibt Menschen nach Deutschland

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 19. Mai 2013 in der Rubrik Lebenslagen, Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de.

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