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Von – 29. Dezember 2013

Liebe, Homosexualität und die Bibel

Vorbehalte gegenüber homosexuellen Lebensformen kleiden sich oft in christliche Argumentationen. Dabei beruft man sich auf Bibelstellen, die als Ablehnung gelebter Homosexualität verstanden werden. Doch ein solches Bibelverständnis widerspricht der lutherischen Tradition.

Wilfried Steller ist Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim und Mitglied in der Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“. Foto: Rolf Oeser

Manche Gemeinden und Kirchen pflegen ein wortwörtliches Verständnis der Heiligen Schrift. Bei anderen gilt die bisherige Auslegungstradition als wegweisend und damit eben auch die gesellschaftliche Ächtung der Homosexualität in der Vergangenheit.

Nach evangelischer Tradition ist hingegen allein der Text der Bibel selbst maßgeblich. Da es sich dabei um eine Sammlung ganz unterschiedlicher Glaubenszeugnisse handelt, ergeben sich zwangsläufig Ungereimtheiten und Widersprüche. Auf sie wird das lutherische Prinzip angewendet: „Was Christum treibet”. Gültig ist also jeweils das, was sich in Übereinstimmung mit der Botschaft Jesu befindet.

Charakteristisch für Jesus ist nun zweifelsfrei, dass er den Willen Gottes im so genannten Doppelgebot der Liebe („Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst”) zusammenfasst. Jesus holt alle Menschen, auch die am Rand der Gesellschaft, bewusst in die Gemeinschaft Gottes hinein und hebt mit dem unbedingten Liebesgebot überkommene Einschränkungen auf. Schon alleine deshalb gibt es keinen Grund, Liebenden die Segnung ihrer Beziehung vorzuenthalten oder ihre Liebe gar als Sünde zu brandmarken. Alle Menschen scheitern am Liebesgebot und werden also sündig. Darüber zu richten kommt Gott zu, nicht den Menschen.

Auch die Ansicht, Gott verlange von einer Ehe Kinder, hält einem genaueren Blick nicht stand. Mit den Worten „seid fruchtbar und mehret euch” (1. Mose 1,28) verleiht Gott lediglich die prinzipielle Fähigkeit zur Reproduktion. Auch die Unfruchtbarkeit eines heterosexuellen Ehepartners stellt vor Gott ja keinen Makel und kein Hindernis für eine Trauung dar.

Bei genauerem Hinsehen relativiert sich auch die Bedeutung der wenigen biblischen Belege, die konkret gegen Homosexualität in Anspruch genommen werden. In 1. Mose 19,5 geht es um Erniedrigung und Vergewaltigung, nicht um eine Liebesbeziehung. Die Belege 3. Mose 18,22-25 und 20,13 stammen aus dem so genannten „Heiligkeitsgesetz“, das auch ausführliche Speisevorschriften enthält und den Umgang mit Sklaven regelt. Aber niemand wird sich wohl heute auf Gottes Willen berufen, um Sklaven einzukaufen (3. Mose 25,44) oder um jemanden wegen Gotteslästerung zu steinigen (3. Mose 24,10ff).

Will man die Bibel wirklich wortwörtlich verstehen, so müsste man auch fragen, warum nicht auch der Genuss von Blutwurst als Sünde gilt (Apostelgeschichte 15,20). Wer einzelne Beispiele für eine nicht gottgewollte Lebensweise demonstrativ herauspflückt und andere gar nicht zur Kenntnis nimmt, setzt sich dem Verdacht aus, sich nicht wirklich an der Bibel orientieren zu wollen, sondern dort nur nach Argumenten für die eigene vorgefasste Meinung zu suchen.

Schwerer wiegt auf den ersten Blick, wenn Paulus Homosexualität als Sünde benennt (Römer 1,27). Er zählt sie freilich in einer langen Reihe von Erscheinungsformen der Abgewandtheit von Gott auf – auch Habgier, List und Ungehorsam gegen Eltern gehören dazu. Wenn wirklich nur völlig sündlose Menschen Gottes Segen erbitten dürften, dann würde es überhaupt keine christlichen Eheschließungen geben.

Hinzu kommt, dass auch Paulus ein Kind seiner Zeit ist. So hält er es (1. Korinther 11,14) für eine Schande, wenn ein Mann lange Haare trägt, und ist der Ansicht, dass Frauen in der Gemeindeversammlung schweigen sollen (1. Korinther 14,34). Auch ein Apostel sagt eben manchmal Dinge, die eine geringe Halbwertszeit haben.

Nicht die Homosexualität als solche ist eine schuldhafte Verirrung, sondern der unverantwortliche Umgang mit Sexualität. Dies zeigen zwei weitere Bibelstellen, die ebenfalls gerne herangezogen werden: In 1. Korinther 6,9 und 1. Timotheus 1,10, zwei kurzen „Lasterkatalogen“, ist das Augenmerk aber eher auf Beziehungen mit Minderjährigen beziehungsweise Prostituierten gerichtet und gerade nicht auf gleichgestellte Partner, die sich freiwillig und auf Augenhöhe aneinander binden. Lieblosigkeit ist das Kriterium für eine nicht gottgewollte Lebensweise. Und die kann sich in eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft ebenso einschleichen wie in jede andere.

Die hessen-nassauische Landeskirche spiegelt in ihrer Akzeptanz homosexueller Paare das schrankenlose Liebesgebot Jesu. Ich fände es richtig, wenn das eine breite Signalwirkung hätte und dazu führte, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften nicht nur kopfschüttelnd zu dulden, sondern als eine von Gott gesegnete Spielart der Liebe anzuerkennen und zu begrüßen – nicht zuletzt im Pfarrhaus.

Im Entwurf einer neuen Lebensordnung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) stehen die Trauung und die Segnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften auf einer Ebene. Allerdings nur fast. Denn auch wenn der Ablauf gleich ist, so bleibt die Bezeichnung „Trauung” doch allein Mann-Frau-Paaren vorbehalten. Und einzelne Kirchenvorstände, Pfarrerinnen und Pfarrer dürfen die Segnung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften für sich ablehnen.

Hintergrund ist die Tatsache, dass in Teilen der EKHN selbst ebenso wie in manchen protestantischen Kirchen und erst recht in großen Teilen der weltweiten christlichen Ökumene Homosexualität als Sünde gilt. Mit diesen Gruppen will man weiter im Gespräch bleiben.

Dieser Text erschien ursprünglich im April 2013.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 29. Dezember 2013 in der Rubrik Ethik, Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Wilfried Steller ist Mitglied in der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Dani Marie Brück schrieb am 6. Januar 2014

    Vielen Dank, dass endlich mal jemand auf den Kern unseres Glaubens zu sprechen kommt. Ich finde es schade, dass manche bis heute schon am ersten Kapitel der Heiligen Schrift scheitern, dem Verbot vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen.. wir sollen liebevoll und kreativ diese Welt bereichern. Unsere Aufgabe ist es ausdrücklich nicht, zu richten. Ich finde, jeder ernsthafte Christ dürfte das guten Gewissens unserem Herrn überlassen und sich dem Lieben dieser Welt und der fehlbaren Menschen in ihr widmen. Liebe Grüße und bleiben Sie bewahrt, Ihre Dani M. Brück

  • Kitschautorin schrieb am 6. Januar 2014

    Vielen Dank für diesen Text. Er ist wirklich gut. Ich hoffe, es begreifen irgendwann noch mehr Menschen, dass Christentum und Homosexualität sich nicht widersprechen müssen.

  • Darius Gevelhoff schrieb am 7. Januar 2014

    Bei Jesu Gebot, einander zu lieben geht es nicht (!!!) um die Partnerschaftliche Liebe, sondern den anderen in seinen Eigenschaften so anzunehmen und zu respektieren, wie er ist und ihn zu ehren, zu achten und zu lieben. Egal, ob er Jude, Christ, Heide, Moslem, Homo, Kranker, Behinderter oder Kapitalist ist. Jesus setzt sich für Schwache und am Rand stehende ein (siehe die Frau am Jakobsbrunnen) jedoch heißt er nicht gut, was sie getan hat. Sie weiß sehr genau, was in ihrem bisherigen Leben nicht passend war. Die Tatsache, dass Jesus nicht nochmal in diese Wunde hineinsticht, heißt doch aber nicht, dass er es gut heißt. Die Bibel stellt unmissverständlich heraus, dass neues Leben ausschließlich aus der Verbundenheit (also Partnerschaft, Ehe) zwischen Mann und Frau entstehen kann, anders ist es biologisch nicht möglich. Und das ist von Gott geschaffen.

    Wenn ich als Jünger Jesu (sind Christen Jünger Jesu?) lebe ist es mein Ziel, Jesus ähnlicher zu werden. Ich werde dieses Ziel nie vollends erreichen, jedoch ist dies mein oberstes Ziel. Dann zu sagen, ich kann niemals ohne Habgier und Eifersucht leben, also ist das mit der Homosexualität auch sehr moderat zu sehen, dann kann ich gleich alles sein lassen. Ich denke, dass es als Nachfolger Jesu mein Ziel sein sollte, Jesus immer ähnlicher zu sein. Und die Bibel befürwortet hier sehr eindeutig die Partnerschaft zwischen Mann und Frau.

    Sehr wohl betone ich, dass ich an keiner Stelle Menschen verurteile, die sich als Homosexuelle (oder was auch sonst im Leben) „outen“. Es ist meine Aufgaben und mein Ziel, sie als Menschen in exakt ihrer Art zu ehren und zu lieben – so wie Jesus es auch getan hat.

  • Martin Albrecht schrieb am 14. Februar 2014

    Ich stimme Darius Gevelhoff zu – nur in einem hat er die Sache nicht ganz getroffen: Jesus setzt sich für Schwache und am Rand stehende ein – das trifft hier nicht, da Homosexuelle alles andere als am Rand stehende sind und auch nicht schwach (außer in gewissen Vorurteilen, die ich ablehne).
    Homosexuelle gehören heute z. B. im Marketing zu wichtigen Zielgruppen, da gebildet, gut verdienend und in guten Positionen.
    Im Übrigen studiere man zum Thema Genesis 1: Gott schafft den Menschen als Mann und Frau.

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