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Von – 13. Januar 2014

Kochen, lernen, warten

In der Gutleutkirche haben sich die 22 Lampedusa-Flüchtlinge so etwas wie Alltag geschaffen. Von langer Dauer wird er nicht sein.

Sie lernen Deutsch und hoffen, dass sie es irgendwann auch brauchen können. Wie es im Frühjahr mit den Flüchtlingen in der Gutleutkirche weitergeht, ist immer noch ungewiss. Foto: Rolf Oeser

Sie lernen Deutsch und hoffen, dass sie es irgendwann auch brauchen können. Wie es im Frühjahr mit den Flüchtlingen in der Gutleutkirche weitergeht, ist immer noch ungewiss. Foto: Rolf Oeser

Der Autolärm vom Baseler Platz ist auf einmal weit weg, das Zischen der Straßenbahn erstirbt, das Klappern der Kisten, wenn die Schnellimbisse beliefert werden, bleibt draußen im schmalen Streifen Frankfurt zwischen Hauptbahnhof und Main.

Wenn die schwere Tür der Gutleutkirche zufällt, ist die Stadt ausgesperrt. An diesem Morgen um 10 Uhr ist es hier ganz still. Niemand ist zu sehen. Doch dann hebt sich eine großkarierte Wolldecke in Brauntönen, eine provisorische Tür zwischen zwei Sperrholzplatten. Ein Mann um die 30 tritt auf den terracottafarbenen Linoleumboden hinaus, über dem linken Arm ein Handtuch, in der rechten Hand eine Zahnbürste. Er grinst, freundlich, nicht im mindesten überrascht oder verärgert, dass fremde Menschen da sind und sich neugierig umschauen. „Hi, ich heiße Eric“, sagt der Mann auf Englisch, „ich putze mir nur kurz die Zähne, dann komme ich“.

Lebensgeschichten schon in viele Mikrofone erzählt

Die 22 Lampedusa-Flüchtlinge, oft nur noch „die 22“ genannt, die im November in der Gemeinde Cantate Domino in der Römerstadt Quartier gefunden hatten und kurz darauf in die Gutleutkirche umzogen, sind längst so etwas wie öffentliche Personen in Frankfurt. Bekannt und beliebt. Sie heißen Eric, Ola, Idriss oder Oliver, sie haben ihre Lebensgeschichten vor Radiomikrofonen, Fernsehkameras und Konfirmandengruppen erzählt, die Männer aus Ghana, Nigeria, Niger, Mali, Gambia, aus Togo, Libyen und von der Elfenbeinküste haben Journalisten geduldig ihre Vor- und Nachnamen in die Blöcke geschrieben, haben mit ehrenamtlichen Helferrinnen und Helfern, Pfarrerinnen und Pfarrern über ihre in den Heimatländern zurückgelassenen Familien gesprochen und über ihre Berufsbiografien als Bauarbeiter, Bauern, Schweißer, Dachdecker und Computerfachleute.

Anfang Januar haben sie sogar Oberbürgermeister Peter Feldmann empfangen. An den Wänden stehen die ersten Worte und Sätze aus dem täglichen Deutschunterricht geschrieben. „Wo bist Du?“ „Ich lebe in Frankfurt.“ In der Ecke neben der schweren Tür zur Gutleutstraße steht eine Kiste mit Kartoffeln, eine der vielen Spenden, die immer noch täglich hier eintreffen. In der Küche, die eigentlich nur aus einer Herdplatte und einem Waschbecken besteht, bereiten die Männer ihre Mahlzeiten zu, wenn sie nicht in der Kaffeestube der Hoffnungsgemeinde zu Mittag essen. Längst ist so etwas wie Alltag in den entwidmeten Kirchenbau eingekehrt, es ist ein besonderer Alltag, ein Alltag auf Zeit. Doch es ist ein Alltag, ein Leben mit seinen Verrichtungen, in Wärme und Sicherheit.

Kaum fassbares humanitäres Drama

Eric, der mit vollem Namen Eric Peter Okuwte heißt, der 30 Jahre alt und Mechaniker ist, der aus Nigeria stammt, aber 2011 in der libyschen Hafenstadt Sansou ein sehr altes Boot nach Lampedusa bestiegen hat, ist mit Zähneputzen fertig. Eric ist einer von vielen tausend armen Menschen aus Afrika, die jährlich an den Küsten der italienischen Mittelmeerinsel ankommen. Wenn sie ankommen.

„Ich kam in einem halbkaputten Boot voller Männer“, sagt Eric. „Gleichzeitig legte eines mit lauter Frauen ab. Diese Frauen hat keiner von uns je im Auffanglager gesehen.“ Hilfsorganisationen schätzen, dass auf der gefährlichen Schiffspassage von 2004 bis 2013 rund 6500 Menschen ertrunken sind. Eric und seine 21 Mitbewohner haben sich die öffentliche Rolle, die Stellvertreterfunktion für die vielen Opfer eines kaum fassbaren humanitären Dramas, nicht ausgesucht. Sie gehen aber souverän und reflektiert mit ihr um, kein Medienbericht, in dem nicht ihre Freundlichkeit erwähnt wird. Doch die Männer werden langsam ungeduldig.

500 Euro, damit sie nicht in Italien bleiben

„Warten, warten, warten, das ist kein Leben“, sagt Eric. „Ich möchte nicht erst um 10 aufstehen, ich möchte einen Job haben, ich möchte meinen Eltern und meinen kleinen Geschwistern endlich berichten können, dass es voran geht für mich, wenn wir telefonieren.“ Dann schweigt er kurz. „Trotzdem danke ich Gott, dass wir hier sein dürfen“, sagte er. „Denn es ist gut geworden in unserem Zuhause auf Zeit.“

Hohe Wände aus Holzplatten zerteilen das Kirchenschiff in elf in kleine Kabinen. Ein Mindestmaß an Privatsphäre. Die Schlafräume sind spartanisch, je zwei bis drei Liegen, ein paar Habseligkeiten, grüne Kisten mit gespendetem Essen: Nudeln, Tomatensoße, Wurst, Joghurt, Kekse. „Morgen!“, grüßt ein weiterer Mann, der in Badelatschen aus einem der Zimmer kommt. Eric ist in Frankfurt, weil die italienischen Behörden ihn und zahlreiche Mitflüchtlinge loswerden wollten. „Sie drückten uns je 500 Euro in die Hand, damit wir die Flüchtlingsunterkunft in Neapel verlassen.“

Eric knüpfte den Kontakt zur Kirche

Eric bestieg einen Bus nach Norden. Stieg in Frankfurt aus, es hätte auch Hamburg sein können. „Ich bin erst mal zum Main runter. Da blieb ich, nahm mir ein paar Pappkartons, schlief unter einer Brücke. Irgendwo musste ich ja hin.“ Und er suchte sich eine Kirchengemeinde: „Im ökumenischen Zentrum Christuskirche in der Nibelungenallee bin ich jeden Sonntag in den Gottesdienst gegangen.“ Über Eric kam der Kontakt zur Gemeine Cantate Domino zustande. So wurden er und die 21 Männer, die mit ihm unter der Mainbrücke nächtigten, zu einer Schicksalsgemeinschaft. „Wir sind keine Freunde“, sagt Eric. „Aber wir unterstützen uns gegenseitig.“

Es ist elf Uhr. Die Kirchentür geht auf, kurz hallt Autolärm in die mittlerweile geschäftige Morgenroutine. „Hallo, guten Tag!“, sagt Uli Tomaschowski mit fester, lauter Stimme. „Good Morning“, grüßt Eric. „Na, na“, sagt Tomaschowski. Eric grinst. „Ich meine natürlich: Guten Tag!“ Uli Tomaschowski, ein schlanker Mann in Cordhose und kariertem Hemd, gehört zur Organisation „Teachers on the Road“, deren Mitglieder in Flüchtlingsheimen Deutschunterricht geben.

Mehr als 30 Ehrenamtliche helfen

Mittlerweile gibt es in der Gutleutkirche jeden Tag mehrere Lerngruppen, mehr als 30 ehrenamtliche Sprachlehrer und -lehrerinnen beteiligen sich bereits. „So können wir auch diejenigen besser betreuen, die nicht so gut lesen und schreiben können.“ Manche hätten keine Lehrerfahrung, viele arbeiteten aber auch sonst als Lehrkräfte, sagt er – und packt Plakate und Stifte für seine erste Unterrichtseinheit aus. Das Thema Familie steht auf dem Programm. „Wer gehört dazu?“ fragt er in die Runde. Neun Männer sitzen vor ihm auf abgewetzten Sofas, sie halten Collegeblöcke und Schulhefte auf den Knien und recken die Arme. „Mutter“, sagt einer. „Kinder“ ein anderer. Uli Tomaschowski schreibt alles auf ein Plakat. Heute landen außerdem Wörter wie „Sohn“, „Tochter“, „Tante“, Onkel“ und „Nichte“ in den Vokabelheften.

Familie: kein einfaches Thema in dieser Runde. „Ich habe fünf Kinder“, sagt Oliver Emere, ein Elektromechaniker aus Nigeria, der bereits ohne Hilfe Sätze bilden kann. „Sie heißen Ola, Dylet, Juliana, Kemi und Tunde.“ Ola, Dylet, Juliana, Kemi und Tunde leben 4500 Kilometer vom Frankfurter Gutleutviertel entfernt. Oliver Emere setzt sich eine dunkle Sonnenbrille auf und lehnt sich auf dem Sofa zurück. Es scheint, als ob er eine kurze Pause braucht.

„Wir wollen bleiben und einen Job annehmen können“

Für Eric und die anderen sind die Sprachkurse eine Chance, das Leben in Deutschland besser zu verstehen. Trotz aller Hilfe treiben sie aber auch andere Sorgen um: Was sie wirklich bräuchten, sagt Eric, sei Rechtsberatung und Hilfe von den Behörden. „Wir brauchen die Erlaubnis zu bleiben und dann die Erlaubnis, einen Job anzunehmen“, sagt er. „Wir wollen von niemandem mehr abhängig sein. Wir wollen arbeiten. Alle.“

Die Zeit drängt. Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werkes in Frankfurt, hat deutlich gemacht, dass die Gutleutkirche „nach Absprache mit der Stadt“ nur als Winterquartier zur Verfügung steht, „bis März“. Was aber geschieht, wenn der Februar vorbei ist – droht Eric, Ola, Idriss, Oliver und den anderen wieder die Straße? „Wir leben von einem Tag auf den anderen“, sagt Eric. „Und ich zumindest glaube daran, dass Gott einen Plan hat.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 13. Januar 2014 in der Rubrik Menschen, Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe , .

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Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de.

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