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Von – 21. Juli 2014

„Gier frisst Vertrauen“ – Künstler zieht erstes Fazit

Wie lange würde Geld mitten in Frankfurt ungeschützt auf offener Straße liegen bleiben? Das Resultat einer Aktion des Künstlers Ralf Kopp vor der Katharinenkirche hat viele enttäuscht: Schon in der ersten Nacht wurde das ganze Geld weggenommen.

Hier war die Skulptur noch intakt: 540 Euro in Ein-Cent-Münzen formten das Wort "Vertrauen" vor der Katharinenkirche an der Hauptwache. Foto: Norbert Neetz / epd-Bild

Hier war die Skulptur noch intakt: 540 Euro in Ein-Cent-Münzen formten das Wort „Vertrauen“ vor der Katharinenkirche an der Hauptwache. Foto: Norbert Neetz / epd-Bild

540 Euro in Ein-Cent-Münzen hatte Kopp in Form des Wortes „VERTRAUEN“ vor der Katharinenkirche an der Hauptwache ausgelegt. An der Wand informierte eine Plakette über den Sinn und die Hintergründe der Kunstaktion. Zahlreiche Medien berichteten darüber, und auch im Internet wurde diskutiert und spekuliert, zum Beispiel auf der Facebookseite von „Evangelisches Frankfurt“.

Viele glaubten, das Geld würde liegenbleiben

Viele waren der Ansicht, dass das Geld liegen bleiben würde – nicht weil die Menschen so großherzig wären, sondern weil Ein-Cent-Münzen ja nicht sonderlich attraktiv sind. Bei Zehn-Cent- oder gar Euro-Münzen wäre das Experiment wohl sowieso keines mit offenem Ausgang gewesen, Kunst hin oder her. Aber dass Leute Ein-Cent-Münzen wegnehmen würden, wenn sie damit ein Kunstwerk zerstören, das haben doch viele nicht vermutet.

Andere kritisierten die Aktion als zynisch, weil es immerhin arme Menschen gebe, für die auch ein paar Cent eben viel Geld seien. In einem ersten Fazit dazu schreibt Ralf Kopp unter anderem in einem Kommentar auf unserer Facebook-Seite: „Mir war von Anfang an klar: Wenn ich mein Geld auf die Straße lege und ein Bedürftiger dieses nimmt, würde ich es nicht als Gier bezeichnen – maximal als „Gier nach Leben“. Wenn es ein Obdachloser Geld wegnimmt, gönne ich es ihm/ihr von Herzen. So bin ich an die Aktion herangegangen. Wobei ich dem Obdachlosen / Bedürftigen auch nicht unterstellen würde, keine Werte zu achten.“

Manche legten sogar Geld dazu

Bei der Eröffnung der Aktion sei er sehr positiv überrascht worden: „Es haben tatsächlich einige Passanten Geld hinzu gelegt – natürlich auch neben sehr anregenden und guten Gesprächen. Zweite sehr postitive Überraschung war, dass abends drei Menschen etwas derangierte Buchstaben wieder gerade gerückt haben. War wohl vorher jemand drübergelaufen oder -gefahren.“

In der Nacht dann war die Skulptur zwar nicht bewacht, aber es war eine Kamera installiert, die die Vorgänge aufzeichnete. Ralf Kopp schreibt: „In der ersten Auswertung der Dokumentation habe ich allerdings auch gesehen, dass sich Menschen in Abendgarderobe bedient haben (und nicht zu wenig!) – und das ordne ich für mich einfach mal unter Gier ein – ohne es werten zu wollen. Noch dazu, wenn die betreffenden Personen vorher das kurze Konzept, welches an der Wand hängt, gelesen und fotografiert haben.“

Jugendliche halfen Obdachlosem, das Geld einzusammeln

Ein „nicht zu schlecht Gekleideter“ habe sich sogar zweimal den Rucksack vollgepackt, schreibt Kopp. Eine Gruppe von Jugendlichen habe einen Obdachlosen, der sie vorher um Geld gefragt hatte, geholt und ihm geholfen das Geld mit einzusammeln. „Das finde ich super und hätte ich auch nicht erwartet“, schreibt Kopp. Diese Jugendlichen hätten noch in der Nacht mit ihm Kontakt aufgenommen und „Spannendes und Erfreuliches berichtet“; nächste Woche wolle er sich mit ihnen treffen. Auch Ordnungshüter hätten einmal auf dem Wort gestanden, allerdings „war es da schon nicht mehr wirklich zu erkennen“.

Als sehr positiv bezeichnet Kopp, dass das Projekt bisher „auf vielen Ebenen spannende Diskussionen und Nachdenken ausgelöst hat.“

Parallel läuft derzeit noch eine Spenden-Aktion für die Obdachlosenarbeit an der Katharinenkirche, und im Inneren der Kirche ist noch bis zum 31. Juli eine Ausstellung über den Charakter des Geldes zu sehen (jeden Werktag von 14 bis 19 Uhr).

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 21. Juli 2014 in der Rubrik Kultur, erschienen in der Ausgabe , .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Marika schrieb am 21. Juli 2014

    Geld, Geld, Geld……wie wichtig ist Gesundheit, ein Partner auf den man sich verlassen kann, nein immer nur Geld…….schlimm

  • Sarah Ehmert schrieb am 22. Juli 2014

    Zur Aktion „Gier frisst Armut“
    Kopp hantiert mit üblen Klischees und zu einfachen Bildern von Armut, die ihn sagen lassen, dass die Menschen , die das Geld wegnahmen „gut gekleidet“ waren – was Kopp als Beleg des sorgenfreien sozialen Status nimmt. Armut, Bedürftigkeit und Obdachlosigkeit sieht man laut Kopp also einfach an der Kleidung. Wie kurzsichtig ist das denn?! Wenn die Welt so einfach wäre…
    Es fällt auf, wie wenig das Kunstwerk über die Gesellschaft sagt, sondern wie viel über den Künstler und sein offenbar recht simples Weltbild. Zudem hält er die Kamera auf die ganze Stadt und verpackt die eigene Arroganz der Überwachung als „Soziales Experiment“. Für ihn hat sich das gelohnt : Er kam mit wenig Einsatz in die Medien. Die Kirche sollte sorgfältiger wählen, mit welchen Aktionen sie sich gemein macht. Die Gier nach Aufmerksamkeit öffnete einem künstlerisch eher banalen, inhaltlich Schwächen und letztlich ethisch trotzdem bedenklichen Projekt Tür und Tor. Die Dummen und Betrogenen sind vielleicht die Armen, denn sie holten in einem „Experiment“
    das Geld, das ihnen ein um Aufmerksamkeit buhlender Künstler hinlegte. Für Kopp ist die kostenlose Werbung der Medien besser als jede Spendenbescheinigung. Übrigens: Auch der Titel scheint Plagiat, denn er lehnt sich doch stark an das wirtschaftskritische Buch „Gier frisst Hirn“ an. Und die Aktion selbst scheint eine schlechte Kopie von Künstler Stefan Sagmeister zu sein, der 2008 in Amsterdam ein Street- Art Kunstwerk aus Centstücken legte und es der Stadt überließ: nicht nur ein Wort, sondern einen ganzen Satz. An alle Redaktionen: besser erstmal eine kurze Internet-Recherche, bevor man etwas als „neu“ ankündigt.

  • Anja schrieb am 24. Juli 2014

    …jede starke Äußerung hier ist eine weitere interessante Reaktion auf dieses Experiment.
    Ist es denn nicht gut, zumindest Debatten anzuregen? Was ist daran falsch?
    Muss ein Künstler gleich die ganze Welt retten? Ist es verwerflich, wenn er mit seiner Kunst auf gesellschaftliche, soziale Zustände aufmerksam macht – und selbst dabei nicht am Hungertuch nagt? Ich schreibe absichtlich „Zustände“, nicht „Missstände“, denn hier wird ausdrücklich nicht gewertet, sondern lediglich beobachtet – die Bewertung erfolgt vielmehr in den Reaktionen – und damit „richtet“ sich die Gesellschaft eher selbst.
    Darf ein Künstler keine Medienaufmerksamkeit erregen, weil das bedeutet, dass er irgendetwas etwa „nicht ernst gemeint“ hat? Wer bewertet und richtet hier? Was ist denn „richtig“? wer entscheidet das?
    Und vor allem: Was tun die, die diese Aktion so stark kritisieren, um die Zustände, die sie so anprangern, auch nur ein klein wenig zum Besseren zu verändern?

    Ich finde es furchtbar egal, ob Ralf Kopp hier das Rad neu erfunden hat oder nicht. Er bewertet die Reaktionen nicht, sondern hat lediglich „einen Stein in den Teich geworfen“ – der ja ganz offenbar Kreise zieht, die er lediglich beobachtet. Ich finde das hochinteressant. Vor allem, je stärker die Reaktionen sind. Offenbar ist da beim ein oder anderen etwas sehr stark berührt worden. Warum? Und was ist die Konsequenz, die eben die Personen, die sich stark berührt fühlen, daraus für ihr eigenes Leben und Handeln ziehen?

    Wenn Kunst das kann, finde ich persönlich das ganz großartig.
    Danke, Ralf Köpp. Dafür darfst Du für mein Dafürhalten auch gern in die Medien kommen. Why not? Wem schadet das? Und dafür muss man nicht auf Dich „mit Steinen werfen“ … wer ist denn so „frei von Schuld“, das zu tun?

    Und selbst, wenn es ähnliche Vorgängeraktionen gegeben haben mag: Na und? Ist es deshalb schlecht, Gespräche, Diskussionen – reflektierende Gedanken anzuregen? Wieviel Verbitterung aus mancher Kritik klingt, ist eben auch immer wieder interessant. ;-)

  • Jessica schrieb am 26. Juli 2014

    Habe auch gesehen wie der Obdachlose sich das Geld genommen hat, aber von Jugendlichen keine Spur.
    Auf dem Weg zur Arbeit habe ich den Schriftzug gesehen und auf dem Heimweg dann den Obdachlosen mit einem leeren Beutel der da ganz schön viel eingesammelt hat. Es war sehr Interessant zu sehen wie sich das alles entwickelte. Am nächsten Tag als ich das Schild ‚ Gier frisst Vertrauen‘ gesehen habe, habe ich die Message verstanden.

    Finde die Idee super!

  • Ronald schrieb am 29. September 2014

    Eine interessante und sehr nachdenkenswerte Aktion, aber so richtig überraschend ist das Ergebnis eigentlich nicht, weder die Tatsache, dass sich anscheinend auch gut Gekleidete bereicherten noch dass es schließlich ein Obdachloser entwendete.

  • Thomas Benthien schrieb am 16. Oktober 2014

    Der Künstler Ralf Kopp tritt mit seiner Aktion – biblisch betrachtet – als
    „Versucher“ auf, indem er die Geldgier anspricht und den Diebstahl von
    Kircheneigentum ermöglicht. Nach islamischer Auffassung ist die
    Versuchung anderer Menschen eine Sünde mit der Eigenschaft des
    Teuflischen. Auch im Neuen Testament wird die Versuchung dem
    Teuflischen zugeordnet. Aus biblischer Sicht sollte der Versuchung von
    Menschen keinen Raum gegeben werden; statt dessen sind die Menschen durch Predigt und Vorbildverhalten der Geistlichkeit gegen
    die Versuchung zu wappnen, indem – wie in Mt. 26,41a gesagt – der
    willige Geist der Menschen durch Wachsamkeit und Gebet gegen das
    schwache Fleisch gestärkt wird. – Zu verurteilen sind die Videoaufnahmen. Ich halte es für entwürdigend, dass mit kirchlicher
    Billigung „geldgierige“ Obdachlose ohne deren Kenntnis bei der
    Aneignung von Kircheneigentum aufgenommen werden und Herr Kopp darüber berichten kann. – Die EKHN verfügt über Rücklagen in
    Milliardenhöhe, die bei Banken angelegt sind. Die beteiligten Banken
    erzielen mit Kirchengeld Gewinne, so dass Boni in Millionenhöhe
    gezahlt werden können. Dass „Gierbanker“ mit Kirchengeldern
    Millionen verdienen, ist für die EKHN kein Thema. Statt dessen wird
    über die „Geldgier“ von Obdachlosen berichtet.

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