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Von – 23. September 2014

„Gott mit uns!“ – Religionen im Ersten Weltkrieg

Die Mehrheit der Deutschen war überzeugt, Gott an ihrer Seite zu haben: Mit der Haltung der christlichen Kirchen und des Judentums im Ersten Weltkrieg beschäftigte sich eine Tagung im Frankfurter Karmeliterkloster.

Foto:  janniswerner / Fotolia.com

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Adolf Braun war Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg. Als Beobachter saß er in einem Baumwipfel, um der eigenen Artillerie zu signalisieren, wohin sie schießen solle. Plötzlich sah er in einem anderen Baum, nicht allzu weit entfernt, einen anderen Beobachter in französischer Uniform. Später beschrieb er die Begegnung aus unerwarteter Nähe: „Ich entdeckte den Menschen im Feind.“ Diese und weitere Erfahrungen im Krieg machten den evangelischen Christen zum Pazifisten.

Damit war er zwar kein Einzelfall, aber im kirchlichen Milieu doch klar in der Minderheit, wie der Osnabrücker Religionspädagoge Thomas Nauerth im Frankfurter Karmeliterkloster berichtete. Bei einer Fachtagung ging es dort um die Rolle der Kirchen und des Judentums im Ersten Weltkrieg. War da wirklich „Gott mit uns!“? Die Veranstalter, das Institut für Stadtgeschichte und die Katholische Akademie Rabanus Maurus, hatten im Titel diese triumphierende Behauptung, die auf dem Koppelschloss jedes preußischen Soldaten angebracht war, mit einem dicken Fragezeichen versehen.

Kriegstheologie: Parteinahme für Kaiser und Reich

Zwischen 1914 und 1918 war aber eine Mehrheit in Deutschland davon überzeugt, Gott im Krieg an ihrer Seite zu haben. Die Kirchen und ganz besonders die evangelischen Landeskirchen, die ihrem Landesfürsten auch geistlich unterstellt waren, hatten wenig Probleme damit, Gott als den „großen Alliierten“ zu sehen und als Garanten, dass sie hier einen gerechten Krieg führten. Einen Krieg zur Verteidigung nicht nur des Vaterlandes, sondern auch der christlichen Zivilisation gegen englischen Krämergeist, französischen Materialismus und russische Barbarei.

Bis hinein in Gottesdienste und Andachtsbücher wurden damals persönlicher Anteilnahme am Schicksal der Soldaten mit der Kriegsideologie der jeweiligen Herrscher vermischt. Das betonte der Tübinger Kirchenhistoriker Jürgen Kampmann. Die unverhohlene geistliche Parteinahme für Kaiser und Reich wurde erst viele Jahre später kritisch als „Kriegstheologie“ gekennzeichnet.

Sie entstand aber nicht erst mit Kriegsbeginn 1914, sondern hatte sich schon in den Jahren zuvor entwickelt. Die Theologie hatte sich angepasst an gesellschaftlich-politische Strömungen, die ganz selbstverständlich die Ausdehnung von Macht und Herrschaft als gottgegebene Aufgabe einer Nation verstanden. „Kriegstheologie“, so Kampmann, sei eine Theologie, die sich diesem imperialen Denken bruchlos ein- und unterordne.

Auch religiöse Minderheiten beteiligten sich mit Eifer

Angesichts dieser „Sakralisierung der Nation“ nannte der Rektor der Jüdischen Hochschule Heidelberg, Johannes Heil, den Ersten Weltkrieg einen ‚Quasi-Religionskrieg‘. An dem beteiligten sich mit Eifer auch die religiösen Minderheiten im Deutschen Reich, die große der Katholiken und die kleine der Juden. Beide sahen im vorbildlichen Kriegseinsatz die Chance, ihre nationale Zuverlässigkeit zu beweisen und damit gesellschaftliche Anerkennung zu erringen.

Mindestens den Juden gelang das nicht. Obwohl eine von antisemitischen Verbänden geforderte „Judenzählung“ an der Front bewies, dass die Zahl der gefallenen jüdischen Soldaten prozentual über dem Durchschnitt lag, hielten sich die Legenden von jüdischen Schiebern und Drückebergern. Der deutschnationale Patriotismus erwies sich für die Juden als untauglich im Kampf um die volle Integration.

Das war eine ernüchternde Lernerfahrung dieses Krieges, der ansonsten wenig Lernprozesse in Gang setzte. Christen, die aus ihren Kriegserfahrungen heraus erste Anfänge einer christlichen Friedensbewegung initiierten, wie der Protestant Friedrich Siegmund-Schultze oder der Katholik Max Josef Metzger, blieben in ihren Kirchen eine kleine Minderheit. Und die Sakralisierung der Nation, die religiöse Schützenhilfe für Krieg und Gewalt, ist bis heute nicht verschwunden.

Die jüngsten europäischen Kriege in Ex-Jugoslawien und aktuell der blutige Konflikt zwischen der Ukraine und Russland rufen dies schmerzlich in Erinnerung. Das Ringen zwischen Kriegsgeschrei und Friedensbotschaft ist in der Christenheit noch lange nicht beendet.

Literaturtipp: Martin Greschat, Der Erste Weltkrieg und die Christenheit, Stuttgart 2014.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 23. September 2014 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe , .

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