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Von – 2. Juli 2015

Wenig Euphorie: die evangelische Kirche und die Wiedervereinigung

Im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung am 3. Oktober in Frankfurt beschäftigte sich die Evangelische Stadtsynode gestern Abend mit der Rolle der evangelischen Kirche damals.

Die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter bei ihrem Vortrag gestern Abend vor der Evangelischen Stadtsynode Frankfurt. Foto: Rolf Oeser

Die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter bei ihrem Vortrag vor der Evangelischen Stadtsynode im Frankfurter Dominikanerkloster. Foto: Rolf Oeser

Voraussichtlich eine Million Gäste werden Anfang Oktober nach Frankfurt kommen, wenn hier vom 2. bis 4. Oktober die offiziellen Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung stattfinden. Im Zentrum stehen dabei am 3. Oktober ein ökumenischer Gottesdienst im Dom und anschließend ein Festakt in der Paulskirche. Aber rundherum gibt es zahlreiche weitere Veranstaltungen, die sich mit der „friedlichen Revolution“ auseinandersetzen. So wird bei einem Abendgottesdienst auf dem Römerberg am 2. Oktober der ostdeutsche Pfarrer und spätere Politiker Rainer Eppelmann predigen.

Zur inhaltlichen Vorbereitung auf dieses Großereignis hatte die Evangelische Stadtsynode gestern Abend die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter zu einem Vortrag über das Verhältnis der Evangelischen Kirche zur Wiedervereinigung ins Dominikanerkloster eingeladen.

Obwohl die Bürgerrechtsbewegung in der DDR aufs Engste mit der evangelischen Kirche verbunden war, fiel es 1990 gerade den Protestantinnen und Protestanten „mit am schwersten, Freude und Dankbarkeit über die Wiedervereinigung auszudrücken“, so Kunter. Als sich 1991 in Coburg zum ersten Mal eine gesamtdeutsche Kirchensynode traf, lief das ohne große Freudensbekundungen ab. Vielmehr überwog die Skepsis gegenüber dem raschen Anschluss der DDR an das gesellschaftliche System der BRD.

Aber es war nicht nur die Kritik an der politischen und wirtschaftlichen Ausgestaltung der Wiedervereinigung, die die protestantische Freude in jenen Tagen schmälerte. Auch zwischen der westdeutschen und der ostdeutschen Kirche gab es Verständigungsschwierigkeiten. Der Dissens bestand vor allem darin, dass viele Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler aus der DDR sich vom Westen nur unzureichend unterstützt fühlten. Sie warfen den westlichen Kirchenvertretern vor, sich zu eng mit der Regierung der DDR arrangiert zu haben. In der Tat hatte die evangelische Kirche in der Bundesrepublik sich – ähnlich wie die Mehrzahl der progressiven gesellschaftlichen Kräfte nach der von Willy Brandt ausgerufenen neuen „Ostpolitik“ – längst mit dem Bestehen zweier Staaten abgefunden und eine gedeihliche Kooperation mit den sozialistischen Regierungen gesucht.

Aber auch innerhalb der evangelischen Kirche in der DDR gab es nach der Wiedervereinigung unterschiedliche Strömungen. Viele ehemalige Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler gingen in die Politik, und nicht selten schlossen sie sich dabei der CDU an, wie etwa der Berliner Pfarrer Rainer Eppelmann. Viele im Westen, die sich eher als politisch „links“ verstanden, enttäuschte das, zum Beispiel auch Eppelsmanns frühere Partnergemeinde in Westberlin.

Andere aus der Bürgerrechtsbewegung, Kunter nennt sie die eher „Utopischeren“, kritisierten die kapitalistische Ausrichtung der Wiedervereinigung und entwarfen ein eher resignatives Bild des neuen Deutschland. Da viele von ihnen, wie zum Beispiel die Pfarrer Friedrich Schorlemmer und Heino Falcke, als charismatische Prediger häufig in den Medien zu sehen waren, hatten sie einen starken Einfluss darauf, wie die ostdeutsche evangelischen Kirche in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.

Der protestantische Rückblick auf die seit der Wiedervereinigung vergangenen 25 Jahre mag aber auch deshalb eher nüchtern als euphorisch ausfallen, weil sich eine ihrer Hoffnungen nicht erfüllt hat: Nämlich die, dass die bedeutende Rolle, die ihre Gemeinden, Pfarrer und Mitglieder während der friedlichen Revolution in der DDR gespielt hatten, ihr auch als Institution Aufwind verschaffen würde. Aber die Menschen in Ostdeutschland sind nicht wieder in die Kirche eingetreten. „Selbst eine so herausragende Rolle wie die der Kirche in der DDR 1989 reicht offensichtlich nicht, um Säkularisierungsprozesse aufzuhalten“, bilanzierte Kunter.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 2. Juli 2015 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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