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Von – 2. November 2015

Hinten auf dem Tandem

Jörg Burgsmüller ist Mentor beim Flüchtlingsprogramm „Socius“ – ein Projekt der evangelischen Kirche in Frankfurt, bei dem Ehrenamtliche jeweils einen geflüchteten Menschen beim Ankommen in Deutschland unterstützen.

Das Projekt „Socius“ der evangelischen Kirche ist ein Mentoringprogramm, bei dem Ehrenamtliche jeweils einen Flüchtling individuell begleiten. Jörg Burgsmüller aus Eschersheim ist einer von ihnen. Foto: Rolf Oeser

Das Projekt „Socius“ der evangelischen Kirche ist ein Mentoringprogramm, bei dem Ehrenamtliche jeweils einen Flüchtling individuell begleiten. Jörg Burgsmüller aus Eschersheim ist einer von ihnen. Foto: Rolf Oeser

Jörg Burgsmüller sitzt im Café Clement am Weißen Stein in Eschersheim und trinkt einen Tee. Hier ist er seit einem halben Jahr häufiger anzutreffen. Mit dabei ist dann oft ein 46 Jahre alter Mann aus Algerien, der nach Deutschland geflohen ist, weil er in seinem Heimatland Schlimmes erlebt hat. „Darüber, was genau, möchte er nicht gern sprechen, was ich verstehe.“

Burgsmüller trägt einen Anzug und eine weinrot gemusterte Krawatte. Der 56 Jahre alte Eschersheimer ist Mitglied im Kirchenvorstand der Emmausgemeinde und arbeitet hauptberuflich bei einer Bank, wo er ein Team im Firmenkreditgeschäft leitet. Heute aber erzählt er von seiner ehrenamtlichen Arbeit für „Socius“. Das ist ein Projekt des Evangelischen Regionalverbandes, bei dem Ehrenamtliche jeweils einen geflüchteten Menschen unterstützen: ihn oder sie zu Terminen begleiten, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz suchen, Tipps zum Alltag in Deutschland geben oder auch auch einfach nur mal zusammen einen Kaffee trinken.

Integration ist ja nichts, was sich einfach proklamieren lässt, sie muss auch im Alltag gelebt werden. Dafür braucht es Engagement ebenso wie Know-How. Das vor drei Jahren entwickelte Mentoringprogramm bildet deshalb die Ehrenamtlichen intensiv aus. Ein Jahr lang hat Burgsmüller Seminare besucht, in denen es etwa um die rechtliche und psychosoziale Situation von Migrantinnen und Migranten ging.

Inzwischen haben schon rund hundert Ehrenamtliche diese Ausbildung absolviert. „Es geht um Tandems, was ich ein schönes Bild finde“, sagt Burgsmüller. „Es beinhaltet nämlich die Idee, dass der Begleitete, der vorne sitzt, selbst steuert und lenkt.“

Am Anfang sei sein „Tandempartner“, der mit seinem Namen nicht in der Zeitung stehen will, skeptisch gewesen, erinnert sich Burgsmüller. „Er hat mehrfach nachgefragt, ob das Angebot denn auch wirklich kostenlos ist, das konnte er sich gar nicht vorstellen.“ Doch nach und nach entstand Vertrauen, und jetzt verstehen sich die beiden Männer gut.

Burgsmüllers Mentee hat eine Augenkrankheit und nur noch fünf Prozent Sehkraft. Deshalb arbeitet sich der studierte Jurist jetzt in ganz neue Themengebiete ein. Zurzeit versucht er, bei einem Sozialarbeiter die Kostenübernahme für eine Brille zu erreichen – kleine Dinge, die aber für einen Menschen mit Behinderung, der fremd im Land ist und noch nicht gut Deutsch spricht, große Hürden darstellen können.

„Dass ich helfe, entspringt meinem christlichen Glauben“, sagt Jörg Burgsmüller. „Ich habe mich gefragt: Wo liegen meine Talente, was kann ich tun? Durch meinen Beruf fällt es mir nicht so schwer, eloquent aufzutreten und einem Flüchtling etwa bei Terminen zu helfen.“ Er hat den Algerier auch schon in dessen Unterkunft besucht. „Über die hygienischen Zustände und die fehlende Privatsphäre dort bin ich sehr erschrocken“, sagt er.

Einmal pro Woche treffen sich die Männer, und sie haben auch eine Menge Spaß zusammen. „Er ist Muslim, und ich habe überlegt, zu was für einem Essen ich ihn einladen kann“, berichtet Jörg Burgsmüller. „Die Lösung: Handkäs mit Musik! Er war begeistert.“ Demnächst will er seinem „Tandempartner“ ein weiteres Frankfurter Gericht schmackhaft machen: grüne Soße mit Kartoffeln und Eiern.

Anfang 2016 beginnt ein neuer Ausbildungskurs für das Socius-Programm. Einen Infoabend dazu gibt es am Mittwoch, 20. Januar, um 18.30 Uhr im Evangelischen Zentrum Rechneigrabenstraße, Rechneigrabenstraße 10, Frankfurt. Um Anmeldung wird gebeten unter 069 921056681 oder per E-Mail an stephanie.hoehle@frankfurt-evangelisch.de.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 2. November 2015 in der Rubrik Menschen, erschienen in der Ausgabe , .

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Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de.

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