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Von – 4. Januar 2016

Christentum, Buddhismus und die Frage: Was ist guter Sex?

Was guter Sex ist, das wollen viele gerne wissen. Aber vermutlich nur wenige suchen die Antwort auf diese Frage ausgerechnet bei der Religion. Ein Thementag in Frankfurt beschäftigte sich mit „Eros, Sexualität und Körper“ aus buddhistischer und christlicher Perspektive.

Foto: Z S / Flickr.com

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Eigentlich könnten die großen Weltreligionen echte Beziehungsratgeber sein. Sie vereinen Millionen, wenn nicht gar Milliarden unterschiedlichster Menschen im Glauben und breiten sich über Milieus, Einkommensschichten und Erdteile hinweg aus. Sie brauchen Nachwuchs und stehen der Vermehrung ihrer Angehörigen durchaus aufgeschlossen gegenüber. Es könnte also alles ganz einfach sein. Ist es aber nicht.

Fast alle Glaubensgemeinschaften versuchen, die Sexualität ihrer Anhängerinnen und Anhänger zu regeln und tun sich dabei mit der sexuellen Freiheit der modernen Welt oft schwer. Aber wie verhärtet sind die Fronten zwischen Religion und Sexualität wirklich? Ist Religion per se sexfeindlich, wie der Soziologe Max Weber andeutete, als er „Sexualität als irrationalste Macht über den Menschen“ bezeichnete und sie im Zwist mit dem Kontrollwunsch der Kirche sah? Oder kann die Sexualmoral der großen Weltreligionen Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus einen Beitrag zu einem bewussten Umgang mit Sexualität liefern?

Sex galt als Strafe, nicht als Segen Gottes

Ein Thementag in Frankfurt hat sich den mutigen Titel „Guter Sex“ gegeben. Aber warum eigentlich mutig? Weil in der christlichen Welt lustvoll ausgelebte Sexualität nicht nur von konservativer Seite lange tabuisiert wurde. Sexuelle Lust galt sowohl im Katholizismus als auch im Protestantismus vielen als Strafe, nicht als Segen Gottes. Sie war nur dann erlaubt, wenn sie den natürlichen Zweck der Fortpflanzung erfüllen konnte.

Das soll heute offenbar anders sein. „Der Mensch ist ein sinnlich-spirituelles, ein körperliches, erotisches und sexuelles Wesen“, heißt es in der Ankündigung der Tagung, die von katholischer und evangelischer Kirche gemeinsam veranstaltet wurde. „Immer und überall, außer in der modernen Welt, war Sexualität eine ‚Erscheinung des Heiligen‘ und war der Geschlechtsakt ein all umfassender Akt, also auch ein Hilfsmittel im Dienste der Erkenntnis“, wird der Religionshistoriker Mircea Eliade zitiert.

Das stößt beim Publikum offenbar auf viel Interesse, denn der große Saal im Haus am Dom ist voll besetzt. Zumal die christlichen Vorstellungen von „Eros, Sexualität und Körper“ mit denen des Buddhismus verglichen werden sollen. Denn darüber, wie Sexualität könne so „zur Quelle einer lebendigen Spiritualität werden“ könne, gibt es in den beiden Religionen unterschiedliche Traditionen und Lehren. „Repressive wie befreiende Traditionen sind lebendig. Rigide Sexualmoralen leben im Buddhismus wie im Christentum. Eine erotisch-spirituelle Lebenskunst ist aber auch in beiden Wegen zu entdecken.“

Woher kommt die Angst vor der Begierde?

Warum wollen Religionen eigentlich die Macht über die Körper ihrer Gläubigen? Beurteilen sie Sexualität, weil sie diese etwas unheimliche Kraft kontrollieren möchten? Woher kommt die Angst vor der Begierde? Und was genau ist denn nun nach Ansicht der beiden Religionen „guter Sex“?

„Im Buddhismus wird Sex nicht geregelt, das bleibt einem selber überlassen“, erklärt die Feministin und Buddhistin Sylvia Wetzel, die einige Zeit in buddhistischen Klöstern verbracht hat. „Dennoch sprach Buddha Empfehlungen aus. Bei der Sexualität soll darauf geachtet werden, dass man einfühlsam und mit Verantwortungsbewusstsein mit sich selber und seinem Partner umgeht.“ Um eine sozusagen buddhistisch einwandfreie Sexualität auszuleben, solle immer wieder nach den Intentionen gefragt werden, nach der Ursache und Wirkung. „Der Buddhismus verbietet oder erlaubt explizit nicht. Stattdessen wird um Einsicht appelliert.“ Man solle sich fragen, was der Beweggrund für die eigene Handlung ist und welche Folgen sich daraus ergeben.

Gefahren bestehen aus buddhistischer Sicht höchstens dann, wenn Sexualität zu sehr an die Sinneserfahrung gefesselt wird und damit eine Abhängigkeit vom Körperlichen mit sich bringt. Was in anderen Religionen die Keuschheit ist, ist im Buddhismus die Askese. „Der Ratschlag ‚Geh mal raus aus der Familie, geh raus in den Wald, setz dich unter einen Baum‘“ sei im alten Indien auch dazu da gewesen, sich der eigenen Individualität bewusst zu werden, sagt Wetzel. „Alle religiösen Regeln führen zur Bewusstwerdung, wenn wir sie annehmen. Wer Impulse unterdrückt, kann emotional reifen.“ Das Prinzip der Askese sei nicht Verzicht um des Verzichts oder abstrakter Regeln willen. „Ich vermeide dabei punktuell die Auslöser aufwühlender Emotionen, um meine Energien besser kennenzulernen.“ Leider entstünden Probleme, wenn solche Regeln institutionalisiert werden. Denn: „Man verpasst das eigene Leben, wenn man nur die Regeln der anderen einhält.“

„Dies ist mein Leib“, sagt Jesus. Wie erotisch ist das denn bitte?“

Die katholische Theologieprofessorin Hildegund Keul brachte den Begriff der Hingabe ins Spiel. „Hingabe ist sowohl in religiösen also auch in erotischen Belangen entscheidend.“ Sie sieht eine klare Verbindung zwischen Religion und Erotik. „Dies ist mein Leib, sagt Jesus. Wie erotisch ist das denn bitte?“ Sie lobte „das positive Verhältnis zur Körperlichkeit“, das sich etwa in den Schriften der Äbtissin Hildegard von Bingens finde. „Erotik und Sex, das meint nicht nur Geschlechtsverkehr, sondern eine Lebensart.“ Die Frage, die sich Christen und Christinnen stellen müssten, sei auch die: „Sind wir bereit zu mehr Offenheit, mehr Verletzbarkeit?“

Die Diskussion im Anschluss an die Vorträge war sehr rege. Ein Teilnehmer merkte an, dass die Sexualität „in schamanischen Naturreligionen“ noch heilig gewesen, das Tabu erst im Mittelalter entstanden sei. Ein anderer berichtete, wie ihm die prüde Sexualmoral in den 1970er Jahren die Lust an Kirche und Glauben für lange Zeit verdorben habe: „Und das haben viele aus meiner Generation so erlebt. Dabei bedeutet Sexualität so viel, wenn es um die Freude am Leben geht.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 4. Januar 2016 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe , .

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Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de.

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