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Von – 20. Januar 2016

Junior Nzita erzählt aus seinem Leben als Kindersoldat

Der frühere Kindersoldat Junior Nzita erzählte in der französisch-reformierten Gemeinde von seinen Erfahrungen und seinem Engagement.

Junio Nzita bei seinem Vortrag in der französisch-reformierten Gemeinde. Foto: Silke Kirch

Junior Nzita bei seinem Vortrag in der französisch-reformierten Gemeinde. Foto: Silke Kirch

Geboren 1984, wurde Nzita im Alter von zwölf Jahren gemeinsam mit anderen Kindern entführt, verschleppt und zwangsrekrutiert. Im kongolesischen Bürgerkrieg musste er gegen seine eigenen Landsleute kämpfen. Wer sich Befehlen widersetzte, erzählt er, wurde umgebracht; das galt auch für Freunde oder Familien, die Kindersoldaten bei sich aufnahmen, um sie zu schützen.

Nzita berichtet von erlittenen Folter ebenso wie über den Triumph, aus der Ohnmacht Macht zu gewinnen, sich aufzuschwingen zum Herrscher über das Leben anderer – und zugleich doch niemals den Wunsch verloren zu haben, ein ganz normales Kind zu sein, das zur Schule geht und eine fürsorgende Familie hat.  Für Nzita hat sich dieser Wunsch wie durch ein Wunder tatsächlich erfüllt: Mit 16 Jahren wurde er von einer neuen Familie adoptiert, 2006 wurden die Kinderarmeen aufgelöst, im selben Jahr legte er seine schulische Abschlussprüfung ab.

Es ist ein weit gespanntes Leben, das sich kaum buchstabieren lässt. Der Vortrag stolpert und stockt, und das liegt womöglich nicht nur an der Tatsache, dass das Publikum eine Übersetzung braucht. Junior Nzita zupft Fäden aus seinem Leben, die zu Sprache gezwirbelt werden, um Verbindung zu schaffen. Die Not, das ist spürbar, ist nicht vergangenen – und doch sitzt da ein Mensch, der fröhlich lachen kann. Die Kinder, sagt er, sind Heilung, die Gemeinschaft mit den Kindern gebe ihm seine eigene Kindheit wieder.

In der französisch-reformierten Gemeinde spricht Nzita auch über seine Schuldgefühle. Und über die Versäumnisse einer Gesellschaft, die in den ehemaligen Kindersoldaten nicht traumatisierte Menschen sieht, sondern Dämonen, und oft unfähig ist, die Heranwachsenden zu integrieren: Viele Kindersoldaten würden nach ihrer Entlassung aus dem Militär erneut Opfer. „Sie werden mit einem Hundert-Dollar-Schein nach Hause geschickt, ohne zu wissen, was und wo zu Hause ist.“ In einer eher traditionellen Gesellschaft wie dem Kongo sei Heilung jedoch nur mit der Gemeinschaft möglich.

Junior Nzita ist heute ehrenamtlicher UN-Botschafter und hat mehrere Organisationen gegründet, die sich für die Demobilisierung von Kindersoldaten und deren Anliegen einsetzen. In der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa versorgt er zusammen mit 13 weiteren Ehrenamtlichen 140 Kindern, sorgt für Schulbesuch, Ausbildung und Traumatherapie sowie die Sensibilisierung der Gesellschaft durch Vorträge und Aktionen in Schulen und Gemeinden.

Dennoch geht es ihm auf gesellschaftspolitischer Ebene nicht allein darum, Bewusstsein für die Opfer zu schaffen, sondern der Gewalt vorzubeugen. Nzita hat sich gerettet, die Befreiung jedoch ist eine Angelegenheit aller: Am Ende hat das Publikum im Gemeindesaal ein Bündel Fäden in der Hand, Erzählstränge aus einem Leben, das einen offenen Horizont, Besonnenheit und Anteilnahme braucht, um mitteilbar zu bleiben.  Das allein, so wurde an diesem Abend deutlich, ist viel.

Das Buch von Junior Nzita Nsuami „Kadogo. Wenn ich mein Leben als Kindersoldat erzählen könnte“ ist in deutscher und französischer Sprache erhältlich über www.theartscoalition.org. Weitere Informationen unter www.paixpourlenfance.wordpress.com.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 20. Januar 2016 in der Rubrik Menschen, erschienen in der Ausgabe , .

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Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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