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Von – 4. Februar 2016

Das Märchen von der geglückten Integration

Dies ist die Geschichte eines Menschen, der sich auf ideale Weise integrierte. Als der Flüchtling ins Land kam, besuchte er sofort den Sprachkurs. Denn wer die Sprache lerne, finde Arbeit, lautete die Empfehlung. Und er fand Arbeit und wurde sogar, was als größtmögliche Vision des Landes galt, zu einer Fachkraft. Denn daran herrsche Mangel, hieß es.

Und ein ganzes Land lernte eine neue Sprache. Foto: Jule Kühn

Und ein ganzes Land lernte eine neue Sprache. Foto: Jule Kühn

Der bestens Integrierte zahlte in die Rentenkasse ein und lernte, höflich „Guten Tag“ zu sagen. Nur ein „Grüß Gott“ verkniff er sich. Denn das hätte als Angriff gegen Nichtgläubige verstanden werden können. Aber gut, ja, so sollte am besten jeder Tag sein! Und auch die Nacht, wobei genau genommen die Nacht in diesem Land nicht gut, sondern vom Tageslicht aufgesogen war. Noch so ein Beispiel einer gelungenen Integration.

So war alles perfekt. Nur manchmal fragte sich unser geglücktes Integrationsbeispiel, warum es in der neuen Sprache kein Wort gab für all das, was unbeherrschbar lebendig und ungeheuerlich ist. Das Gefahrvolle müsste doch, dachte er, überall anzutreffen sein, wo Menschen lebten. Und damit auch in dem Land, in dem die Transformation eines Flüchtlings zur Fachkraft nicht nur die größtmögliche Vision, sondern unterdessen sogar Realität geworden war. Denn so gut wie alle Neuankömmlinge waren jung, kraftvoll und eine Fachkraft geworden. Und die Wirtschaft blühte noch weiter auf. Denn es herrschte ewiger Frühling im Land.

Ein Land beginnt zu singen

Aber war da nicht noch etwas? Fehlte da nicht etwas? Aber was? Die Fachkraft konnte in der neuen Sprache kein Wort für jenen Abgrund entdecken, ohne den sie, als sie noch keine Fachkraft war, vermutlich niemals ins Land gekommen wäre. Vielleicht aber gab es dafür kein treffendes Wort, und man konnte davon ohnehin nicht mal so eben reden – in keiner Sprache der Welt. Nur fand die Fachkraft im Land nicht nur kein Wort, da war auch kein Klang für dieses kaum benennbar Große. Es gab keine Melodie, kein Seufzen, Schreien. Kein Atem war für den Schmerz vorgesehen. Denn es regierte die Diktatur des hellen Tags.

Da merkte die Fachkraft, dass sie in einem Land lebte, in dem die Bewohner überhaupt nicht heimisch waren, sondern auf der Flucht. Sie flohen vor ihrer Angst, dass das Leben Schatten wirft. Die Tiefe ihres Lebens hatten sie zugeschüttet und hielten die Tränen zurück. Und mit dem Weinen hatten sie zu lachen verlernt. Sie sangen nicht. Und ihre Schmerzen konnten sie nicht miteinander teilen. Denn im Teilen des Geheimnisvollen waren sie Analphabeten.

Da kündigte das Vorzeigebeispiel für gelungene Integration die Stelle. Nun war es keine Fachkraft mehr. Stattdessen fing ein Mensch zu lehren an. Denn er war reich. Und das Land war arm. Und endlich flohen die Armen zu dem Reichen, um eine neue Sprache zu lernen. Und falls die Bewohner dieses Landes nicht gestorben sind, beginnen sie zu singen, weinen, tanzen und zu lachen von heute an.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 4. Februar 2016 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe .

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Georg Magirius ist Theologe und Schriftsteller und Kolumnist bei "Evangelisches Frankfurt". Mehr unter www.georgmagirius.de.

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