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Von – 21. März 2016

Ärgernis und Torheit

Schon Paulus schreibt, dass das christliche Symbol des Kreuzes „für Juden ein Ärgernis, für Griechen eine Torheit“ ist. Auch heute schütteln viele den Kopf über Karfreitag: Warum sollte Gott einen gewaltsamen, schändlichen Tod gestorben sein?

Ilona Klemens war 13 Jahre lang Pfarrerin für interreligiösen Dialog in Frankfurt. Nach einer Pause wechselt sie im Sommer zur Studierendengemeinde Mainz. Foto: Tamara Jung-König

Ilona Klemens war 13 Jahre lang Pfarrerin für interreligiösen Dialog in Frankfurt. Nach einer Pause wechselt sie im Sommer zur Studierendengemeinde Mainz. Foto: Tamara Jung-König

Die Kritik am christlichen Kreuzessymbol spielt im interreligiösen Dialog eine Rolle, nicht nur, aber insbesondere in christlich-jüdischen Zusammenhängen. Es gibt Juden und Jüdinnen, die sich nur ungern in einem Kirchenraum aufhalten, wo ein Kreuz hängt. Es ist für sie verbunden mit der antijudaistischen Geschichte der Kirchen. Denn in der Vergangenheit ist es besonders an Karfreitagen immer wieder zu Verfolgungen und Pogromen gekommen, schließlich hat die christliche Theologie lange den Juden die Schuld am Kreuzestod Jesu gegeben.

Eine Kehrtwende weg vom kirchlichen Antijudaismus hat eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden. Deshalb kann ich die jüdische Skepsis im Blick auf das Kreuz gut nachvollziehen. Bei gemeinsamen Veranstaltungen muss man mitunter Kompromisse finden, zum Beispiel einen religiös neutralen Raum suchen.

Von Muslimen habe ich persönlich es so direkt noch nicht erlebt, dass sie ein Problem damit hätten. Für sie ist eher der christliche Inkarnationsglaube anstößig, also die Vorstellung, dass Gott sich an einen Menschen gebunden und sich in ihm offenbart hat. Laut Koran ist nicht Jesus, sondern jemand anderes am Kreuz gestorben, Jesus selbst wurde von Gott entrückt. Wie der Kreuzestod und die Inkarnation zu verstehen sind, war ja auch im frühen Christentum durchaus umstritten. Es gibt die These, dass der Koran solche Traditionen aufgenommen hat.

Lamm und Kreuz: Symbole des Karfreitag. Hier auf Paramenten der Fechenheimer Melanchthonkirche. Foto: Jonatan Steller

Lamm und Kreuz: Symbole des Karfreitag. Hier auf Paramenten der Fechenheimer Melanchthonkirche. Foto: Jonatan Steller

Es kommt manchmal vor, dass Muslime bei der Anmietung von Gemeinderäumen verlangen, das Kreuz zu verdecken. Aber da bin ich der Meinung: Wer damit ein Problem hat, muss eben woanders mieten. Kirchliche Räume sind nicht neutral, sondern es sind Räume von christlichen Gemeinden, und da gehört eben ein Kreuz dazu. Es sollte jedoch im direkten Gespräch geklärt werden, wo die Schwierigkeiten auf beiden Seiten liegen.

Das Kreuz ist ein Anstoß für den Dialog, weil es eben etwas Anstößiges hat, und das von Anfang an. Wenn Paulus im Ersten Korintherbrief schreibt, das Kreuz sei für die einen ein Ärgernis, für die anderen eine Torheit, dann beschreibt das auch heute noch ziemlich gut, wie Menschen, die nicht christlich sind und für die das Kreuz deshalb auch nicht diese religiöse Bedeutung hat, auf dieses Symbol reagieren. Sie fragen: Wie kann ein Folterinstrument, ein Symbol eines gewaltsamen Todes, in Verbindung gebracht werden mit der Vorstellung, dass damit das Heil und die Verwandlung der Welt verknüpft ist?

Nach christlicher Überzeugung begibt Gott sich in die Verwundbarkeit des Lebens, bis zu dem Punkt, dass er nicht nur stirbt, sondern dass er sogar einen gewaltsamen Tod stirbt. Ein schlimmeres Schicksal kann man sich ja gar nicht vorstellen. Für mich ist das ein Zeichen von Gottes Selbsthingabe: Gott ist da, wo Menschen unschuldig leiden, wo ihnen Leid durch andere Menschen widerfährt.

Ich schätze genau das an unserer Vorstellung von Gott: Es ist nicht ein triumphal daher kommender Gott, der alles, was dieses Leben schwierig macht, einfach hinwegfegt.

Muslimische Freundinnen haben mich gefragt: Wie könnt ihr nur an einen Gott glauben, der sich so schwach gibt? Nach muslimischer Vorstellung würde Gott auch niemals einen Propheten so behandeln, ihn so schändlich sterben lassen. Als Christin glaube ich aber, dass in dieser mutmaßlichen Schwäche etwas Machtvolles liegt, dass Gott daraus neues Leben, Kraft, Zuversicht, Hoffnung entstehen lassen will. Denn wir glauben und vertrauen darauf, dass alles Leid ein Ende haben wird. Und das sollte auch durch unser Reden und Handeln deutlich werden.

Das muss im Dialog zwar erst einmal vermittelt werden, ich glaube aber, dass das möglich ist und den Dialog bereichert.

Protokoll: Antje Schrupp

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 21. März 2016 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe , .

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Ilona Klemens ist Pfarrerin für interreligiösen Dialog in Frankfurt.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Hartmut Otto schrieb am 24. März 2016

    Zu Ostern singen die orthodoxen Christen jubelnd:
    „Christus ist auferstanden von den Toten.
    Durch den Tod hat er den Tod zerstört
    und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.“
    Der Tod Jesu hat also tatsächlich und buchstäblich eine Heilswirkung.
    In der evangelischen Monatszeitung „Evangelisches Frankfurt“, das mir pünktlich zum Karfreitag in den Briefkasten geflattert ist, lese ich auf der Seite „Theologie und Leben“ in der Rubrik „Christliche Perspektiven“:
    „Nach christlicher Überzeugung begibt Gott sich in die Verwundbarkeit des Lebens, bis zu dem Punkt, dass er nicht nur stirbt, sondern dass er sogar einen gewaltsamen Tod stirbt. Ein schlimmeres Schicksal kann man sich ja gar nicht vorstellen. Für mich ist das ein Zeichen von Gottes Selbsthingabe: Gott ist da, wo Menschen unschuldig leiden, wo ihnen Leid durch andere Menschen widerfährt.“
    Der Tod Jesu ist also ein ZEICHEN von Gottes Selbsthingabe. Ein Zeichen ist austauschbar. Und ist nicht die Sache selbst, auf die sie hinweist. Jesu Tod am Kreuz also einfach nur ein Zeichen für etwas, von Heilsbedeutung, bzw. Heilswirkung keine Spur.
    Außerdem entnehme ich dieser Aussage, daß der Kreuzestod Jesu nur ein Zeichen ist für alle unschuldig Leidenden in dieser Welt. Also hat er keine erlösende Wirkung gerade für die, die mit Schuld beladen sind? Diese Kategorien gibt es wohl für diese Pastorin nicht. Zwar sagt sie am Ende auch:
    „Als Christin glaube ich …, dass in dieser mutmaßlichen Schwäche etwas Machtvolles liegt, dass Gott daraus neues Leben, Kraft, Zuversicht, Hoffnung entstehen lassen will. Denn wir glauben und vertrauen darauf, dass alles Leid ein Ende haben wird.“ Also kann dieses Zeichen doch schon etwas bewirken. Nun gut, ein STOP-Zeichen bewirkt auch, daß Leute anhalten. Aber dazu könnte es auch ganz anders gestaltet sein und statt aus Blech aus Holz sein.
    Jesus Christus aber ist mehr als so ein Zeichen. Er kann kein anderer sein. Und Erlösung kann es nicht geben ohne seinen Tod. Und „Leidbeender“ ist er zuallererst, weil er unsere Sünde und dessen Folge, den Tod, zerstört hat.
    Ohne von Sünde und Erlösung zu reden, ist eine Predigt zu Karfreitag nicht möglich. Oder, nun gut, wie man hier sieht, es ist möglich. Diese Predigt ist dann aber keine christliche Predigt mehr sondern nur humanistisches Gelaber.

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