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Von – 21. März 2016

Alte Tradition wieder auf Tour

Petra Jakoubek und Bernhard Krämer leben im Wohnwagen und zeigen dank eines Projektes der Diakonie Frankfurt Grimms Märchen als Puppentheater – so wie ihre Vorfahren.

Spannend: Eine Begegnung mit dem Kasperle, das in der Kita zu Besuch ist. Foto: Rolf Oeser

Spannend: Eine Begegnung mit dem Kasperle, das in der Kita zu Besuch ist. Foto: Rolf Oeser

Es ist mucksmäuschenstill. 40 Kinder in der Kita Elisabeth in Nied schauen gebannt auf einen silbrigen Vorhang. Kasperle fuhrwerkt dahinter herum, schlüpft mal hier zur Seite raus, mal da, doch den Spalt in der Mitte kann er nicht finden. Da ist er ja! Die Kinder winken und rufen „wow“, als ein blauer See mit Mühle zum Vorschein kommt. Gretel und der Müller mit weißer Mütze treten auf, König und Kasperle – es entspinnt sich das Grimm‘sche „Rumpelstilzchen“. Von den Holzpuppen bis hin zu den stimmungsvollen Bühnenbildern ist alles handgemacht. Puppenspieler und Puppenspielerin hinter der Bühne sprechen abwechselnd mit tiefer Stimme den König, krächzen das listige Rumpelstilzchen, hauchen dem immer gut gelaunten Kasperle Leben ein.

So ähnlich könnte das auch vor 50 oder 100 Jahren gewesen sein. Es ist eine lange Tradition, an die Petra Jakoubek und Bernhard Krämer anknüpfen. „Mein Vater war Zirkusdirektor, mein Großvater war Zirkusdirektor, Artist, Hochseilartist und Gaukler. Wir haben Puppenspiel und Gauklereien mit artistischen Einlagen vorgeführt“, erzählt Bernhard Krämer in der Pause. Auch Petra Jakoubek ist schon als Kind mit Handständen und anderen Kunststücken aufgetreten. „Wir waren als Wanderzirkus unterwegs, jede Woche ein neuer Ort, eine neue Stadt.“ Die Tradition des Reisens setzen die beiden 29-Jährigen mit ihren Töchtern fort. Gerade steht ihr Wohnwagen in Ginnheim, die sechsjährige Manjana geht dort in die Grundschule, so lange, bis die Familie weiterzieht – und sie in eine andere Schule wechselt. „Manchmal dauert das eine Woche, manchmal drei“, sagt Petra Jakoubek und richtet Kessel und Scheite für Rumpelstilzchens Waldszene. Tochter Geraldine (3) turnt derweil hinter der Bühne.

Kitaleiterin Ulrika Ludwig mit dem Puppenspiel-Duo Petra Jakoubek und Bernhard Krämer. Auch die sechs Jahre alte Tochter Manjana übt schon. Foto: Rolf Oeser

Kitaleiterin Ulrika Ludwig mit dem Puppenspiel-Duo Petra Jakoubek und Bernhard Krämer. Auch die sechs Jahre alte Tochter Manjana übt schon. Foto: Rolf Oeser

Einen festen Ort findet die Familie, die sich in einem Radius von dreißig Kilometern rund um Frankfurt bewegt, am Wohnwagenstandplatz Bonames. „Dort ist unsere Post- und Meldeadresse“, sagt Krämer. Und dort nahm auch das Projekt „Puppentheater“ seinen Anfang. Auf dem Platz am Frankfurter Stadtrand leben heute noch etwa 120 Frauen, Männer und Kinder. Rund 220 Menschen, die in Wohnwagen lebten – Schrotthändler und Schaustellerinnen, Artisten und Flüchtlinge – hatte die Stadt 1953 auf dem Gelände angesiedelt. Wenige Jahre später lebten dort bereits 850 Menschen, darunter auch Sinti und Roma. Schon früh engagierte sich die evangelische Kirche für deren Belange. Seit 2012 leistet Sonja Keil im Auftrag der Diakonie Gemeinwesenarbeit auf dem Wohnwagenstandplatz Bonames.

„Während manche Länder die Kultur der reisenden Schausteller fördern, gelten sie in Deutschland als kommerzielle Unternehmen und werden nicht unterstützt“, sagt Keil. Hier setzt das Projekt „Puppentheater“ an. Mit 3500 Euro von der Diakonie-Stiftung gefördert, konnte die Familie Krämer-Jakoubek die Puppenspiel-Tradition wieder zum Leben erwecken. „Solche Lebensentwürfe, die nicht dem breiten Mainstream folgen, betrachten wir als Zeichen der Vielfalt“, sagt Pfarrer Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt.

Seit April 2015 spielen Jakoubek und Krämer. Beeindruckend sind nicht nur die Holzpuppen, die die klassischen Charaktere des Kasperletheaters verkörpern, sondern auch die Kulissen: „Ein sehr alter Mann malte sie“, erzählt Bernhard Krämer, „so etwas zu finden ist fast unmöglich. Wir hüten sie wie einen Augapfel“.

In der Kita Elisabeth ist die Theaterpause vorbei. Gebannt verfolgen Mädchen und Jungen, von denen viele noch nie von Kasperle gehört hatten, wie der das Rumpelstilzchen überlistet und seinen Namen herausfindet. So muss Gretel, die Königin wurde, weil sie angeblich Stroh zu Gold spinnen kann, ihren kleinen Prinzen nicht an das Rumpelstilzchen herausgeben.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 21. März 2016 in der Rubrik Kultur, erschienen in der Ausgabe .

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Susanne Schmidt-Lüer ist Redakteurin und schreibt vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.

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