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Von – 31. März 2016

Woher kommt das Böse? Ein Gespräch zwischen Krimi-Autoren und Theologen

„Das Böse ist immer und überall“, kalauerte einst die österreichische Pop-Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“. Aber woher und wie kommt es in die Welt? Und was hat der liebe Gott damit zu tun? Zu dieser Frage hatte die Evangelische Akademie Kriminalschriftsteller und Theologen zum Gespräch eingeladen.

Kain erschlägt seinen Bruder Abel und begeht so den ersten Mord der Weltgeschichte (Bild eines unbekannten Künstlers, um 1900). Foto: picture-alliance

Kain erschlägt seinen Bruder Abel und begeht so den ersten Mord der Weltgeschichte (Bild eines unbekannten Künstlers, um 1900). Foto: picture-alliance

Jedes vierte veröffentlichte Buch ist ein Krimi; das Böse weckt offensichtlich in hohem Maße Neugier beim Publikum, und die Literatur scheint geeignet, ihm auf die Spur zu kommen. Allerdings nicht grundsätzlich und philosophisch; darin waren sich die Autoren bei der Veranstaltung in der Nationalbibliothek rasch einig. Für Robert Hültner etwa gibt es ‚das Böse‘ nicht. „Was dagegen sehr wohl und schmerzhaft fühl bar existiert, sind einzelne Mitglieder der Gesellschaft, die Böses tun, die sich asozial bis rücksichtslos verhalten, die ohne jede Empathie über Leid und Leichen gehen, um ihre Ziele zu verwirklichen.“

Thema von Kriminalromanen ist nicht nur, wie die „bösen“ Menschen von der ‚guten’ Seite, meist dem polizeilichen Ermittler, aufgespürt und dingfest gemacht werden. Das war vielleicht noch bei den reinen Rätsel-Krimis eines Edgar Wallace so, die raffinierte Verbrechen und noch raffiniertere Verbrecherjagden schilderten, sich aber um Psyche und Persönlichkeit der Beteiligten kaum kümmerten. Mittlerweile ist das deutlich anders. Warum der Täter zum Täter wird, macht heutzutage einen nicht geringen Teil der Spannung im Krimi aus.

Die Kriminalliteratur entwickelt dabei keine theoretischen Erklärungsmuster, sondern sie entwickelt konkrete Geschichten und beschreibt, wie Menschen „in die Sphäre von Gewalt, Angst und vielleicht auch etwas Bösem hineingeraten“, sagte der Autor Matthias Wittekindt. Wobei er gern von einer „Verstrickung“ spricht; „einen Vorsatz unterstelle ich erst mal nicht.“

Die Krimi-Literatur zeichnet also gerade kein übersichtliches Schwarz-Weiß-Bild vom Leben, sondern eine unheimliche Grauzone, die auch Leserinnen und Leser nicht unberührt lässt: „Unheimlich wird es immer, wenn ich miterlebe, wie das Böse in jemandem wie mir selbst zu wirken beginnt“, sagt Wittekindt. Und ist damit überraschend nah an dem, wie die Bibel das Böse beschreibt. Nämlich ebenfalls nicht abstrakt, sondern in konkreten Geschichten um Mord und Totschlag, um Vergewaltigung und Betrug. Das fängt schon mit dem ersten Mord der Weltgeschichte an, bei dem Kain seinen Bruder Abel erschlägt, und zieht sich weiter durch das Alte und das Neue Testament, von den Räubern auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho bis zum Justizmord an Jesus und seinem Ende am Kreuz, dem Galgen der Antike. Und auch hier ist es nicht so, dass die Bösen nur böse und die Guten nur gut sind: Helden wie König David sind zugleich auch Übeltäter und werden bestraft; Übeltäter wie Kain werden nicht der Vernichtung preisgegeben, sondern von Gott mit dem „Kainsmal“ geschützt.

Diese zwei Herren haben aus Habgier einen reichen Lord umgebracht: Die Schauspieler Robert Hoffmann und Klaus Kinski verkörperten die Bösen in der Edgar-Wallace-Verfilmung „Neues vom Hexer“. Foto: Röhnert/picture alliance

Diese zwei Herren haben aus Habgier einen reichen Lord umgebracht: Die Schauspieler Robert Hoffmann und Klaus Kinski verkörperten die Bösen in der Edgar-Wallace-Verfilmung „Neues vom Hexer“. Foto: Röhnert/picture alliance

Die Bibel spricht freilich nicht aus neutraler Perspektive. In ihr versucht Gott, den Menschen die Augen zu öffnen. Die Geschichten sollen mahnen, um das Abgleiten in Schuld zu verhindern. Das meint jedenfalls der Würzburger Theologe Klaas Huizing, der Gott nicht in der Rolle des großen Zampano und Akteurs sieht, sondern eher als „Coach“: Gott zeige Menschen Wege auf, wie sie aus Angst und Scham herausfinden, ohne kurzschlüssig zur Gewalt zu greifen: „Biblische Literatur ist Schuldverhinderungsliteratur.“

Was die Bibel dagegen nicht liefert, ist eine schlüssige, umfassende Erklärung, woher das Böse kommt. Allenfalls wird deutlich, was es nicht ist: es ist keine eigenständige Macht im Gegenüber zu Gott. Der oft in dieser Rolle gesehene Teufel spielt vor allem im Alten Testament eine eher nebensächliche Rolle. Das Böse ist eben keine von außen kommende Kraft, sondern es gehört zu den Möglichkeiten des Menschen. Es gilt, mit diesem destruktiven Potenzial zu rechnen und ihm Grenzen zu setzen.

Dazu genügt es allerdings nicht, sich auf die inneren Vorgänge in den Menschen zu konzentrieren, die zu Tätern werden, betont der Autor Robert Hültner. „Wir müssen jene Bedingungen genauer betrachten, die bei dem Einen ‚Böses‘ hervorrufen, beim Anderen nicht. Und damit die Verfasstheit der Gesellschaft.“

Genau das ist die Perspektive, die sowohl die geschriebene Kriminalliteratur als auch die entsprechenden Filme und Fernsehsendungen wie etwa der klassische ‚Tatort‘ am Sonntagabend zunehmend eingenommen haben. Aus der bloßen Suche nach dem Täter (“Who done it?“) ist längst eine oft sehr differenzierte Darstellung gesellschaftlicher Problemfelder geworden, in denen dann einzelne kriminelle Taten als fast unausweichlich erscheinen.

Hat die Theologie all dem überhaupt noch etwas hinzuzufügen? Folgt man dem Marburger Theologen Dietrich Korsch, jedenfalls nicht metaphysische Auskünfte über den Ursprung des Bösen. Wichtiger sei „der Wille, dass das Gute sein und siegen soll, so machtvoll und beklemmend das Böse ist.“ Der Impuls, unter allen Bedingungen dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen, soweit die Kräfte es zulassen: darin zeige sich Religion und religiöse Bindung letztlich mehr als in allen Versuchen gelehrter Bescheidwisserei.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 31. März 2016 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe , .

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Otokar Löbl schrieb am 31. März 2016

    Terroristen müssen aus der Gesselschaft physisch separiert und isoliert werden. Unterschiedliche Gewaltanwendungen und Neigungen entshehen bei Menschen aus psychischen Störungen mit pathologischen Folgen, wissenschaftlich nachgewiesene neurologische Gehirnschäden. Bis auf Ausnahmen, unheilbar.

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