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Von – 13. April 2016

Darf die Kirche gegen die AfD sein?

„Kirche gegen AfD“ titelten wir nach der hessischen Kommunalwahl und berichteten über entsprechende Stellungnahmen. Auch unser theologischer Redakteur Wilfried Steller schrieb, die Politik der AfD sei mit christlichen Grundsätzen unvereinbar. Daraufhin erreichten uns viele empörte Zuschriften, die das als unangemessene politische Einmischung kritisierten. Hier erläutert Wilfried Steller noch einmal, warum es wichtig ist, dass die Kirche sich auch klar gesellschaftspolitisch positioniert.

Wilfried Steller. Foto: Ilona Surrey

Wilfried Steller ist theologischer Redakteur von Evangelisches Frankfurt. Foto: Ilona Surrey

Äußerungen der evangelischen Kirche zu gesellschaftspolitischen Themen haben eine lange Tradition und gründen sich von ihrem Prinzip her auf Stellungnahmen der alttestamentlichen Propheten zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen.

Es handelt sich dabei aber nicht in dem Sinn um politische Statements, dass die Propheten im allgemeinen Meinungsspektrum eine politische Position einnehmen und diese durch ihr prophetisches Amt verstärken. Vielmehr müssen die Äußerungen als theologische Gutachten gewertet werden. Die Propheten argumentieren also nicht politisch, sondern von einer theologischen Warte her und weisen mit diesem Maßstab auf Fehlentwicklungen hin.

Um ein Beispiel zu nennen: Zu den religiösen (!) Verpflichtungen in der hebräischen Bibel gehörte die Fürsorge für Witwen und Waisen. Wenn diese durch das stark patriarchal geprägte Recht benachteiligt werden und de facto der Willkür unterliegen (indem zum Beispiel ihre schwache Rechtsposition ausgenutzt oder ihr Besitz von ihren Vormündern angeeignet wird), treten Propheten regelmäßig auf den Plan und mahnen die Herrschenden, die religiösen Richtlinien zu wahren. Der Prophet äußert also eine religiöse Stellungnahme, die aber natürlich politische Konsequenzen haben muss.

Auch heute verstehen sich die Kirchen nicht als politische Parteigänger, die sich mit genuin politischen Argumenten in gesellschaftliche Diskussionen einmischen. Sie tragen aber mit ihren religiösen Argumenten zur gesellschaftlichen Meinungsbildung bei. Diese Aufgabe hat der Staat den Kirchen nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus ausdrücklich zugewiesen, und sie entspricht auch dem, was den Kirchen unabhängig davon in ihrem Inneren am Herzen liegt, nämlich am Maßstab des Evangeliums von Jesus Christus die gesellschaftlichen Entwicklungen zu verfolgen und auch zu kommentieren.

Dies geschieht durch den Kirchen offiziell zugewiesene Plätze in Entscheidungsgremien wie natürlich auch in öffentlichen Stellungnahmen, aber immer mit einer theologischen Expertise. In der Vergangenheit haben sich die Kirchen öffentlich zum Beispiel zur Wiederbewaffnung oder zur Abtreibung geäußert. Äußerungen mit politischer Relevanz finden sich auch regelmäßig in den so genannten „Denkschriften“ der Evangelischen Kirche in Deutschland.

In Wahrnehmung dieses Wächteramtes haben sich Kirchenvertreter und -vertreterinnen, darunter ich selbst, aus theologischer Perspektive auch zur AfD geäußert. Wir sehen in der Tat in einer ganzen Reihe von Äußerungen von Repräsentantinnen und Repräsentanten dieser Partei ein rassistisches Menschenbild zum Ausdruck kommen, das dem biblischen in keiner Weise entspricht, und wir sagen ebenso, dass Homophobie und Islamfeindlichkeit nicht unseren christlichen Maßstäben genügen, wenn wir das Gesagte zum Beispiel an der durch Jesus praktizierten Nächstenliebe messen.

Es kann nach alledem nicht verwundern, dass „Evangelisches Frankfurt“ theologische Stellungnahmen verbreitet, zumal dem Christentum ja eigen ist, nicht nur im stillen Kämmerlein praktiziert zu werden, sondern die Gesellschaft mit prägen zu wollen. Nicht umsonst bezieht sich „christlich“ nicht nur auf Glaubenssätze, sondern auch auf den Umgang miteinander.

Dabei ist zu beachten: Die Stimme der offiziellen evangelischen Kirche ist eine christliche Stimme (es gibt auch andere), und jede Christin und jeder Christ kann und soll diese Äußerungen am Zeugnis der Heiligen Schrift selbst überprüfen. Insofern darf man die in „Evangelisches Frankfurt“ gelesenen Äußerungen als (einen!) Beitrag zur eigenen Meinungsbildung lesen.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 13. April 2016 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe , .

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Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Frank Mittnacht schrieb am 29. April 2016

    Sehr geehrter Herr Steller,

    Ihr Aufruf zum Wiederstand gegen die AFD ist natürlich mehr, als nur eine einfache Positionierung der evangelischen Kirche Frankfurt zu Fragen der Asylpolitik und Menschlichkeit. Sie deklarieren damit die AFD zu einer Partei mit Inhalten, die der christlichen Glaubenslehre wiedersprechen. Das sollten Sie bitt überprüfen und entsprechend belegen. Denn nur auf die allgemeinen Verunglimpfungen zu setzen, wie z.B. dass „in einer ganzen Reihe von Äußerungen von Repräsentantinnen und Repräsentanten dieser Partei ein rassistisches Menschenbild zum Ausdruck kommen, das dem biblischen in keiner Weise entspricht“ ist eine Unterstellung. Denn das Hinweisen auf eine mangelhafte Integrationspolitik und die Sorge um die sozialen Disbalancen und deren Auswirkungen auf den sozialen Frieden sind nicht gegen die Flüchtlinge gerichtet, wohl aber gegen eine ignorante Politik und gegen die Missbrauchs-Einwanderer. Ich finde im Patreiprogramm der AFD eine offene Tür für den Verfolgten und eine biblisch orientierte Familien- und Genderpolitik.
    Vielleicht will sich Kirche manchmal doch zu mehrheitsfähig und „der Welt gleichmachen“, anstatt die biblischen Wahrheiten zu vertreten?

    Mit freundlichen Grüßen,
    F.M.

  • Samuel Waldner schrieb am 1. Mai 2016

    Sehr geehrter Herr Frank Mittnacht,

    weshalb sollte man den Schluss ziehen, dass der Widerstand gegen die AFD auf unbegründeten, unseriösen Quellen oder Meinungen beruhe, obwohl jene Äußerungen klar, dem verabschiedeten Programm der Partei zu entnehmen sind?

    Sie begeben sich durch Ihre vermeintliche Infragestellung der Objektivität auf diesselbe Ebene, auf der Sie die EKD oder EKHN hier, subtil und hinweisend, zu reduzieren scheinen.
    Sieht man sich das Parteiprogramm der AFD an, erkennt man bereits im Präampel die mehr als deutlichen Widersprüche.
    In diesem Dokument heißt es (S. 2): „Wir sind freie Bürger und keine Untertanen. Wir stellen uns gegen einen übermächtigen Bevormundungs- und Ideologie-Staat und gegen die Willkür der politischen Klasse. Wir stellen uns gegen die Kontrolle, Überwachung und Reglementierung aller Lebensbereiche.“

    Die Unterstellung von Christen, in Rücksichtnahme auf ihr staatliches Oberhaupt, wird unter anderem in Römer 13,5-7 deutlich: „Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um des Zorngerichts, sondern auch um des Gewissens willen.
    Deshalb zahlt ihr ja auch Steuern; denn sie sind Gottes Diener, die eben dazu beständig tätig sind.
    So gebt nun jedermann, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer, Zoll, dem der Zoll, Furcht, dem die Furcht, Ehre, dem die Ehre gebührt. „, aus: Schlachter 2000, © 2000 Genfer Bibelgesellschaft.
    Man kann nicht Nicht-Untertan sein und Untertan gleichzeitig sein.

    In dem Präampel heißt es zudem: „Wir stellen uns gegen jeden ideologisch motivierten Eingriff in die Privatsphäre und das Familienleben.“ und „Wofür wir eintreten, um es auf Dauer zu bewahren … für die abendländische, christliche, Kultur.“
    Die Bibel gibt klar und deutlich einen ideologisch motivierten Eingriff in das Familienleben wider. Ein nennenswerter Abschnitt aus Psalm 19:
    „Die Befehle des Herrn sind richtig, sie erfreuen das Herz; das Gebot des Herrn ist lauter, es erleuchtet die Augen.
    Die Furcht des Herrn ist rein, sie bleibt in Ewigkeit; die Bestimmungen des Herrn sind Wahrheit, sie sind allesamt gerecht.
    Sie sind begehrenswerter als Gold und viel Feingold, süßer als Honig und Honigseim.
    Auch dein Knecht wird durch sie belehrt, und wer sie befolgt, empfängt reichen Lohn.
    Verfehlungen — wer erkennt sie? Sprich mich los von denen, die verborgen sind!
    Auch vor mutwilligen bewahre deinen Knecht, damit sie nicht über mich herrschen; dann werde ich unsträflich sein und frei bleiben von großer Übertretung!“, Psalm 19,9-14 aus: Schlachter 2000, © 2000 Genfer Bibelgesellschaft.

    Nicht allein durch den internen Widerspruch des Programms, vielmehr in Verbindung mit Bibeltexten wird zunehmend sichtbar, dass kein Konsens gefunden werden kann. Die Texte widersprechen sich in elementaren Aussagen.

    Ausgebildete Journalisten schreiben über diese verblümte Schreibweise des Programms: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-programm-so-sieht-die-partei-die-welt-a-1089976.html

    Sie schreiben „Denn das Hinweisen auf eine mangelhafte Integrationspolitik und die Sorge um die sozialen Disbalancen und deren Auswirkungen auf den sozialen Frieden sind nicht gegen die Flüchtlinge gerichtet, wohl aber gegen eine ignorante Politik und gegen die Missbrauchs-Einwanderer. Ich finde im Patreiprogramm der AFD eine offene Tür für den Verfolgten und eine biblisch orientierte Familien- und Genderpolitik.“

    Dennoch gegen die Politiker, die in Einklang mit der Bibel zu stehen scheinen.
    Möchten Sie die aktive Entgegenstellung durch Rechtspopulistik und proaktive Gewaltanwendungen aus rechtsradikalen Bereichen relativieren oder die Projektionsfläche von Opfern seitens „der Flüchtlinge“ auf die rechte Seite verschieben?
    Die offene Tür steht jenen folgsamen und „linientreuen“ Menschen offen, anderen Menschen, die andere Werte haben und trotzdem friedlich leben möchten verschließt sie sich mit allen verfügbaren Mitteln wie es dem Programm zu entnehmen ist.
    Dies hat nichts mit der Liebe und Erkenntnis zu tun, die in der Bibel steht.

    In 1. Korinther 2,11-16 steht geschrieben:
    „Denn wer von den Menschen kennt die [Gedanken] des Menschen als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So kennt auch niemand die [Gedanken] Gottes als nur der Geist Gottes.
    Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, so daß wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist;
    und davon reden wir auch, nicht in Worten, die von menschlicher Weisheit gelehrt sind, sondern in solchen, die vom Heiligen Geist gelehrt sind, indem wir Geistliches geistlich erklären.
    Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muß. Der geistliche [Mensch] dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch wird von niemand beurteilt; denn »wer hat den Sinn des Herrn erkannt, daß er ihn belehre?« Wir aber haben den Sinn des Christus. „, aus: Schlachter 2000, © 2000 Genfer Bibelgesellschaft.

  • Walter Maas schrieb am 2. Mai 2016

    Natürlich darf die Kirche gegen die AfD sein, so wie sie sich zu allen anderen Themen eine Meinung bilden und diese auch vertreten darf – und sollte. Aber man wünscht sich dann doch ein argumentativ höheres Niveau. Der Artikel des Herrn Steller in „Frankfurt evangelisch“ kommt bei der Auseinandersetzung mit dieser Partei über Unterstellungen kaum hinaus. Die vielen Menschen auf den Nägeln brennenden Probleme, wegen der die AfD so populär wurde (und der sich die Kirche dringend annehmen solte!), werden nicht im Ansatz angesprochen.
    Die Kirche könnte eine wichtige Vermittlerrolle in der hitziger werdenden politischen Diskussion einnehmen oder wenigstens eine mahnende Stimme sein.

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