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Von – 22. Juni 2016

Die Bibel, das Fremde und unser koloniales Erbe. Ein Kommentar.

Im Frankfurter Bibelmuseum ist derzeit eine Ausstellung zu sehen über die Bedeutung der Bibel in vielen Teilen der Welt und gerade auch für Menschen, die auf der Flucht sind. Doch bei der Eröffnungsfeier im Kaisersaal des Römers beschlich unsere Autorin Silke Kirch ein mulmiges Gefühl.

https://www.youtube.com/watch?v=0xP9t8qeg64

Screenshot aus einem Video im Youtube-Kanal der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau über den Festakt zum 200. Jubiläum der Frankfurter Bibelgesellschaft im Kaisersaal des Römers. Ein Klick auf das Bild führt direkt zum Video.

An den Wänden etwa drei Dutzend herrschaftlich gekleidete großformatig gerahmte Kaiser –  ein halbes Dutzend Redner, ein echter Prinz und ein bunt gemischtes Publikum bevölkerten anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „fremde.heimat.bibel“ im Frankfurter Erlebnismuseum Bibelhaus den Kaisersaal im Römer. Zugleich wurde das 200-jährige Bestehen der Frankfurter Bibelgesellschaft gefeiert.

Unter den Rednern waren Volker Jung, Kirchenpräsident der EKHN und Schirmherr der Ausstellung, Museumsdirektor Jürgen Schefzyk sowie Pfarrer Johannes Friedrich, Vorsitzender der Deutschen Bibelgesellschaft. Sie alle hoben die Bedeutung der Bibel für die unterschiedlichen christlichen Gemeinden in der ganzen Welt hervor, betonten die Aktualität des „Buches der Bücher“, das spirituelle Wegzehrung auch für viele der Millionen Menschen ist, die derzeit auf der Flucht sind.

Allein in Frankfurt gibt es 80 christliche Gemeinden mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Der Kurator der Ausstellung, Veit Dinkelaker, führte mit Prinz Asfa-Wossen Asserate, der Ende der 60-er Jahre aus seiner ursprünglichen Heimat Äthopien zum Studium nach Deutschland kam und aufgrund des Militärputsches nicht zurückkehren konnte, ein Gespräch, das den Reigen der Redner belebte, vor allem auch deshalb, weil Asserate die drei abrahamitischen Religionen in eine gemeinsame Perspektive zu rücken verstand.

Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern christlicher Gemeinden aus aller Welt bilden auch einen Schwerpunkt in der Ausstellung. Miriam Fisshaye aus Eritrea, Cromwell Kebenei aus Kenia, Beatrice Onyele aus Nigeria und Tinur Siahaan aus Indonesien waren stellvertretend für viele andere anwesend. Veit Dinkelaker bedankte sich bei ihnen für ihre Offenheit, doch dann entglitten ihm im Überschwang der Begeisterung die Worte, mit den Anwesenden seien ja heute „Exponate aus Fleisch und Blut“ zu Gast. Ein kleines Raunen ging durch die Reihen, doch der Redner korrigierte sich nicht.

Ein kleiner Faux Pas? Oder doch etwas, das zu der staubigen Antiquiertheit des Kaisersaales ganz gut passte? Ich saß mit dem Rücken zur Wand, den Repräsentanten des kolonialen Deutschland womöglich irgendwo über mir im Bild. Manche Fehler sollten besser nicht geschehen.

Wem gehört die Bibel? Wo sind wir angekommen? Wir hörten den Gesang von Denise Féléo aus der Demokratischen Republik Kongo und von Rita William aus dem Irak. Hörten wir ihnen zu oder brauchten wir sie zur Auflockerung in der langen Reihe der Festredner? Ein wenig Paradiesvogel zwischen dem Staub unserer Ahnen? Ein paar Exotismen zur Auflockerung?

Ein mulmiges Gefühl stellte sich ein. Dieses mulmige Gefühl hatte vielleicht auch Veit Dinkelaker. Aber es stimmt, was Navid Kermani in seiner Rede für den jüngst verstorbenen Rupert Neudeck sagte: dass es nicht reicht, bei einem mulmigen Gefühl stehen zu bleiben. Sicherlich wird es zumindest eine Entschuldigung gegeben haben.

Die Ausstellung im Bibelhaus Erlebnismuseum, Metzlerstraße 19, ist noch bis Ende des Jahres zu sehen.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 22. Juni 2016 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Silke Kirch studierte Germanistik, Kunstpädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main und ist freie Autorin und Redakteurin.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Leonie Schiffler schrieb am 24. Juni 2016

    Ein rassistischer „Fauxpas“ von Veit Dinkelacker? Damit bin ich nicht einverstanden. Es stimmt zwar –mit einiger Fantasie könnte man hier tatsächlich Rassismus sehen. Trotzdem darf man den Gesamtzusammenhang nicht aus den Augen verlieren. In dieser Ausstellung werden keine Menschen als exotische Objekte behandelt – es geht vielmehr um die Geschichten hinter den Menschen, ihre Gedanken. Nichts an der Ausstellung degradiert sie. Wenn der Kurator also sagt, dass diese Menschen, Elemente der Ausstellung, heute in „Fleisch und Blut“ da sind, hat das nichts mit Herablassung zu tun. Es ist nur eine wahre Aussage mit einem kleinen Funken Witz.

    Als eine der Teilnehmerinnen an dem Interviewprojekt habe ich erlebt, wie die „Ausstellungsobjekte aus Fleisch und Blut“ selbst diese Aussage wahrnehmen. Als Veit Dinkelacker uns nach unserer Meinung, kamen gleich mehrere Antworten. Als Rassismus hat das keiner aufgefasst.

    Respekt zu zeigen ist wichtig. Man sollte aber nicht alles zu ernst nehmen, sollte auch Humor zulassen und es tolerieren, wenn mal jemand nicht die korrekteste aller politisch korrekten Formulierungen verwendet. Es kommt auf den Gedanken dahinter an. Wir sollten nicht Angst davor haben, gegenüber möglicherweise benachteiligten Gruppen offen zu reden.

    Wir haben an diesem Abend einige Reden gehört, die uns nicht besonders mitgerissen haben. Die meisten Redner haben auf eventuell als rassistisch interpretierbare Witze verzichtet. Vorsichtshalber gleich auch auf Witze allgemein. Veit Dinkelacker brachte etwas Humor und Kreativität ins Spiel. Und schon stürzt sich jemand auf ihn und macht einen Rassisten aus ihm. (Übrigens: Das im Artikel genannte „Raunen im Saal“ ist mir leider entgangen)
    Schade. Aber offensichtlich geht die politische Korrektheit vor.

    Mit einem „mulmigen Gefühl“ hat die Autorin den Saal verlassen.
    Und sie hat Recht damit, dass man ein solches Gefühl nicht ignorieren sollte – es kann ein Hinweis darauf sein, dass etwas schief läuft. Einem mulmigen Gefühl sollten wir auf den Grund gehen. Aber wir müssen unser Bauchgefühl auch hinterfragen.
    Wenn die Autorin das gemacht hätte, dann wäre sie vielleicht doch zu dem Schluss gekommen, dass alles gar nicht so schlimm ist.

  • Anja Harzke schrieb am 24. Juni 2016

    Ich frage mich, ob die Schreiberin bei derselben Veranstaltung wie ich war an diesem Abend ? Denn bei dieser Feier Kolonialismus und im Grunde ja Rassismus zu unterstellen , ist schon ein starkes Stück und eine unsägliche Fehleinschätzung. Denn wenn man den ganzen Abend und die Ausstellung wirklich wahrgenomen hat , wurde ja überdeutlich, dass gerade hier das Gegenteil passierte. Menschen aus allen Teilen der Erde ,die vor Jahren zu uns kamen und die Bibel als ganz wichtigen Besitz mitbrachten, kamen hier endlich einmal wirklich zu Wort. Ebenbürtig . Sie konnten ihre Geschichte erzählen und ihren Glauben. Hier waren sie eben nicht Staffage und bunte Kulisse wie sonst oft. Wie man etwas so falsch einschätzen kann , ist mir und sehr vielen anderen Besucher*innen dieses Abends, ein Rätsel.

  • Bettina Strübel schrieb am 25. Juni 2016

    Auch ich teile nicht die Meinung von Silke Kirch. Sicherlich war die Formulierung nicht ganz glücklich, dennoch halte ich es für falsch, dem Kurator Rassismus zu unterstellen.
    Ging es doch hauptsächlich darum, die Protagonisten der Filminterviews der Ausstellung aus ihrer digitalen Distanz in der Eröffnungsveranstaltung willkommen zu heißen und ihnen im Interview und auch als Sprecher_innen eine reale Stimme zu geben. Veit Dinkelacker hat dies in einer lockeren Art getan – ein durchaus angenehmer Kontrapunkt zu den anderen auch sehr bemerkenswerten Beiträgen. In der Musik sorgt so ein „Scherzo“-Satz für Abwechslung und macht den Geist wieder offen für schwerere Kost.
    A propos Musik: In der Konzeption der musikalischen Beiträge war mir wichtig, eben nicht einfach nur ein paar „exotische“ Beiträge zu organisieren, sondern durch das Zusammenklingen der Solisten aus Kongo und Irak mit den Sänger_innen des Interreligiösen Chores in der musikalischen Begegnung auch eine menschliche Begegnung zu ermöglichen. So hat die Intensität der Performance der Solistinnen beeindruckt und das klangliche Miteinander hoffentlich dazu angeregt die Musik als eine wunderbare Möglichkeit zu interkultureller Begegnung und Kennenlernen noch viel stärker in den Fokus zu nehmen.

  • Cantalouper schrieb am 26. Juni 2016

    Ich dachte, es wäre inzwischen Einigkeit, dass es bei einer kritischen Auseinandersetzung mit unserem kolonialen Erbe nicht darum geht, ob eine Aussage oder eine Handlung rassistisch gemeint war oder ob der, der sie macht, ein Rassist ist, sondern darum, was die Handlung für sich genommen besagt und wofür sie steht. PoCs in so einer Veranstaltung als „Exponate“ zu bezeichnen, ist ja wohl mehr als grenzwertig, weil hier jemand offenbar überhaupt nicht reflektiert oder nicht daran denkt, dass in früheren Zeiten Menschen aus den Kolonien hierzulande tatsächlich als Exponate ausgestellt und wie im Zoo begafft wurden. Diese Parallele existiert, egal ob der Sprecher diese Parallele ziehen wollte. Es ist wichtig, das zu kritisieren und so eine Kritik bedeutet gerade NICHT, dass jemandem Rassismus unterstellt wird. Sondern jemand wird darauf hingewiesen, dass er etwas Rassistisches gesagt hat. Das ist doch was ganz anderes. Es genügt nicht, etwas nicht böse zu meinen. Gerade wenn das stimmt, müsste man doch ein Interesse dran haben, etwas dazuzulernen.

    Was mich noch interessieren würde ist, ob es bei der Veranstaltung auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle gegeben hat, die die Bibel und das Christentum bei der Kolonialisierung gespielt haben? Oder wurden die Schattenseiten ganz ausgeblendet?

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