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Von – 3. Juni 2016

Evangelische Jugendliche in Frankfurt: Sie sind viele und sollen mitreden

Stadtjugendpfarrer Christian Schulte will nach Wegen suchen, die evangelischen Jugendlichen in Frankfurt besser zu vernetzen und ihnen eine Stimme zu geben – sowohl innerhalb der Kirche als auch gegenüber der Stadtgesellschaft. 

Will evangelische Jugendliche vernetzen und selbstbewusster machen: Stadtjugendpfarrer Christian Schulte beim Interview. Foto: Ilona Surrey

Will evangelische Jugendliche vernetzen und selbstbewusster machen: Stadtjugendpfarrer Christian Schulte beim Interview. Foto: Ilona Surrey

Mehr als 28.000 evangelische Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 27 Jahren leben in Frankfurt, und das sind nur die, die Mitglied in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sind. Dazu kommen noch die Jugendlichen aus Bergen-Enkheim (der Stadtteil gehört zu Kurhessen-Waldeck) sowie etliche junge Leute, die einer evangelischen Freikirche oder Migrationsgemeinde angehören und daher ebenfalls statistisch nicht erfasst werden. Wie kann man ihre Position stärken? Fragen an Stadtjugendpfarrer Christian Schulte.

Herr Schulte, Sie möchten in Frankfurt ein evangelisches Jugendforum gründen. Was muss man sich darunter vorstellen?

Im Kern geht es darum, Jugendlichen eine Plattform zu geben, die Möglichkeit, sich zu treffen und auszutauschen, zu sehen: „Was, so viele evangelische Jugendliche gibt es hier in der Stadt?“ Es wird ja oft so dargestellt, als gäbe es die evangelische Kirche nur noch am Rande, als kleiner Teil einer multikulturellen Welt.

Das heißt, Sie möchten so eine Art evangelisches Selbstbewusstsein unter Jugendlichen etablieren?

Das wär natürlich klasse, ist aber ein sehr hohes Ziel. Erst einmal geht es darum, die Jugendlichen wieder miteinander zu vernetzen, auch über die Gemeindegrenzen hinaus.

Wie wollen Sie das schaffen?

Aus meiner Sicht kann das nur funktionieren, wenn wir die Jugendlichen motivieren. Vielleicht mieten wir für den Auftakt ein Schiff, damit sie etwas Nettes miteinander machen. Mit einer Einladung, sich um einen großen Tisch zu setzen und zu reden  kann man Jugendliche nicht locken. Ich erwarte mir von so einem stadtweiten Forum auch, dass Themen forciert werden können. Wenn in einer Gemeinde oder einem Stadtteil zwei Jugendliche etwas kritisieren, geht das unter. Aber wenn es Hunderte sind, kann man das nicht so leicht übergehen.

Was für Themen sind denn für Jugendliche wichtig?

Ein Kernthema, das mir gerade entgegenschlägt, ist die Frage nach Räumlichkeiten. Die Kirchengemeinden sind immer stärker unter Druck, ihre Räume auch finanziell zu vermarkten. Deshalb wird alles zweckmäßig weiß gestrichen, da fühlt sich dann aber kein Jugendlicher mehr wohl. Und es geht auch ein Großteil an Spontanität verloren. Da muss man erst im Veranstaltungsplan gucken, ob dieser Raum jetzt frei ist…

Wie viele Gemeinden haben denn noch eigene Jugendräume?

Wir sind gerade dabei, das zu evaluieren, aber im klassischen Sinne sind es weit unter der Hälfte.

Dafür gibt es aber die Jugendkulturkirche Sankt Peter, die die Jugendlichen ganz für sich haben.

Sankt Peter kann nicht die Rolle klassischer Jugendarbeit übernehmen im Sinne von „Lass uns mal eben treffen“. Sankt Peter ist ein sehr gefragter Kulturort, was gleichzeitig bedeutet, dass es solche Spielräume für Spontanität dort leider auch nicht gibt.

Mit Ihrer Vernetzungsarbeit sprechen Sie nicht nur die evangelischen Landeskirchen an, sondern auch andere Gruppierungen, darunter evangelikale Gruppen wie „Entschieden für Christus“ oder den „Christlichen Verein Junger Menschen“. Gibt es da nicht Differenzen darüber, was „evangelisches Profil“ ist?

Dass man die eigene religiöse Grundtendenz offensiv vor sich herträgt, das nehme ich bei den Jugendlichen heute nicht mehr so wahr, oder jedenfalls nicht mehr so stark wie früher. Es gibt längst übergreifend Begegnungsmöglichkeiten, zum Beispiel hatten wir im Mai in Sankt Peter einen „Base-Gottesdienst“ mit 500 Jugendlichen, ich würde sagen, von jeglicher Couleur. Natürlich war der freikirchliche Bereich da stark vertreten, aber es gab auch sehr viel Interesse von klassischen evangelischen Gemeinden. Ich denke, wir sollten die Jugendlichen ganz bewusst wieder stärker mit religiösen Themen ansprechen.

Was heißt das?

Ich mache keinen Hehl daraus, dass wir in Zukunft um eine stärkere missionarische Ausrichtung von Jugendarbeit nicht umhinkommen. In den 1990er Jahren waren wir da vielleicht auch ein bisschen zu vorsichtig, religiös aufgeladene Themen an Jugendliche platzieren, damit wir sie nicht vergraulen. Aber ich glaube, gerade in der Zeit der Adoleszenz ist es für Jugendliche wichtig, dass sie ein klares Gegenüber haben. Es ist für sie interessant, wenn man nicht so einen Wischiwaschikurs fährt.

Die evangelische Kirche bietet aber bei vielen Themen gar nicht so klare Antworten wie vielleicht andere Religionen. Kann man das auflösen, also bei Liberalität und Eigenverantwortung bleiben, aber dennoch nicht Wischiwaschi sein?

Man muss unterscheiden zwischen religiösem Fundamentalismus und einer Diskursebene, die den anderen erstmal mit seiner Meinung stehenlassen kann. Das schließt aber nicht aus, selber eine klare Meinung zu haben. Das macht evangelisches Profil aus im Vergleich zu anderen, wo es nur eine von oben vorgegebene Leitlinie gibt. Genau das möchte ich den Jugendlichen mit auf den Weg geben: Dass sie eingeladen sind, selbstständig auch theologisch reflektiert aktiv zu werden. Es ist nicht allein Sache des Pfarrers oder der Pfarrerin, die Meinung zu setzen, sondern was die evangelische Kirche ausmacht ist, dass man darüber in den Dialog kommen kann.

Viele Jugendeinrichtungen der evangelischen Kirche, zum Beispiel die Jugendhäuser in den Stadtteilen, richten sich aber nicht nur an evangelische Jugendliche, sondern an alle. Konfessionslose oder muslimische Jugendliche kann man doch nicht mit christlichen Glaubenswahrheiten ansprechen?

Da antworte ich mit dem Neuen Testament: Manchen muss man ein Grieche sein und manchen ein Römer. Man kann Jugendlichen sowieso nicht mit der einen Sprache begegnen, sondern man muss jeden Jugendlichen persönlich anschauen und in den Blick nehmen.

Welchen Rat geben Sie Gemeinden, die mehr Jugendliche gewinnen möchten?

Punkt 1: Es gibt kein Patentrezept. Punkt 2: Jugendarbeit basiert immer auf einer persönlichen Begegnung, das heißt, man braucht jemanden, der sein Gesicht dafür hinhält, der identifizierbar ist für die Jugendlichen. Punkt 3: Man braucht einen langen Atem und eine hohe Frustrationstoleranz, und man muss auch mal Projekte ausprobieren, die dann vielleicht nicht funktionieren. Punkt 4: Es geht nicht darum, Angebote für Jugendliche zu machen, sondern dass Jugendliche die Möglichkeit haben, eigenverantwortlich Aufgaben zu übernehmen und die Gemeinde mit zu gestalten.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 3. Juni 2016 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe , .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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