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Von – 25. Juni 2016

Fußball als Therapie

Viele Krankheiten lassen sich beheben, indem man ein Fußballspiel besucht. Diese Erfahrung habe ich als Fußballapotheker gemacht. Der Beruf ist unbekannt? Tatsächlich gilt die von mir eröffnete Fußballapotheke eher ein Geheimtipp, hat allerdings schon manchen Klienten kuriert. Bei Diagnose „Entscheidungsschwäche“ etwa hilft der Blick auf den Spieler, der forsch zum Elfmeter antritt.

Foto: Georg Magirius

Foto: Georg Magirius

Manche kontaktieren die Fußballapotheke über Internet, sie schreiben mir per Mail: „Ich möchte, falls es Ihnen möglich ist, einmal über etwas sprechen. Bitte geben Sie mir eine Auswahl an Terminen, dann werde ich schauen, was von meiner Seite aus möglich ist.“ Bei solchen Anfragen ahne ich: Bis der Termin vereinbart ist, kann es dauern.

Und in der Tat: „An all den drei von Ihnen vorgeschlagenen Terminen kann ich nicht“, erhalte ich als Reaktion auf meine Antwort Auf erneute Terminvorschläge kommt lange keine Antwort. Schließlich: „Momentan habe ich viel zu tun.“ Das wirkt unwirsch, kurioserweise bittet der Absender aber darum, das Eintreffen seiner Antwort zu bestätigen. Ein schwieriger Fall!

Wochen später jedoch kann ein Anruf kommen: „Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen!“ Fünf Minuten später: Niemand da. Am nächsten Tag endlich steht der Kunde in der Apotheke, er hat es geschafft. Diagnose? Unentschlossenheit. In dem Augenblick, in dem man eigentlich doch etwas entschieden hat, erwägt man noch einmal eine andere Möglichkeit.

Unwiederbringliche Chance

Das hat womöglich mit der Angst zu tun, sich zu blamieren oder zu versagen. So entsteht ein Hin und Her, bis so manche Chance verstrichen ist. Dabei kann es begeistern, den Sprung zu wagen, sich auch gegen etwas zu entscheiden. Man übernimmt Verantwortung, kostet den schönen Moment aus, der die prickelnde Gefahr und die Aussicht auf Erfolg vereint.

Ich frage den Kunden dann nichts, erkläre nichts, überreiche ihm stattdessen eine Karte fürs Stadion: „Die gehört zur Therapie.“ Wenn ich könnte, würde ich nun den Schiedsrichter bestechen. Aber so hoch sind die Einkünfte eines Fußballapothekers nicht, zumal in den Therapiekosten auch schon eine Stadionkarte enthalten ist – häufig sind es gleich zwei, weil der Therapeut den Klienten ins Stadion begleitet.

Die Therapie allerdings schläft nicht selten beim ersten Spiel an – auch in diesem Fall: Jubel brandet auf, ein Spieler dringt in den Strafraum ein, gerät ins Straucheln: Foul oder nicht? Der Schiedsrichter pfeift – auch ohne mein Bestechungsgeld: Elfmeter! Ich hüpfe, juble – nicht nur über die Chance zum Tor, sondern weil mein Kunde eine heilsame Lektion erhält.

Er schaut mit großen Augen zu: Nun muss es sein – es geht nicht anders. Forsch tritt der Spieler an und schießt – Tor! Aber was wäre gewesen, wenn er nicht getroffen hätte? Egal. Es muss sein, es ging nicht anders. Denn wer zu lange zögert, verpasst die Möglichkeit. Ein anderer tritt an.

Georg Magirius hat die Fußballapotheke 2010 begründet.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 25. Juni 2016 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe .

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Georg Magirius ist Theologe und Schriftsteller und Kolumnist bei "Evangelisches Frankfurt". Mehr unter www.georgmagirius.de.

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