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Von – 20. Juni 2016

Stadtgeschichte: Klöster hatten’s meist nicht leicht in Frankfurt

Vier Mönchsorden gestalteten die Stadt Frankfurt mit: Dominikaner, Karmeliter, Barfüßer und Kapuziner. Leicht hatten sie es hier nicht immer. In der Reihe Sinn_Orte der Evangelischen Akademie zeichnete Christophorus Goedereis ihre Geschichte nach.

Das Dominikanerkloster an der damaligen Stadtmauer auf dem Merian-Plan von 1628.

Das Dominikanerkloster an der damaligen Stadtmauer auf dem Merian-Plan von 1628. Foto: Institut für Stadtgeschichte

Ein „Sündenpfuhl“, wie Martin Luther später monieren wird, scheint Frankfurt schon im 13. Jahrhundert gewesen zu sein. Die Dominikaner ließen sich hier jedenfalls mit dem Vorsatz nieder, die sittlichen Zustände zu verbessern. Wenngleich dies offenbar nicht zu realisieren war, hat die Stadt von der Präsenz des Ordens dennoch profitiert. Wie der Kapuzinerbruder Christophorus Goedereis in seinem Vortrag über die Innenstadtklöster vor Augen führte, lockte das 1250 fertig gestellte Dominikanerkloster die bedeutendsten Gelehrten und Künstler der Epoche an. Die intellektuell ausgerichteten Mönche hätten zudem einen regen Kontakt zur Bevölkerung gepflegt, Messegäste beherbergt und eine riesige Bibliothek unterhalten. Die Kirche – 1944 zerstört, nach dem Krieg neu gebaut und Heilig-Geist getauft – sei damals „das größte und geschmückteste Gotteshaus Frankfurts“ gewesen. Weil sich der Orden an das Interdikt des Papstes hielt, der nach einem Clinch mit dem Kaiser jeden Gottesdienst in Frankfurt verbot, wurden die Dominikaner im 14. Jahrhundert zwar kurzzeitig aus der Stadt verbannt. Nach der Rückkehr begann für sie jedoch eine fast 200-jährige Blütezeit, der erst die Einführung der Reformation 1533 ein Ende bescherte. Konnte das Dominikanerkloster zwar als katholische Enklave fortbestehen, so ließ die 1803 beginnende Säkularisierung auch das nicht mehr zu. Das von der Stadt vereinnahmte Gebäude ging 1953 dann in die Hände der evangelischen Kirche über.

Reiche Patrizier hatten eine Vorliebe für Bettelorden

Nachdem die Dominikaner in Sachen Klostergründung Pionierarbeit in Frankfurt geleistet hatten, zog es bald auch die Karmeliten und die Minderbrüder an jenen Ort, der wegen seines Handels und der Kaiserkrönungen zu den bedeutendsten Zentren Deutschlands zählte. Christophorus Goedereis bedauert, dass über das Wirken der Karmeliten nur wenig überliefert ist. Bekannt sei aber, dass reiche Patrizier eine Vorliebe für den Bettelorden besaßen, ihn finanziell unterstützten und seine imposante Heimstatt ermöglichten. Heute als Sitz des Instituts für Stadtgeschichte und des Archäologischen Museums dienend, stellte das Karmeliterkloster damals alle anderen Klöster in den Schatten. Dem Orden verdankt die Stadt auch das größte Weingut des Rheingaus, das im Zuge der Säkularisierung in ihren Besitz überging. Die Barfüßer kümmerten sich nach Recherchen des Kirchenrektors des Kapuzinerklosters Liebfrauen weniger um prächtige Gebäude, als vielmehr um kirchliche und seelsorgliche Belange. So hätten sie an jener Stelle, wo heute die Paulskirche steht, eine reine Predigtkirche errichtet und ein offenes Stadtkloster geführt. Ein Trakt wurde sogar zeitweise als Rathaus genutzt. Dennoch habe man auch die Barfüßer für rund zwei Jahrzehnte aus der Stadt verwiesen.

Für Christophorus Goedereis gibt es keinen Zweifel, dass vor allem die Dominikaner und die Barfüßer Stadtgeschichte geschrieben haben – auf jeweils eigene Weise. Während erstere das geistige Leben papsttreu bereicherten, unterzogen sich letztere 1496 einer radikalen Reform. Die Barfüßer schenkten ihre Besitztümer der Stadt, predigten 1522 erstmals reformatorisches Gedankengut und wechselten drei Jahre später offiziell zum Protestantismus über. In der  Barfüßerkirche, die für die nächsten 260 Jahre die evangelische Hauptkirche bleiben sollte, feierten sie 1531 das erste Abendmahl nach lutherischem Ritus. Da die Bomben des Zweiten Weltkriegs sowohl das Gotteshaus als auch das Kloster restlos zerstörten, beschränken sich die sichtbaren Barfüßerspuren auf eine Glocke, die heute in der Jugendkulturkirche Sankt Peter läutet.

Heute gibt es nur noch zehn Mönche in Frankfurt: Kapuziner

Im ehemaligen Refektorium des Dominikanerklosters beleuchtete der Kapuzinerbruder schließlich auch die Geschichte seines eigenen Ordens, der sich 1528 „als kleine radikale Gruppe, die zu den Ursprüngen des Franz von Assisi zurückkehren wollte, von den Franziskaner abgespalten“ hat. Als die Kapuziner 1623 an die Tore der Mainmetropole klopften, verwehrte ihnen der Rat zwar zunächst den Zutritt, ließ sie jedoch beim zweiten Versuch auf Frankfurter Boden. Genau ein Jahrhundert nach Gründung ihres Ordens bezogen sieben Kapuzinermönche den alten Antoniterhof an der heutigen Konstablerwache. Doch schon bald ereilte sie das gleiche Schicksal wie ihre Barfüßer- und Dominikaner-Kollegen: 1633 warf man die Kapuziner unter Spott und Hohn aus der Stadt, die sie erst nach 90 Jahren wieder betreten sollten. Kaum hatten die Brüder den Antoniterhof dann zu Kloster und Kirche ausgebaut, machte ihnen die Säkularisierung einen Strich durch die Rechnung: Der Komplex wurde abgerissen, und bis die Kapuziner 1917 an die Liebfrauenkirche angegliedert wurden, waren sie ohne eigene Bleibe. Seither von allen Unbilden verschont, unterhalten heute zehn Minderbrüder die einzige klösterliche Gemeinschaft, die der Mainmetropole noch verblieben ist.

Ihr Leiter Christophorus Goedereis findet dennoch, dass Frankfurt auf seine Klostergeschichte stolz sein kann. „Die Klöster waren maßgebliche Orte für die Entwicklung, die Identitätsbildung und die Kulturfindung einer Stadt, die sich immer wieder neu erfinden musste.“ Von der Evangelischen Akademie im Rahmen der Reihe „Sinn_Orte“ eingeladen, blickte er am Ende seines Vortrags auf das bevorstehende 500-jährige Reformationsjubiläum und schlug vor: „Lasst uns das Jahr 2017 zum reformatorischen-franziskanischen Gedenkjahr machen.“ Im selben Jahr, in dem sich die Kirche in Protestanten und Katholiken spaltete habe sich nämlich auch der Franziskanerorden in zwei Lager geteilt: die Konventualen und die Observanten.

Wie Athen oder Korinth vor zweitausend Jahren

War diese Anregung eher von Augenzwinkern begleitet, ist es Christophorus Goedereis mit einer anderen Sache ernst. Er wünsche sich im Reformationsjahr eine Selbstvergewisserung in der Frage „Wo steht unsere Gesellschaft in Sachen Religion, Glaube und Kultur?“ sowie einen intensiven Dialog der Religionen. Mögen viele in Frankfurt nur den wichtigsten Finanzplatz Europas sehen, bescheinigt Bruder Christophorus der Stadt eine gegenwärtig nicht minder wichtige Qualität: „Frankfurt ist religionsproduktiv. Hier ist alles möglich, so wie in Athen oder Korinth vor zweitausend Jahren.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 20. Juni 2016 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe , .

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