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Von – 1. Juli 2016

Hat die Liebe in der Kirche abgedankt?

Das Wort Liebe ist selten geworden, scheint mir. Selbst in den Kirchen, die doch als Liebesförder schlechthin gelten. Dort wird vielleicht noch Nächstenliebe angemahnt, um die Welt „ein Stückchen besser“ zu machen. Dann spricht man aber eher von Solidarität oder Engagement, womit etwas gemeint ist, zu dem man sich selbst aufraffen kann. Aber das hat nichts mit jener Macht zu tun hat, die hinreißt, mitreißt und etwas bringt, wovor viele eine abgrundtiefe Angst zu haben scheinen: Kontrollverlust.

Sachlich, nüchtern, kühl: So sehen Kirchen heute oft aus. Foto: Georg Magirius

Sachlich, nüchern, kühl: So schauen Kirchen heute oft aus. Foto: Georg Magirius

Der Kontrollverlust wurde einst gefeiert: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“, heißt es in einem Lied im Neuen Testament, „aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“ Dieses Lied klingt entfesselt, es steckt mit seinem Überschwang an, vielleicht weil es der Liebe nicht um ein Stückchen geht, sondern ums Große. Ums Ganze. Um Alles.

Das ist nichts Kühles und Kalkuliertes, sondern Leidenschaft. Und damit etwas anderes als ein Debattengegenstand. Als Thema sachbezogener Diskussionen tritt die Liebe in den Kirchen heute gelegentlich noch auf. Aber auch dann suche ich das Wort „Liebe“ nahezu vergeblich. Man spricht stattdessen über Lebensformen.

Diskutiert wird, wie Menschen korrekt, unkorrekt, innovativ oder traditi­onell miteinander verkehren. Nur kommt man dem Geheimnis der Liebe näher, wenn man sie als Verkehrswesen versteht? Sie lässt sich doch in keiner Jugendverkehrsschule erlernen.

Natürlich kann man Liebesschulen konstruieren und errichten, in denen man die korrekten Verkehrswege zur Anwen­dung und Durchführung eines Liebesgeschehens aneignen kann. Und am Ende würden Zeugnisse ausgestellt, dazu Liebesplaketten in Bronze, Silber und Gold vergeben.

Aber die Liebe, die sich besingen lässt, vergibt keine Medaillen. Sie ist das Größte, weil sie Grenzen spielend überschreitet und jeden Wettkampf verweigert. Sie verwandelt die Welt – und nicht nur ein Stückchen. Denn sie bleibt, wenn nichts mehr bleibt. Das Nichts also könnte der Urgrund der Liebe sein, das Nicht-Gemachte. Wenn ich nichts mache, nichts mehr will, kommt alles.

Von Georg Magirius ist das Buch erschienen „Gute Wünsche aus der Bibel“, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2016.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juli 2016 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe .

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Georg Magirius ist Theologe und Schriftsteller und Kolumnist bei "Evangelisches Frankfurt". Mehr unter www.georgmagirius.de.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Friedrich Peter Niebling schrieb am 16. August 2016

    Es ist heilsam, statt von Liebe zu sprechen, zu benennen, was die Liebe ausmacht. Zum Beispiel die Achtsamkeit! Oder auch die Solidarität und das Engagement, zu der „man“ sich eben nicht einfach nur aufraffen kann. Eine leidenschaftliche Liebe ist noch nicht die Liebe, sondern das mächtige und oft hilflose Suchen nach ihr. Gewiss! Der Liebende „weiß oder fühlt“ oder glaubt zu wissen von was er spricht, wenn er von der Liebe spricht. Doch weiß das auch sein Nächster? Und kann eine Liebesschule nicht auch ein Akt der Liebe sein? Und liegt im Verstehen, verbunden mit mehr Bewusstheit über sich selbst und einem weniger schädlichem Verhalten nicht auch das Potential „mitreißend“ zu singen? Bleibt noch die Frage, wohinein hat die Liebe ohne rechte Schulung die Welt bisher verwandelt? Ohne unsere Einsicht –womit nicht allein unsere Vernunft gemeint ist- ist die Liebe eben nicht das Größte. Mit der Liebe ist es wie mit Gott. Seine Größe kann uns auch in der Zerstörung unserer Lebensbedingungen gewahr werden, wenn wir beispielsweise eine Atombombe zünden. Die Größe der Liebe, wenn sie unreflektiert aus Säuglingen „Blutsauger“ entstehen lässt.

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