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Von – 1. Oktober 2016

Irritieren statt stabilisieren – über Feminismus in den Religionen

Über Religiosität und Feminismus diskutierten die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck, die muslimische Soziologin Naime Cakir und die Prodekanin der Evangelischen Kirche Frankfurt, Ursula Schoen, an einem Abend, den das jüdische Museum initiiert hatte. 

Diskutierten über Feminismus und Religiosität: Elisa Klapheck, Naime Cakir, Moderatorin Susanne Schröter und Ursula Schoen (v.l.n.r.). Foto: Ilona Surrey

Diskutierten über Feminismus und Religiosität: Elisa Klapheck, Naime Cakir, Moderatorin Susanne Schröter und Ursula Schoen (v.l.n.r.). Foto: Ilona Surrey

Über den jüdischen Feminismus in den USA sei sie auf ein liberales, modernes Judentum gestoßen, erzählte Elisa Klapheck, und habe erst so überhaupt zu ihrer Religion gefunden. Naime Cakir sagte, sie habe sich schon als Kind gegen die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen gewehrt. Ebenso, wie sie immer versuche, frauenbenachteiligende Strukturen offenzulegen, wehre sie sich aber auch gegen die Diskriminierung von Muslimen und Musliminnen. Feminismus sei nicht getrennt von allgemeinen Menschenrechten zu betrachten.

Ursula Schoen wies darauf hin, dass es die Frauenordination in der evangelischen Kirche erst seit den 1970er Jahren gebe, wodurch Frauen formal gleichberechtigt sind. Noch immer spuke aber auch das Modell des durch Luther geprägten evangelischen Pfarrhauses in den Köpfen herum: Die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder, während der Pfarrer nach außen wirken kann. Sie sagte auch, dass Feministinnen eine neue Rede von Gott gefordert hätten: Gott sei nicht nur Vater und Herr, sondern auch Mutter. Diese Art neues Bewusstsein versuche die Bibel in gerechter Sprache abzubilden.

Die Texte des Alten Testaments sind archaisch und patriarchalisch

Gott weiblich anzusprechen funktioniere im Judentum nicht, sagte Klapheck. Die Texte der hebräischen Bibel, das alte Testament, seien arachaisch und patriachalisch. Aber das störe sie nicht, denn sie beschrieben auch, dass Gott auf seiten derjenigen sei, die Emanzipation wollen – wie Versklavte und Frauen. Religion sei Bestärkung des eigenen Potenzials.

„Der Koran ist kein feministisches Handbuch“, sagte Cakir. „Wir müssen ihn in unsere Zeit übersetzen, auch wenn nicht alle Muslime damit einverstanden sind.“ Es gebe Wissenschaftlerinnen, die zwischen den Versen des Koran unterschieden, die überzeitlichen Charakter haben und Gleichberechtigung unterstrichen und denen, die an Zeit und Raum gebunden sind und deshalb in der Vergangenheit verhaftet. Andere überlegten, wie man frauendiskriminierende Wörter in den Versen des Koran anders übersetzen könne. Islamische Feministinnen  versuchten hervorzuheben, dass Mohammed sich für Frauenrechte eingesetzt habe und selbst auch mit starken Frauen verheiratet war.

Die feministische Debatte darf nicht selbstgenügsam sein

Schoen wies darauf hin, dass es zeitgebundene Auslegungen der Bibel gebe, wie etwa Eva als Verführerin. Das stehe aber gar nicht im biblischen Text. Adam heiße hebräisch Mensch und er sei männlich und weiblich gewesen, erläuterte daraufhin Klapheck. Die Frau sei also nicht aus seiner Rippe entstanden, sondern war sozusagen eine Häfte von ihm. Kirche habe in der Vergangenheit leider oft stabilisierend in der Gesellschaft gewirkt, sagte Schoen. Sie müsse sich doch vielmehr fragen, wie sie irritieren könne. Auch mit feministischen Fragen. Aber ihr sei wichtig, dass die feministische Debatte nicht selbstgenügsam sei.Es gehe um die unteilbare Würde aller Menschen als Geschöpfe Gottes.

Wo Kirche Organisation werde, gehe es wie in anderen gesellschaftlichen Strukturen um Macht, sagte die Prodekanin: Man müsse den Grad der Partizipation von Frauen und Männern immer wieder neu aushandeln. Erst  an diesem Vormittag habe sie erlebt, dass vor der Einstellung einer Pfarrerin mit drei Kindern gefragt wurde: ‚Schafft die das?‘. „Wenn das ein Mann gewesen wäre, wäre doch niemand auf diese Idee gekommen.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Oktober 2016 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe , .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Ira Lenski schrieb am 1. Oktober 2016

    Ein Artikel, bei dem man jeden Satz nur unterstreichen kann.
    Genau so eine lutherische Pfarrersfrau war meine Schwiegermutter, die leider im März mit 79 Jahren verstorben ist.
    Ich wünsche mir als überzeugte Protestantin, dass evangelische Kirche heute Raum bietet für zeitgemäße Familien- und Lebensmodelle.
    Das süddeutsche Dorf meiner Schwiegermutter damals war damals, heute brauchen wir Antworten, die zeitgemäßere Lebensstrukturen beinhalten!

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