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Von – 24. Oktober 2016

Stille Explosion. Leonardo Boff schreibt über den Heiligen Geist.

Ist der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff brav geworden, hat er die Gesellschaftskritik an den Nagel gehängt und schreibt nur noch Erbauungsliteratur? Unsere Rezensentin meint: Nein.

Leonardo Boff voriges Jahre bei einer Konferenz in Argentinien. Foto: Ministerio de Cultura de la Nación Argentina

Leonardo Boff voriges Jahre bei einer Konferenz in Argentinien. Foto: Ministerio de Cultura de la Nación Argentina

Es gibt Menschen, die sagen, der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff habe von gesellschaftskritischen Texten auf erbauliche Meditationsliteratur umgesattelt, zumindest in der Tendenz. Das schrieb etwa Angelika Dörfler-Dierken, Kritikerin der Neuen Zürcher Zeitung, über Boffs Werk „Die Logik des Herzens“. Wer jedoch sein jüngst erschienenes Buch „Der Heilige Geist“ liest, muss feststellen, dass solche Stimmen dem Träger des Alternativen Nobelpreises und bekanntesten Kirchenkritiker weltweit Unrecht tun.

Boff, geboren 1938, mahnte stets politische Reformen an und stritt sich öffentlich mit Kardinal Joseph Ratzinger, bevor dieser Papst wurde. Und nun also der Heilige Geist, eins der am wenigsten greifbaren Konstrukte der christlichen Theologie. Wenig greifbar allerdings nur auf den ersten Blick: Wer sich dem Geist nähert, sucht Gott nicht mehr in hierarchisch verfestigten Strukturen, sondern in seinem lebendigen Wirken in der Schöpfung, in der Geschichte und in der Biografie eines jeden Einzelnen.

Boff wagt das Unterfangen, das biblische Zeugnis und die kirchliche Tradition vom Heiligen Geist neu zu deuten. Er verwebt die systematische Theologie der Gegenwart mit der mystischen Tradition, denkt dabei über die  großen Krisen der Gegenwart nach und lässt sich sogar auf kosmologische Herleitungen ein: „Schon der Urknall, jene stille Explosion, war von der intensiven Gegenwart des Geistes geprägt.“

Man kann Boff so lesen, dass er die traditionelle Redeweise vom Heiligen Geist zu einer lebendigen Quelle für eine zeitgenössische Theologie weiterdenkt. Damit bleibt er sich angenehm treu: „Der Geist weht wo er will, aber er weht mehr durch die Häuser der Armen, als der Reichen. Der Geist ist ein Teil Gottes und ein Teil des Wirkens des Geistes zeichnet sich durch die Befreiungstat Jesu Christi am Kreuz aus.“

Boffs Themen sind auch heute noch die Armen und die Ungerechtigkeit der Verteilung der Macht, der Güter und des Reichtums. Er hält es für möglich, dass auch hier der Heilige Geist eines Tages noch eingreift und es eine Umwälzung gibt. Boff gibt sich hoffnungsvoll: „Komm, Heiliger Geist, beeile dich und komm bald! Pfingsten war erst der Anfang.“

Leonardo Boff: Der Heilige Geist: Feuer Gottes – Lebensquell – Vater der Armen (übersetzt von Bruno Kern). Herder, Freiburg im Breisgau 2014, 288 Seiten, 29,99 Euro.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 24. Oktober 2016 in der Rubrik Bücher & Filme, erschienen in der Ausgabe .

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Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de.

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