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Von – 24. November 2016

Nachts Träume, tags Ziele: Ein Jahr in Deutschland

Hunderttausende kamen voriges Jahr aus Syrien nach Deutschland. Was ist aus ihnen geworden? Zwei Geflüchtete erzählen.

Mit dem Deutschsprechen klappt es schon sehr gut, jetzt hofft Abdullah auf einen Studienplatz. Foto: Rolf Oeser

Mit dem Deutschsprechen klappt es schon sehr gut, jetzt hofft Abdullah auf einen Studienplatz. Foto: Rolf Oeser

Träume, sagt Abdullah, habe er nur in der Nacht. Am Tag seien es Ziele. Dass er die mit Vehemenz verfolgt, glaubt man dem 24-jährigen Syrer sofort. Seit August 2015 ist er in Frankfurt, dafür spricht er bemerkenswert gut Deutsch. In Syrien war er wegen Wehrdienstverweigerung und der Teilnahme an Demonstrationen zwei Mal verhaftet worden. Trotzdem dauerte es sieben Monate, bis er als Flüchtling anerkannt war und einen Integrationskurs besuchen konnte.

Aber Abdullah ist nicht der Typ, der tatenlos herumsitzt und wartet. Zum Deutschlernen nutzte er die Angebote ehrenamtlicher Initiativen und suchte Kontakt zu Muttersprachlern. Im Gegenzug bot er Frankfurter Fußballvereinen seine Dienste an – bis zur Flucht hatte er an der Universität Aleppo Sportwissenschaft studiert. Inzwischen trainiert Abdullah hier den Fußballnachwuchs, zunächst in Hausen, jetzt in Ginnheim, wo er wohnt. Dort arbeitet er zusätzlich als Sporttrainer in einem Kinderhaus. Seit Oktober besitzt er auch den deutschen „Schiri-Pass“.

Abdullahs Geschichte ist nur eine von vielen, die zeigt, wie wichtig es ist, dass nicht nur staatliche Behörden, sondern auch ehrenamtliche Initiativen eine Anlaufstelle für geflüchtete Menschen sind. Das sagt auch Pfarrerin Heike Seidel-Hoffmann, die im Auftrag der evangelischen Kirche freiwillige Hilfsangebote koordiniert. Integration funktioniere nur über persönliche Kontakte. Das gelte vor allem für Menschen, die nicht so fit und energiegeladen sind wie Abdullah.

Die 48 Jahre alte Nawal etwa hat mit ihrer 15-jährigen Tochter Layal den strapaziösen Weg über die Türkei, Griechenland und den Balkan bewältigt. Seit zehn Monaten ist sie in Deutschland und fühlt sich hier „sicher und geborgen“, wie sie sagt. Aber die schrecklichen Erinnerungen an Bombardierung und Flucht holen sie fast täglich ein. Und vor allem die Sorge um ihren Mann, der zur Flucht körperlich nicht in der Lage war und in Damaskus zurückblieb. Dass Nawal immer noch so viel Zeit mit untätigem Warten verbringen muss, macht es natürlich nicht einfacher. Nicht einmal zur Anhörung hat man sie bislang geladen, die Anerkennung als Asylberechtigte und damit auch ein Platz in einem Integrationskurs stehen folglich noch aus. Ein Rettungsanker ist für sie das Café Deutschland, ein von Kirchen und anderen Gruppen initiierter offener Treff, den sie regelmäßig besucht. „Das lenkt mich etwas ab von dem Schmerz.“

Immerhin wurde Nawals Tochter inzwischen einer Integrationsklasse zugeteilt; Layal habe dort schon Freundschaften geschlossen und komme mit dem Deutschlernen voran. Abdullah konzentriert unterdessen all seine Energie darauf, das in Aleppo begonnene Studium weiterzuführen. Im Sommer hat er an einem Test für ausländische Studierende teilgenommen und hofft jetzt, einer der 50 Auserwählten unter den 200 Bewerberinnen und Bewerbern zu sein. Wenn nicht, will er sich einen Ausbildungsplatz suchen. „Ich habe damit gerechnet, dass die erste Zeit schwer sein wird.“ Resignieren werde er auf keinen Fall.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 24. November 2016 in der Rubrik Menschen, erschienen in der Ausgabe .

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